Kötztinger Regisseur Thomas Stammberger setzt bei den Agnes-Bernauer-Festspielen neue Akzente

Die Agnes-Bernauer-Festspiele 2024 stehen kurz vor der Premiere. Seit 1935 erzählen Laiendarsteller alle vier Jahre im Innenhof des Straubinger Herzogsschlosses in einem eigens für diesen Anlass verfassten Theaterstück das Leben und Sterben der Agnes Bernauer. In diesem Jahr liegt die Regie der historischen Liebesgeschichte in den Händen des gebürtigen Bad Kötztingers Thomas Stammberger, der als bekannter TV- und Theaterregisseur die verhängnisvolle Liaison szenisch in das Jahr 2024 katapultiert.
Große Liebe, große Politik und Familiendrama: Die Geschichte um die Augsburger Baderstochter Agnes Bernauer und ihre nicht standesgemäße Ehe mit Herzog Albrecht III. von Bayern-München um das Jahr 1435 fasst nahezu alles zusammen, was eine tragische Liebesgeschichte im Spagat zwischen den gesellschaftlichen Verpflichtungen des Adels und der einfachen Bevölkerung der damaligen Zeit braucht.
Tragische Liebesgeschichte
Von Anfang bis Ende steht der Charakter der als eine der rätselhaftesten Frauenfiguren in der bayerischen Geschichte geltenden Agnes im Fokus des Geschehens – bis zu ihrem jähen Lebensende. Agnes wird in der Donau bei Straubing auf Befehl von Albrechts Vater Herzog Ernst ertränkt.
Bereits 1995 hatte Stammberger die Gelegenheit, zusammen mit dem ebenfalls aus Bad Kötzting stammenden Autor und Regisseur Johannes Reitmeier ein Agnes-Bernauer-Stück für Straubing zu schreiben. Mehr als 25 Jahre später hat sich Stammbergers Sicht auf die Geschichte verändert.
Während der Vorbereitungen auf die diesjährige Aufführung des Stückes habe sich durch das Einbeziehen neuer Fakten ergeben, neue Impulse zu setzen. Genau darin sieht Stammberger auch eine seiner Aufgaben als Regisseur und Autor. „Der Blick auf das Historische hat sich geändert“, erklärt Stammberger und verweist auf die jeweils unterschiedlichen Schwerpunkte von Bayerns wohl zweitgrößtem Freiluftspiel in den vergangenen Jahrzehnten.
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Der heutige Zuschauer habe völlig andere Erwartungen an ein Theaterstück als etwa in den neunziger Jahren. „Uns stellt sich die Frage, wie der heutige durchschnittliche Zuschauer unabhängig von Alter, Geschlecht oder Bildungsstand dieses historische Drama erlebt und sich von ihm mitnehmen lässt“, so Stammberger. Die Zeiten der romantisierenden Mittelalterdarstellung seien mittlerweile vorbei.
Im aktuellen Stück möchte Stammberger den Fokus deshalb auf die Beweggründe der einzelnen Figuren lenken und so die Zuschauer „mit auf eine emotionale Reise nehmen“.
Um das umzusetzen hat Stammberger bei der Vorbereitung auf die diesjährigen Festspiele mit dem aus Regensburg stammenden Filmkomponisten Johannes Molz zusammengearbeitet. Ihr beider Vorhaben: der Musik im gesamten Handlungsverlauf deutlich an Gewicht verleihen und sie, wo notwendig, auch durch das gesprochene Wort zu ersetzen, denn: „Nicht alles muss von den Charakteren mit Worten gesagt werden, um vom Zuschauer verstanden zu werden“, erklärt Stammberger.
Filmische Inszenierung
Seine bewusst filmische Herangehensweise an die Neuinszenierung begründet er mit seiner langjährigen Tätigkeit als Regisseur für das Fernsehen: „Die Arbeit am Filmset hat über die Jahre meinen Blickwinkel geändert.“ Damit bewege man sich weg vom bloßen Geschichtsunterricht, der für die heutige Darstellung nicht mehr zeitgemäß sei.
Daneben gibt Stammberger der Erzählung mehr Raum für weitere Charaktere. So dürfen sich die Zuschauer in diesem Jahr auf weitere Personen innerhalb des Hofstaates und der Herzogsfamilie freuen. Durch das Hinzukommen von Al-brechts Mutter, einer Freundin Agnes’ und weiteren Geschwistern Albrechts ergeben sich für die Inszenierung neue Dimensionen der inhaltlichen Darstellung. Vor allem kann Stammberger dadurch der von ihm anvisierten Multiperspektivität verschiedener Menschen mit verschiedenen Charakterzügen und Sichtweisen Rechnung tragen.
Voll des Lobes ist Thomas Stammberger kurz vor der Premiere an diesem Freitag über seine Laiendarsteller, denen er die Rollen teilweise auf den Leib geschneidert hat, wie er erzählt. Diese seien nach dem fast dreijährigen gemeinsamen Schaffensprozess in ihre Rollen hineingewachsen und mittlerweile „ungemein authentisch geworden“, sodass der Erstaufführung des großen Historienspiels vor insgesamt mehr als 20000 Zuschauern nichts mehr im Wege steht.
Leben und Wirken von Thomas Stammberger
Herkunft: Thomas Stammberger wurde am 11. Januar 1968 im damaligen Kötzting in Niederbayern geboren. In seiner Heimatstadt initiierte er die Entstehung der Festspielgemeinschaft Kötzting und war im Sommer 1988 zusammen mit einigen Kötztingern Mitbegründer der heutigen Waldfestspiele Bad Kötzting.
Ausbildung: Nach dem Abitur studierte Thomas Stammberger an der Ludwig-Maximilian-Universität München Theaterwissenschaften und Kunstgeschichte.
Berufliches Wirken: Seit 1998 arbeitet er überwiegend für Film und Fernsehen. Unter anderem sammelte er als Regieassistent Erfahrungen bei TV-Regisseuren wie John Delbridge oder DDR-Filmer Richard Engel. Von 2007 bis 2012 war er Regisseur der BR-Serie Dahoam is Dahoam. Von 2008 bis 2010 inszenierte er rund 20 Folgen der ARD-Serie Marienhof. 2012 wechselte er für fünf Jahre fest zum BR Fernsehen, wo er als verantwortlicher Redakteur des Bereichs „Volkstheater und Bayerische Serie“ unter anderem das Volkstheaterformat Komödienstadel modernisierte und diverse Serien betreute. Seit 2017 arbeitet Thomas Stammberger wieder als freier Regisseur und Autor für Film und Theater.





