Acht BRK-Wachleiter aus Kreis Kelheim kritisieren ihre zwei Chefs scharf – die kontern energisch

In der Führungskrise beim Rot-Kreuz-Kreisverband Kelheim verschärft sich der Ton. Mit einem Brandbrief gehen acht leitende Mitarbeiter des Rettungsdienstes erstmals namentlich an die Öffentlichkeit.
Sie kritisieren „verfehlte Personalentscheidungen und mangelhafte Informationspolitik“ sowie einen „völlig untragbare(n) Führungsstil“. Die Kritisierten, Kreisgeschäftsführer Christoph Kühnl und Rettungsdienst-Leiterin Josefine Gebendorfer, weisen die Vorwürfe als „weitestgehend widerlegbar“ zurück; vieles sei zudem unkonkret und nicht belegt.
Betroffenes Schweigen: So muss man sich nach Angaben eines Teilnehmers die erste Reaktion vorstellen, nachdem in der Sitzung des BRK-Kreisvorstands am 11. Juli einer aus der Runde den zweiseitigen Brief vorgelesen hatte, den acht Führungskräfte des Rettungsdienstes verfasst haben. Sie listen – aus ihrer Sicht – Missstände auf, die „den funktionierenden Betriebsablauf im Bereich des Rettungsdienstes gefährden“ und „das Ansehen der Wachleitungen“ bei den Beschäftigten ramponiere.
Unterschrieben haben die Leiter und Vize-Leiter der Rettungswachen Kelheim (Christian Karl und Jürgen Fleischmann), Riedenburg (Josef Eberl und Ludwig Häckl), Neustadt (Harald Mittermeier und Philipp Wutzer) und Mainburg (Wolfgang Wallbrunn und Maximilian Heine). Bis zum Juni, als der Brief entstand, waren das alle Rot-Kreuz-Wachen im Landkreis, die das BRK für den kreisweiten Rettungsdienst betreibt. Seit 1. Juli gibt es eine neue Wache in Langquaid; seither ist die Leiterin dort offiziell im Amt, für das sie zum 1. April eingestellt wurde.
Frust bei „Papis der Wache“
Die Wachleiter sind zuständig für einen reibungslosen Einsatz-Ablauf, für die Dienstpläne und somit die lückenlose Sicherstellung des Rettungsdienstes, für Materialbeschaffung für die Fahrzeuge und ähnliches. „Man ist sozusagen der Papi von der Wache“, erklärt einer von ihnen, der im Auftrag Aller Auskunft zum Brandbrief gibt. Ihre Chefin ist Rettungsdienstleiterin (RDL) Josefine Gebendorfer und deren Stellvertreter.
Den Brandbrief wollten die Wachleiter im Juni der Vorstandschaft vorlegen. Die Sitzung fiel jedoch aus, wegen des Katastrophenfalls Hochwasser. Vor dem neuen Termin, 11. Juli, habe man den Brief an ein Vorstandsmitglied übergeben mit der Bitte, ihn bis zur Sitzung geheim zu halten: Man habe befürchtet, dass das Schreiben sonst womöglich von der Tagesordnung fliegen könnte.
Kreis-Geschäftsführer (KGF) Christoph Kühnl bestätigt, dass der Brief für ihn am 11. Juli neu war. Dabei klingt Kritik durch: „Im Vorfeld haben weder die Unterzeichner noch das vortragende Gremienmitglied aktiv den Kontakt zur Geschäftsführung gesucht, um die angesprochenen Themen zu adressieren“, schreibt er auf unsere Anfrage. Bei drei Besprechungen im Juni hätten „die Kollegen sich zwar kritisch zu sachlichen Einzelthemen, jedoch nicht in diesem Umfang geäußert“. Ansonsten gebe es „bis heute eine einzige schriftliche Beschwerde eines Wachleiters“ über die RDL, die in einer Dienstbesprechung auch schon „bearbeitet wurde“.
Die Wachleiter berichten, sie hätten auf den Brief erst „Null Reaktion“ erhalten, dann eine Mail, „dass man sich um die Probleme kümmern werde“. Diese Mail vom 17. Juli bestätigt KGF Kühnl: Man habe sie einen Tag nach dem Rücktritt der vier Kreis-Vorstandsmitglieder versandt.
Zu den Rücktritten gaben verbliebener Vorstand und Geschäftsführung ebenfalls am 17. Juli eine Pressemitteilung heraus. Darin steht, man könne „keine ,erheblichen Spannungen und Unstimmigkeiten‘ in der Zusammenarbeit zwischen ehren- und hauptamtlich Mitarbeitenden feststellen“; dennoch gebe es „wiederholte, gleichlautende Behauptungen, die oft anonym adressiert werden“.
Dies hat die acht Wachleiter nach Angaben ihres „Sprechers“ dazu bewogen, ihren Brandbrief nun öffentlich zu machen. „Wir hatten gehofft, dass in der Vorstandschaft jemand für uns argumentiert“; deshalb sei der Rücktritt der Vier „schockierend“ gewesen, wie „ein Davonlaufen“. Mittlerweile, so der Wachleiter, sei er überzeugt, „dass wir uns selbst auf die Hinterfüße stellen müssen“. Wohl wissend, dass dies für alle berufliche Konsequenzen haben könne. Freilich auch im Wissen, dass die Wachleitung eine tragende Säule in der Rettungsdienst-Organisation ist – und damit nicht ohne weiteres ersetzbar.
„Zeitnahe Bearbeitung“
Geschäftsführer Kühnl kündigt an, „wir werden zeitnah mit den Unterzeichnern an den angesprochenen Problemen arbeiten, um einen reibungslosen Arbeitsablauf für alle beteiligten Stellen zu ermöglichen.“
Das sagt die BRK-Landesgeschäftsstelle
Struktur: Das Bayerische Rote Kreuz ist eine Körperschaft des öffentlichen Rechts mit 73 Kreisverbänden. Grundsätzlich werde über Probleme wie die in Kelheim zunächst erst auf dortiger Ebene beraten, teilt Claire Banzer mit, Vize-Pressesprecherin des Landesverbands. Das anonyme Schreiben vom März, in dem erstmals die Querelen öffentlich wurden, liege der Landesgeschäftsstelle vor.
Reaktion: Gefragt nach den Rücktritten in der Kelheimer Kreisvorstandschaft schreibt Banzer, „Persönlichkeiten, die ein Wahlamt innehaben, sind darauf angewiesen, Mehrheiten für sich zu gewinnen“. In Sachen Brandbrief der Wachleiter verweist sie auf einen „großen Veränderungsdruck, der auch unsere Gliederungen beschäftigt“, und dass „die Besetzungsquote der Rettungsdienst-Schichten derzeit bei 100 % liegt“.