Leiter des Ankerzentrums: „Der Sonderstaatsanwalt spricht sich herum“

Die Lage rund um kriminelle Tunesier in Regensburg hat sich etwas beruhigt. In diesem Jahr gab es in der Oberpfalz bisher 73 Abschiebungen von Asylbewerbern. Karl Heinz Kreuzer vom Anker in Regensburg hat im Alltag andere Probleme.
Herr Kreuzer, das gesellschaftliche Klima ist sehr asylkritisch geworden. Wie geht es Ihnen und vor allem den Bewohnern des ANKER Oberpfalz damit?
Karl Heinz Kreuzer: Das ist bei uns in der Einrichtung kein großes Thema. Die Leute wissen über die Weltlage Bescheid, aber wir haben hier keine Anfeindungen. Viele wollen die Chance ergreifen, in Deutschland zu bleiben und Arbeit zu bekommen.
Sie arbeiten immer wieder mit Michael Buschheuer zusammen, dem Gründer der Seenotrettung Sea-Eye.
Kreuzer: Ja, das machen wir. Zu Sea-Eye: Jeder Mensch in Seenot sollte gerettet werden – egal von wem. Dass man vielleicht Wege finden muss, dass sich Geflüchtete nicht mehr in diese Gefahr begeben, ist auch klar. Michael Buschheuer hat Ukrainer aus Odessa geholt und sanierungsbedürftige Stadtbau-Wohnungen mit seiner zweiten Hilfsorganisation Space Eye für sie hergerichtet. Asylbewerber von uns haben für 80 Cent in der Stunde mitgearbeitet. Es kommen immer wieder Familien aus dem ANKER bei ihm unter. Kürzlich hat er zwei marode Reihenhäuser in der Konradsiedlung von der Stadtbau angemietet. Sie werden mit Hilfe von Asylbewerbern bewohnbar gemacht für Familien.
Wie viele Asylbewerber betreuen der ANKER Oberpfalz und seine Dependancen in Regensburg?
Kreuzer: 1100 Personen, in der Bajuwarenkaserne, in der Pionierkaserne Zeißstraße, im Zeißtower und in der Unterkunft Guerickestraße.
Sind die Unterkünfte voll?
Kreuzer: Wir sind zu 87 Prozent voll. 150 Betten sind nicht belegt. Seit Anfang des Jahres sind rund 2500 Menschen bei uns erstregistriert worden. Ein Teil wird aber dann in eine für ihre Herkunftsländer zuständige Aufnahmeeinrichtung weitergeleitet. Zum Vergleich: Im vorigen Jahr sind zwischen Juli und Ende Oktober monatlich gut 1000 Geflüchtete gekommen. Wenn die Zahlen wieder steigen, werden uns die 150 Betten nicht reichen. Im Moment ist es ruhig. Wir hoffen, dass es so bleibt. Trotzdem suchen wir Unterkünfte.
Die Mehrheit flüchtet, um ein besseres Leben zu haben und sich zu integrieren. Wie sehen Sie das?
Kreuzer: Was ist ein besseres Leben? Die einen kommen aus Kriegsgebieten, die anderen aus dem syrischen Erdbebengebiet, wo inzwischen fast nichts geschehen ist. In Äthiopien herrscht Bürgerkrieg. Bei den Ukrainern wissen wir ohnehin, warum sie ihr Land verlassen. Ein tunesischer Automechaniker reist ein, weil er seine Eltern versorgen will, die keine Rente erhalten. Wir haben eine Familie aus der Ukraine aufgenommen, deren Kind an Krebs leidet. In ihrem Heimatland existiert keine Radiologie mehr. Das mit dem besseren Leben stimmt, auch wenn sie alle ganz unterschiedliche Gründe haben.
Der ANKER ist bayernweit für Tunesier zuständig. 220 leben zurzeit in der Einrichtung. Ein Teil verstößt häufig gegen Gesetze. 75 Mehrfachintensivtäter (MIT) stehen im Fokus der Regensburger Ermittler, darunter 70 Tunesier. Der Großteil kam in U-Haft. 52 Gerichtsverfahren sind eingeleitet worden. Fallen die Tunesier im ANKER auf?
Kreuzer: Die einen sind normale Handwerker, anständige Leute. Sie hoffen, ihre Familien mitversorgen zu können. Es gibt aber auch Drogenkranke und höchstwahrscheinlich auch Kriminelle. Wenn ich lese, dass fast 70 Tunesier in der Justizvollzugsanstalt sitzen, dann finde ich diese Zahl schon hoch. Und ja, wer draußen Ärger wegen Alkohol und Drogen macht, der macht das auch im ANKER. Die kommen nachts betrunken zurück, aber rechtlich gesehen ist das ihre Wohnung. Der Sicherheitsdienst versucht zu deeskalieren.
Warum ist das so?
Kreuzer: Ich weiß nur, dass andere bayerische Aufnahmeeinrichtungen ähnliche Probleme haben, aber mit anderen Nationalitäten. Die Regensburger Situation hat sich etwas beruhigt. Die Maßnahmen von Polizei und Gerichten wirken. Der Druck, der Sonderstaatsanwalt – das spricht sich herum. Auch dass die Verfahren am Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) sehr schnell laufen zurzeit, und dass die Leute rasch Bescheid erhalten, spricht sich herum. 2023 betrug die Wartezeit bis zur Asylantragstellung wegen der hohen Zugangszahlen bis zu drei Monate. Inzwischen ist es so: Wenn ein tunesischer Asylbewerber heute registriert wird, hat er innerhalb einer Woche seinen BAMF-Termin. Er erfährt schneller, ob er eine Perspektive hat oder nicht.
Wie viele Tunesier sind abgeschoben worden?
Kreuzer: Für die Abschiebungen sind nicht wir zuständig, sondern die Zentrale Ausländerbehörde. Unsere Aufgabe ist die Unterbringung und Versorgung von Geflüchteten. Uns beschäftigt viel mehr die Sorge um Kranke, Menschen mit schwierigen Fluchterfahrungen, Familien. Bei uns kümmern sich Gewaltschutzkoordinatorinnen um Frauen aus Kriegsgebieten mit schlimmster Gewalterfahrung. Wir haben gemeinsam mit der Caritas ein Kinderbetreuungsteam.
Viele Bewohner springen sofort ein, wenn Sie Hilfe brauchen.
Kreuzer: Wir haben gut 200 Bewohner, die für uns nach dem Asylbewerberleistungsgesetz arbeiten. Sie übersetzen im Arztbereich, helfen in der Küche, unterstützen die Hausmeister – für 80 Cent pro Stunde. Das Schöne: Sie helfen freiwillig, ich muss sie nicht verpflichten. Darunter sind Leute, die schon in einer Gemeinschaftsunterkunft draußen wohnen und uns jeden Tag unterstützen.
Wie viele Bewohner verdienen ihr Geld in einem regulären Job?
Kreuzer: Bei uns darf man ab sechs Monaten arbeiten. Momentan ist keiner so lange hier. Die meisten werden in andere Unterkünfte verteilt. Wir sind eine Aufnahmeeinrichtung und müssen Plätze für Neuankömmlinge frei halten. Im ersten halben Jahr macht es aber wirklich keinen Sinn, wenn Asylbewerber arbeiten. Zu Beginn des Asylverfahrens haben sie viele Termine, beim Gesundheitsamt oder in der Sozialberatung. Viele lernen Deutsch und bereiten sich auf das BAMF-Gespräch vor.
Mit der Bezahlkarte will Bayern Zuzugsanreize und Schlepperkriminalität senken.
Kreuzer: Im ANKER gilt das Sachleistungsprinzip, das heißt, der größte Teil der Leistungen wird nicht ausbezahlt. Die monatliche Geldleistung für unsere Bewohner beträgt 134 Euro. 50 Euro dürfen als Bargeld abgehoben werden. Deshalb wird die Bezahlkarte bei uns kein großes Thema.
2023 waren es 136 Abschiebungen, heuer bislang 73
ANKER-Leitung: Karl Heinz Kreuzer (61) leitet die Regensburger Aufnahmeeinrichtung seit 2014. Er hat die Verwaltungsfachhochschule Hof besucht. Seit 1985 ist er bei der Regierung der Oberpfalz beschäftigt.
Asylbewerber und Abschiebung: Rund 14.960 Asylbewerber und 14.770 ukrainische Geflüchtete leben in der Oberpfalz. 136 Asylbewerber, darunter 15 Tunesier, wurden laut Regierung der Oberpfalz 2023 von der Zentralen Ausländerbehörde abgeschoben oder nach dem Dublin-Verfahren in das Land überstellt, wo sie Asyl beantragt hatten. 2024 gab es bisher 73 Abschiebungen (mit Dublin-Überstellung), darunter fünf Tunesier.
Europameisterschaft: Die EM interessiert in der Bajuwarenstraße niemanden. Für die Fußballweltmeisterschaft 2022 hatte die Einrichtung zwei TV-Geräte angeschafft. Damals fieberten die Bewohner mit, heuer nicht.