Schwandorf soll Klärschlamm-Metropole werden: Nach Trocknung auch Verbrennung geplant

Von Hubert Heinzl · 24. Juli 2024 um 19:00

In Schwandorf soll eine weitere Verbrennungsanlage gebaut werden – nur für Klärschlamm. Das hat der Zweckverband Müllverwertung Schwandorf (ZMS) beschlossen. Bei der Stadtratssitzung am Montag gab OB Andreas Feller (CSU) einen Bericht, doch viele Fragen blieben offen. Das sind die Fakten.

Noch kann vorbehandelter Klärschlamm in Anlagen wie Zementwerken oder Kraftwerken mitverfeuert werden, doch diese Möglichkeit ist durch die Novelle der Klärschlammverordnung bis 2029, bei kleineren Kläranlagen bis 2032 befristet. Ab dann greift die Verpflichtung, das Phosphat aus dem Klärschlamm zurückzugewinnen. Der Gesetzgeber schreibt dafür keine bestimmte Technologie vor. Im industriellen Maßstab ist für viele Anlagenbetreiber wie eben auch den ZMS die Verbrennung und spätere Phosphatabscheidung die Methode der Wahl.

Beteiligung an Straubing ist praktisch vom Tisch

Die geplante Verbrennungsanlage in Straubing, an der sich der ZMS maßgeblich beteiligen wollte, liegt wegen erfolgreicher Einsprüche vor dem Verwaltungsgericht Regensburg immer noch auf Eis. Aufgrund der zeitlichen Vorgaben hat der Schwandorfer Müll-Zweckverband jetzt die Reißleine gezogen. „Der Zeitdruck ist extrem“, brachte es Verbandsdirektor Thomas Knoll gegenüber unserer Zeitung auf den Punkt.

Für den geplanten Standort beim Schwandorfer Müllkraftwerk sprechen vor allem die kurzen Wege und die vorhandene Infrastruktur. Die Klärschlammverbrennung ist direkt gegenüber der Klärschlammtrocknungsanlage, jenseits des Bahngleises, auf einem Grundstück der Nabaltec AG geplant. Ein Bestandsgebäude auf dem Areal des Unternehmens soll für die künftige Bebauung abgerissen werden. Ob der ZMS das Grundstück erwirbt, ist noch unklar. Denkbar seien auch Erbbaurechtmodelle oder langfristige Pachtverträge, hieß es.

Geplant ist eine „kompakte Anlage“

Verbandsdirektor Knoll hat bei der ZMS-Versammlung davon gesprochen, dass für die Verbrennung des Klärschlamms in Schwandorf eine „kompakte Anlage“ ausreichen werde. Das liegt nach seinen Worten einfach daran, dass durch die bestehende Infrastruktur auf zahlreiche Einzelkomponenten verzichtet werden könne. Eine Trocknungsanlage gebe es bekanntlich schon, gesteuert werden könne die Klärschlammverbrennung vom Leitstand am Müllkraftwerk. Auch auf eine eigene Turbine, Nebenaggregate, Magazine und Werkstattgebäude könne verzichtet werden. Durch solche Synergieeffekte verringern sich laut Knoll Investitionen und Betriebskosten.

Knapp unter 40.000 Tonnen im Jahr

Wie Verbandsdirektor Knoll auf Anfrage erläuterte, ist die Klärschlammverbrennung auf etwas unter 40.000 Tonnen pro Jahr ausgelegt. Verfeuert werden soll in Schwandorf ausschließlich Klärschlamm mit einem Anteil von 40 bis 45 Prozent Trockensubstanz – der Rest ist Wasser. Dafür werden vorab zwei Materialströme gemischt: Etwa 12.000 Tonnen Klärschlamm mit einer Trockensubstanz von 90 Prozent liefert die bereits bestehende Trocknungsanlage jährlich zu. Weitere rund 24.000 Tonnen mit etwa 25 Prozent Trockensubstanz sollen künftig aus zusätzlichen Quellen stammen – etwa von Kommunen, die noch Mitglied im Zweckverband thermische Klärschlammverwertung (ZTKS) werden wollen. Interessenten gibt es.

Obwohl die Annahme-Kapazität der Klärschlammtrocknung (jährlich 50.000 Tonnen Material mit 25 Prozent Trockensubstanz) schon jetzt ausgeschöpft ist, könnte der Kreis der zurzeit etwa 40 ZTKS-Mitglieder auf dem Weg über die Klärschlammverbrennung also noch erweitert werden.

Wärme reicht rein rechnerisch für 1600 Haushalte

Die neue Klärschlammverbrennung soll jährlich genug Wärmeenergie für 1600 Haushalte erzeugen, hieß es bei der Verbandsversammlung. Bekommt der Ausbau der Fernwärme in Schwandorf in den nächsten Jahren also automatisch einen neuen Schub? So einfach ist es nicht.

Schon jetzt stellt der ZMS nach eigenen Angaben über das Müllkraftwerk jährlich 80.000 Megawattstunden an Wärmeenergie in Form von Niederdruckdampf bereit, der für den Eigenbedarf, die Klärschlammtrocknung, industrielle Prozesse bei der Nabaltec und die städtische Fernwärmeversorgung genutzt wird.

Mit der Klärschlammverbrennung sollen laut Verbandsdirektor Knoll noch einmal bis zu 40.000 Megawattstunden pro Jahr dazu kommen. „Das heißt, das Angebot für beide Abnehmer, die Nabaltec und die Fernwärme, erhöht sich grundsätzlich deutlich“, so Knoll. Für den Ausbau der Fernwärme sind nach seinen Worten aber auch ganz andere Faktoren maßgeblich, etwa die Druckverhältnisse über längere Entfernungen hinweg.

Auch Skepsis gegenüber den Verbrennungsplänen

Der Bund Naturschutz fordert seit Jahren, den Ausbau der Klärschlammverbrennung zurückzustellen, bis alternative Verfahren im größeren Maßstab erprobt seien, findet damit aber nur wenig Gehör.

Auch in der Kommunalpolitik gab und gibt es kritische Stimmen. Noch 2018 hatte sich der Stadtrat mehrheitlich gegen eine Klärschlammverbrennung in Schwandorf ausgesprochen. OB Andreas Feller (CSU) stimmte in der ZMS-Versammlung dem Projekt jedoch zu – wie alle anderen Verbandsräte. Im Stadtrat erklärte Feller nun: „Ich hatte den Beschluss nicht mehr auf dem Schirm.“ Damals habe man allerdings auch noch keine Ahnung von Energiekrise oder Lieferengpässen gehabt. „Die Welt hat sich weiter gedreht“, sagte der OB. Er räumte ein, dass er an das Votum des Stadtrats gebunden gewesen wäre.

Kritisch sieht die SPD das Projekt. Grundsätzlich sei die Klärschlammverbrennung wegen der Rückgewinnung des Phosphors sinnvoll, so Fraktionschef Franz Schindler. „Aber in Schwandorf wollen wir das nicht wegen der Belastungen, die es jetzt schon gibt.“ Auch ÖDP und Grüne sind skeptisch. Ein Bürgerbegehren schließt Marion Juniec-Möller (Grüne) wegen der rechtlichen Hürden aus, richtet aber wie Stadtrat Alfred Damm (ÖDP) zwei Forderungen an den ZMS: Zum einen müsse für die Bevölkerung ein Maximum an Emissionsschutz verwirklicht, zum anderen ein verlässlicher und zeitnaher Ausbauplan für die Fernwärme vorgelegt werden.

Jetzt gibt es Gespräche mit der Nabaltec

Laut ZMS-Verbandsdirektor Thomas Knoll stehen in einem ersten Schritt jetzt Gespräche mit der Nabaltec über den Grundstückserwerb an. Nach Begutachtung des Areals und „Erhebung der Basisdaten“ könne der ZMS die Ausschreibung der Planungsleistungen vorbereiten. Geprüft wird der Bau der Anlage im Zuge eines Verfahrens nach dem Bundesimmissionsschutzgesetz. Genehmigungsbehörde ist die Regierung der Oberpfalz.