Zwischen Bühne, Breakball und Büro: Neumarkts Landrat hat viele Leidenschaften, die nicht jeder kennt

Er wuchs in einer Wirtschaft auf und übernahm eine kleine Rolle in einem Krimi, er war Bassist der Band „Nightlife“ und spielt gern Schafkopf mit Albert Füracker – am 11. Juli wird Landrat Willibald Gailler 70. In einem besonderen Interview verrät er, wie es nach der nächsten Wahl in zwei Jahren weitergeht und was ihn auf die Palme bringt.
A wie Auftritt: Im Regionalkrimi „Ein ganz heißes Pflaster“ kann man Willibald Gailler als Mitarbeiter in der Verwaltung sehen, der es „mit ein bisschen Entscheidungsfreudigkeit bestimmt mal zum Bürgermeister bringt“. Wie gut können Sie über sich selbst lachen?
Willibald Gailler: Kann ich schon. Es gibt viele Gelegenheiten, auch politisch muss man einen gewissen Humor oder besser eine gewisse Gelassenheit an den Tag legen. Man darf sich nicht zu ernst nehmen, denn man ist nie allein.
B wie Bier: Bier, Wein, alkoholfrei – was trinken Sie am liebsten?
Gailler: Alles. Wir haben im Landkreis tolle Brauereien, ich mag aber auch Frankenwein. Oder alkoholfreies Weizen, gerade wenn man tagsüber unterwegs ist. Bier gehört zu Bayern. Ich stamme aus einer Wirtschaft, meine Mutter hat immer gesagt: Bier ist was Gesundes.
C wie Club: Sie sind eigentlich Club-Fan, öfter aber auch bei der Spielvereinigung in Fürth zu Gast. An welchem Verein hängt Ihr Herz?
Gailler: Von der Historie bin ich Fan des 1. FCN, so wurde ich in Kindheit und Jugend geprägt. Aber da ein Bekannter bei Greuther Fürth in verantwortlicher Position ist, bin ich öfter auch dort. Ich mag beide Vereine. Wenn Derby ist, sage ich: Der Bessere soll gewinnen.
D wie Durchschnitt: Wie sieht der durchschnittliche Tag im Leben als Landrat aus?
Gailler: Montag bis Freitag bin ich viel im Büro, habe mal Termine in Regensburg oder München. Abends und am Wochenende bin ich viel bei repräsentativen Terminen unterwegs. Ich genieße das zum Teil aber auch, weil es ja schön ist, was im ländlichen Raum alles auf die Beine gestellt wird.
E wie Ehefrau: Wie oft sieht Stilla Gailler ihren Mann?
Gailler: Fast jeden Tag, in der Früh und am Abend. Aber es ist schon so, dass eine Frau viel Verständnis mitbringen muss für einen Mann, der die Kommunalpolitik wirklich liebt.
F wie Freystadt: Hier wohnen Sie, hier wurden Sie politisch groß. Wie schwer ist es, eine Gemeinde als Landrat nicht zu bevorzugen?
Gailler: Ich freue mich bei allen 19 Städten und Gemeinden, wenn sie sich gut entwickeln. Natürlich nehme ich verstärkt zur Kenntnis, was in Freystadt passiert, versuche aber, Rahmenbedingungen zu schaffen, mit denen sich alle gut entwickeln können. Ich bevorzuge keine Gemeinde – denn überall packen Menschen an.
G wie Garten: Rasenmähen, Bäume schneiden – das machen Sie selbst. Ist Gartenarbeit Belastung oder Entspannung?
Gailler: Ein Garten hat viele Wohlfühlfaktoren. Gerade haben wir Kirschen geerntet, später kommen dann die Zwetschgen und Äpfel. Ich kann mich bei der Gartenarbeit entspannen, da ist eine gewisse Leidenschaft da. Meine Frau ist da auch sehr aktiv, sie macht mehr den Nutzgarten, ich den Rest.
H wie Heimat: Sie stimmen mit Albert Füracker oder Bürgermeistern bei Veranstalten gerne mal Heimatlieder an.
Gailler: Stimmt. Momentan ist es häufig „Dem Land Tirol die Treue“, da singe ich dann mit dem Albert Füracker oder dem Bürgermeister Eisenreich. Auch beim Blasmusik-Nachmittag am Jura-Volksfest muss ich immer singen. Das ist auch schön, ich mache das gern.
I wie Instagram: Was für die Jungen oder überlebenswichtig für jeden Politiker?
Gailler: Es ist sicher mehr was für die Jungen, aber die sozialen Medien nehmen an Bedeutung zu. Andererseits darf man sie nicht überbewerten. Ich bin auf Facebook. Auf manche Nachricht könnte man verzichten – andererseits kann man so auch Verbindungen halten und bekommt Dinge von Menschen oder aus Orten mit, von denen man so sonst nicht so einfach erfahren würde.
J wie Juradistl: Ob Lamm, Rind, Honig oder Apfelsaft: Welches ist Ihr Lieblingsprodukt?
Gailler: Juradistl wurde vom Landschaftsverband über Jahre entwickelt, es ist ein Stück Heimat und eine starke regionale Marke. Besonders mag ich den Honig, aber auch die Apfelschorle.
K wie Klinikum: Die Gesundheitsreform ist eine der größten Herausforderungen für den Landkreis. Wie sieht das Klinikum in zehn Jahren aus?
Gailler: Unser Vorteil ist: Die Krankenhauslandschaft in Neumarkt ist bereits geordnet. Die Ansprüche der Bevölkerung an die Medizin haben sich gewandelt, wir brauchen leistungsfähige Strukturen – und die haben wir. Es wird sich weiter etwas verändern, es wird mehr ambulant behandelt werden, aber wir haben die Voraussetzungen, dass wir eine gute Perspektive haben. Die Krankenhausreform bleibt eine Herausforderung, aber ich bin überzeugt, dass wir gestärkt aus dieser Reform hervorgehen werden.
L wie Laster: Welche Laster hat Willibald Gailler?
Gailler: Wenn man das so sehen will: Karteln. Oder Tennis. Und dass ich mich zu wenig bewege. Während Corona gab es weniger Termine, da konnte ich mehr Sport machen. Ich merke es jetzt am Gewicht.
M wie Musik: Sie haben früher in einer Band gespielt und greifen auch heute noch gerne mal zum Bass auf der Bühne.
Gailler: Eigentlich habe ich schon vor 40 Jahren bei „Nightlife“ aufgehört, als ich in die Politik eingestiegen bin. Unser Slogan war damals „Nightlife bringt high life“, es war eine unvergessliche Zeit, wir haben die Hitparade rauf und runter gespielt, ich habe mir damit mein Studium finanziert. Ich hatte eine Wohnung, ein Auto und konnte sogar noch etwas sparen. Auch heute darf ich hin und wieder bei Festen auf die Bühne, zum Beispiel bei Converted oder Pall Mall.
N wie Nachfolger: In zwei Jahren ist Schluss für Sie als Landrat – wer wäre Ihr Wunschkandidat als Nachfolger?
Gailler: Es ist nicht meine Aufgabe, dass ich als Amtsinhaber jemanden vorschlage. Das müssen die Gremien bestimmen, da halte ich mich dezent zurück.
O wie ÖPNV: Wann sind Sie zuletzt mit dem ÖPNV gefahren?
Gailler: Gute Frage. Ich bin bei verschiedenen Terminen mitgefahren, aber prinzipiell eher weniger. Ich habe viele Termine und muss zeitlich flexibel sein. Der ÖPNV ist mit großem Zeitaufwand verbunden. Dennoch haben wir den ÖPNV bei uns gut ausgebaut, gerade auch mit dem Rufbus-System. Die Fahrgastzahlen steigen und der ÖPNV ist uns wichtig. Dennoch wird im ländlichen Raum der Individualverkehr immer eine Rolle spielen.
P wie Parsberger Krankenhaus: Die Schließung des Parsberger Krankenhauses sorgte in Parsberg für viel Unmut. Rückblickend: War es die richtige Entscheidung?
Gailler: Ja. Es gab immer weniger Patienten, es wurde kaum mehr Personal gefunden. Entscheidend ist aber, was daraus wurde – wir haben dort ein Zukunftsprojekt gestartet und das Haus der Gesundheit etabliert. Im alten Krankenhaus werden 100 Pflegeplätze geschaffen – mit Blick auf die Gesellschaft ist das wichtig. Es war schmerzlich die Struktur zu verändern, aber unausweichlich. Wir sind hier der Gesundheitsreform voraus.
Q wie Quellenreich: Der Regionalpark im Landkreis steht für sanften Tourismus.
Gailler: Für mich ist wichtig, nicht nur Infrastruktur für Gäste zu schaffen, sondern auch für die Bevölkerung. Wir haben ein reiches Potenzial im Landkreis, gute Gastronomie und zum Beispiel mit den Golfplätzen im Quellenreich tolle Freizeit- und Sportanlagen. Da ist viel geschaffen worden.
R wie Rente: Was macht Willibald Gailler ab 2026? Aktiver sein in seiner Rolle als Opa?
Gailler: Sicher wird die Familie wieder mehr in den Vordergrund rücken. Man sehnt sich schon danach, unabhängig von einem Terminkalender über Zeit bestimmen zu können. Ich bin sehr geschichtsinteressiert, ab und zu mache ich Stadtführungen in Freystadt, vielleicht wird auch das wieder intensiver. Oder öfter mal Tennis oder Biergarten.
S wie Schafkopf: Schonmal ein „Sie“ (das bestmögliche Blatt, Anm. d. Red.) in der Hand gehabt?
Gailler: Ja, hin und wieder passiert das. Schafkopfen ist für mich bayerische Kultur und schöne Unterhaltung, ich habe da viele Netzwerke. Ab und zu lässt sich auch das Dienstliche mit dem Angenehmen verbinden, der Albert Füracker spielt zum Beispiel auch gut. Mir geht es beim Schafkopfen um die Unterhaltung, das dumm Daherreden und dass man ungezwungen mit Menschen zusammen sein kann.
T wie Tennis: Wann zuletzt gespielt, gegen wen und wie ging es aus?
Gailler: Das letzte war kürzlich mit einem Bekannten, das habe ich auch gewonnen, aber mein letztes großes Spiel war vor zwei Jahren beim ASV Neumarkt in der Bayernliga. Da bin ich gebeten worden, im Doppel mitzuspielen und erinnere mich noch gut. Mein Partner und ich haben das Doppel gewonnen und damit war der Abstieg abgewendet. Ich habe früher sehr intensiv in der Mannschaft gespielt, habe zwischen Einzel und Doppel eine Trauung gemacht oder eine Einweihung. Jetzt spiele ich fünf, sechs Mal im Jahr, aber ich freue mich drauf, wenn das in der Pension wieder mehr wird.
U wie Urlaub: Wann geht‘s das nächste Mal nach Südtirol?
Gailler: Nach dem Neumarkter Volksfest. Da gibt es schöne Touren, um die Region zu erkunden. Früher sind wir mehr gewandert, jetzt geht es mehr um Kultur, Architektur und Wein. Das ist alles sehr interessant. Ich habe mittlerweile auch gute Kontakte zum Beispiel zu Architekten und Künstlern und wir sind dann mit denen unterwegs.
V wie Vorbild: Wer ist Ihr politisches Vorbild?
Gailler: Helmut Kohl und Angela Merkel. Kohl hat große Standfestigkeit beweisen, die Wende mit geschaffen und das hat Deutschland verändert. Merkel schätze ich als intelligente, kluge Frau, politisch durchsetzungsfähig, aber trotzdem bescheiden. Sie hat sich nie in den Mittelpunkt gestellt.
W wie Wirtshaus: Ihre Eltern hatten ein Wirtshaus in Sondersfeld. Wie war es, in einer Gastronomie aufzuwachsen?
Gailler: Das ganze Vereinsleben hat sich hier abgespielt, nach der Kirche ist man zum Frühschoppen. Es wurde Karten gespielt und gesungen. Da habe ich viel mitgenommen, darum bin ich heute noch so textsicher. Man hat gelernt, auf Menschen zuzugehen. Was ich auch gelernt habe: Gemeindepolitik. Da gab es Sitzungen, Diskussionen, der Pfarrer ist gekommen, der Lehrer. Auf kleinstem Raum habe ich da den Bezug zur Kommunalpolitik bekommen.
X wie XS: Welches Thema wird ihnen noch zu wenig behandelt?
Gailler: Die Energiewende beschäftigt unseren Landkreis stark. Wir dürfen nicht glauben, dass wir alles extern importieren können. Wir müssen selbst noch viel machen, wir werden auch Stromleitungen brauchen. Man muss den Mut haben zu sagen: Das ist wichtig und richtig für die Entwicklung, zum Beispiel auch bei der Windkraft. Generell ist mir das Thema Infrastruktur wichtig. Die wirtschaftliche Entwicklung im Landkreis ist gut, aber wir dürfen nicht stehen bleiben im Sinne einer positiven Entwicklung. Da brauchen wir eben auch Umgehungen, Gewerbegebiete oder Wohngebiete.
Y wie Yoga: Womöglich mit Yoga, womöglich aber auch anders: Wie entspannen Sie?
Gailler: Yoga habe ich nur einmal ausprobiert. Entspannen kann ich bei vielen kleinen Dingen. Bei Musik, im Garten, in der Wirtschaft oder beim Blick in unsere tolle Landschaft. Ich kann auch entspannt bei einem Termin bei einem Fest sein oder bei einer Stunde der Ruhe in der Kirche. Man muss sich an den kleinen Dingen erfreuen.
Z wie Zunder: Wann gibt es mit Ihnen so richtig Ärger?
Gailler: Ich versuche immer, mich aufs Sachliche zu konzentrieren, die Emotionen auszublenden. Das ist der Schlüssel zum Erfolg. Was mich ärgert, ist dieser Ruf nach dem Staat – es gibt auch so etwas wie Eigenverantwortung. Eine Gesellschaft wird nur dann funktionieren, wenn sich jeder einbringt. Jeder trägt etwas dazu bei, dass es uns gut geht. Und auch die Regulierungswut ärgert mich. Wenn manche glauben, sie müssten uns alles vorschreiben, obwohl wir selbst einen Kopf aufhaben. Ich bin liberal und tolerant. Meine grundsätzliche Philosophie ist: Leben und leben lassen. Damit bin ich bisher gut gefahren.



