Unort im Bahnhofsumfeld: Was wird aus dem Regensburger Peterskirchlein?

Die Stadt Regensburg will das Peterskirchlein am Bahnhof samt Umfeld beleben, aber die Sache stockt. Stadtrat Jakob Friedl will sie mit einer Politkunst-Aktion anstoßen.
Es war eine Ein-Mann-Demonstration, die Stadtrat Jakob Friedl kürzlich in der Sitzung des Verwaltungsausschusses des Stadtrats bot: Beim Tagesordnungspunkt „Bahnhofsumfeld“ hielt er eine Tortenschachtel hoch, die mit ein paar Salbeiblättern dekoriert war – und ein Peterskirchlein aus Bauschaum beherbergte. Die Oberbürgermeisterin verbot ihm das Demonstrieren sofort, ein Ziel hatte Friedl trotzdem erreicht: Er will die Aufmerksamkeit auf ein Gebäude lenken, das die Stadt beleben will – eigentlich.
Nach der Sitzung schenkte Friedl, Gründer des politischen Kunstprojekts Ribisl-Partie, das Kirchlein Oberbürgermeisterin Gertrud Maltz-Schwarzfischer (SPD). Er erklärt: „Weil ich finde, dass sich die Stadt dafür einsetzen muss, dass man das Peterskirchlein endlich aktiviert. Und dafür muss man einfach unmittelbar anfangen.“ Die Debatte verharre „immer auf der Ebene von Absichtserklärungen“. Das Bauschaum-Objekt ist Teil einer Skulptureninstallation von Max Erl und Tamara Hoyer: Sie besteht aus zwei Holzregalen aus dem Baumarkt, in denen ursprünglich acht Modelle des Kirchleins standen. Das sei eine Anspielung auf eine Skulptureninstallation mit Dom-Plastiken von Otmar Hörl, erzählt Friedl, der das Werk „Peterskirchlein?!“ vom Künstler geschenkt bekam. Sechs Kirchlein sind noch im Regal. „Die sind dafür vorgesehen, sie Leuten zu geben, die da was anstoßen können“, sagt Friedl.
Ideen gibt es viele
Viele haben das versucht. Stephanie Reiterer vom M26, der kulturellen Zwischennutzung in der Maximilianstraße, skizzierte im Herbst ihre Vorstellung einer Kulturachse vom Bahnhof bis zum Dom. Die evangelische und katholische Campusgemeinde erarbeitete ein Konzept „Stadtoase Peterskirchlein“. Die Sozialen Initiativen setzen sich seit Jahren für eine soziale, touristische und kulturelle Nutzung ein, bei der die 1821 fertiggestellte Kirche auch Anlaufstelle wird für die suchtkranken Menschen, die sich am Bahnhof aufhalten. Tatsächlich ist die Ecke eine besonders abschreckende im Bahnhofsareal. Auf den Trampelpfaden liegen Scherben, hinter der Kirche stinkt es.
Das stört auch die Nutzerin, die bulgarisch-orthodoxe Gemeinde St. Nikolaus. Als „große Toilette“ werde das Umfeld missbraucht, klagt Pfarrer Tihomir Milkov. Die Gemeinde halte mehrmals im Monat Gottesdienste im Kirchlein ab, darunter sind regelmäßig Taufen. Leider gelte für das Areal: „Wir können selbst nichts machen.“
Reinhard Kellner, Vorsitzender der Sozialen Initiativen, sagt, der Zustand der Kirche und ihrer Umgebung tue ihm „wirklich weh“. Kellner hat das zweite Kirchlein, das Friedl verschenkt hat, auf dem Schrank stehen. In einem Beitrag für die Straßenzeitung Donaustrudl beklagte er kürzlich, Grabsteine seien überwuchert, die Kirche sei mit Bauzäunen umstellt. Er erzählt, vor sechs Jahren habe er am letzten Treffen zum Thema teilgenommen. „Da tut sich leider gar nichts.“
Dabei hielt die Stadt, die Eigentümerin des Gebäudes ist, 2023 in einer Beschlussvorlage für den Stadtrat zum nördlichen Bahnhofsumfeld fest: Noch 2023 sollten Gespräche erfolgen mit den Sozialen Initiativen und kulturellen Akteuren, „um ein Nutzungskonzept für das Peterskirchlein zu entwerfen“. Ziel sei eine zügige Umsetzung.
Stadt verweist auf den Mieter
Jetzt teilt Stadtsprecherin Juliane von Roenne-Styra mit, die OB wünsche sich, dass das Gebäude ein „Ort für alle“ werde. Auch das Umfeld müsse aufgewertet werden, für mehr „Aufenthaltsqualität“. Ansonsten verweist sie bei Fragen zum Thema weitgehend auf den Mieter. Die Stadt warte derzeit „auf entsprechende Aussagen und Vorschläge“ von dieser Seite. Mieterin ist die Kirchenstiftung St. Ulrich, inzwischen Teil der Dompfarreiengemeinschaft. Pfarrer Roman Gerl sagt, noch könne er inhaltlich nichts Konkretes beitragen. „Wir sind momentan dabei, eine Kostenschätzung für die Sanierung zu eruieren“. Er hoffe, dass er diese noch 2024 bekomme. Die Kirchenstiftung sei verpflichtet, „dieses Gebäude in einem ordnungsgemäßen Zustand zu halten“. Wie es weitergehe, hänge auch von der Frage ab: „Finden wir eine gemeinsame Idee, wie dieses Haus zu nutzen ist?“ Dann wäre unter Umständen auch eine umfangreichere Sanierung mit Mitteln der Städtebauförderung möglich. Andererseits könne er nicht garantieren, dass die Kirche, die sich derzeit auch von Immobilien trennt, das Objekt halten werde – so gern er es als Ort, „wo Kirche halt bei den Menschen ist“, nutzen würde.
Klar ist nur, was mit Friedls Geschenk an die OB passiert. „Das Peterskirchlein aus Bauschaum wird an die städtische Kunstsammlung übergeben“, sagt die Stadtsprecherin.
