Das große Graben in Waldmünchen: Helfer schaufelten Erde aus einem Keller unter dem Marktplatz

Von Petra Schoplocher · 8. Juni 2024 um 15:00

Wieland Oberhofers ehrgeiziges Keller-Projekt, es nimmt Fahrt auf – und das im wahrsten Sinne des Wortes. Mit Eimer und Schubkarren wurden die ersten Kubikmeter Erde aus den Unterwelten des Marktplatzes geschafft, die Gewölbe sind digital vermessen. Überraschungen ließen nicht auf sich warten.

Die erste: Josef Schamberger aus München hat sich gemeldet und eine Skizze sowie Erklärungen nach Waldmünchen geschickt. Mitsamt manch augenzwinkerndem Beiwerk. Der heute 83-Jährige erinnert sich noch genau an die Abzweigungen in der Waldmünchner Unterwelt, deren Zugang ihnen als Kinder weitestgehend (der Weinkeller bildete die Ausnahme) verwehrt war.

Lebendige Stadtgeschichte – Kirchenwäsche jeden Freitag

Seine Schilderungen lassen Waldmünchener Stadtgeschichte(n) lebendig werden. Der Innenhof, von dem aus die Keller über einen gemauerten Türeingang erreichbar waren. Sechs, sieben Stufen, zu einer zweiten Türe, von der aus es weiter ging zu einem Quergang, der sich dann über weitere Treppen verzweigte. Schamberger, der von Mai 1946 bis 9164 in Waldmünchen lebte, ist sich ziemlich sicher, dass einer Richtung Schloss, ein anderer zum Rathaus führt(e).

Dann ist da die Waschküche, in der jeden Freitag die gesammelte Kirchenwäsche „in einem Riesenkessel“ erledigt wurde. Pferde- und Kuhstall sowie der, in denen die Postkutschen Unterstell fanden und die später als Garagen genutzt wurden...

Alle helfen zusammen

Theo Rötzer macht beim Arbeitseinsatz eine andere Entdeckung: Eimer schleppen und Hanteltraining sind zwei Paar Stiefel. Dabei hat es den Fitnessstudio-Stammgast nicht willkürlich getroffen – verraten zumindest seine muskulösen Oberarme. „Im Training schwitz‘ ich nie so“, grinst er dennoch gut gelaunt. Für ihn stand es außer Frage, mitanzupacken, als ihn „die Kumpels“ ansprachen. „Da halt‘ mer zam!“.

Jürgen Lampatzer beobachtet die Szene mit Wohlgefallen. Jung und Alt, Mitglieder und Nichtmitglieder Seite an Seite: Das ist ganz in seinem Sinne, zumal das Interesse für die Stadtgeschichte noch hinzu komme. Eine Dreckrutsche, eine Hühner- und eine Auffahrrampe haben die drei Kumpels Max Lampatzer, Max Harter und Fabian Gruber gebaut, um den Abtransport so einfach wie möglich zu gestalten, berichtet der Museumsvereinsvorsitzende nicht ohne Stolz.

Zeit ist ein Hindernis

Generiert hat sich die an diesem Tag neunköpfige Helfergruppe aus Anfragen bei Kumpels und Mitgliedern, von denen der harte Kern glaubte, sie könnten vielleicht passen. „Wer Zeit hat, ist da“, betont Max Lampatzer, dass sich niemand verpflichtet fühlen muss.

Allerdings könnte genau der Faktor Zeit das Vorhaben zumindest verzögern. Denn der Großteil derer, die sich einbringen, haben noch andere „Baustellen“, sprich Ehrenämter. „Und jetzt, da Feiern und Festspiel anlaufen...“, sinniert Jürgen Lampatzer. Aber weitergehen soll es auf alle Fälle.

Team kommt gut voran

Der Museumsvereinsvorsitzende ist zuversichtlich, zumal er mit Helmut Roith und Alois Rötzer zwei weitere Asse im Ärmel hat. Die beiden Grafenrieder Chef-Ausgräber sind gerne bei dem Projekt mit an Bord. Roith ist zudem derjenige, der den Anfang der Förderkette aus dem Keller-Labyrinth bildet. Er „sitzt“ in dem freizulegenden Bereich, trägt das Material ab und begutachtet es, ehe er es seinen Kollegen „vor die Füße“ wirft. Dass das Erdreich weich sei, sei schon einmal gut und beschleunige die Arbeiten, betont er.

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Das Team kommt erstaunlich gut voran. Am Ende des Tages stehen einige Kubikmeter zu Buche, die die neun Frauen und Männer herausgeholt und abtransportiert haben. Damit liege man irgendwo bei der Hälfte, schätzt Helmut Roith, der in dieser Mannstärke von zwei Tagen Arbeit ausgeht. Die eigens in einem Vorraum platzierten Paletten, die eine (Zwischen)Lagerung von rund fünf Kubikmeter Material ermöglichen, kommen gar nicht zum Einsatz.

Die optische Methode

Zeitsprung: Martin Harder entfährt ein langes „Aaah“, als er die Waldmünchner Unterwelt zum ersten Mal betritt. Er, der früher in der Medizintechnik beschäftigt war und seine Leidenschaft Fledermäuse und Höhlenforschung (www. lhk-bayern.de) im Alter von 60 Jahren zum Beruf gemacht hat.

Mit dem Alter kokettiert auch Wieland Oberhofer: Auf (O-Ton) seine alten Tage wolle er nun doch noch herausfinden, was sich unter seinem Anwesen verbirgt. Mit großem Interesse verfolgt er die Aufnahme Martin Harders, staunt immer wieder, was die moderne Technik hergibt.

Harder erklärt verschiedene Techniken. Da sich sein Laser aktuell ohnehin in den USA zur Kalibrierung befindet, bleibt fast nur die optische Methode. Die hat durchaus Vorzüge: das entsprechende dreidimensionale Modell baut sich im Hintergrund selbst auf und ermöglicht zudem ein „Übereinanderlegen“ mit der Wirklichkeit. „Dann wissen wir exakt, unter welchem Punkt unter dem Marktplatz wir uns befinden“, klärt der Gutachter auf.

Belastbarkeit der Unterwelt

Harder hat eine Menge Erfahrung und weiß, dass es bei der Erforschung des Untergrunds lange nicht nur um die Generierung von Touristenattraktionen oder der Befriedigung von Neugier geht. Ganz oft stünden Sicherheitsfragen – Stichwort Statik – ganz oben auf der Liste.

Seine Expertise zu Kluftverläufen und Co. sei vor allem dann gefragt, wenn Arbeiten anstünden, veranschaulicht Harder. Weil die Kanalisation oft über Hohlräumen liegt, müsse man die Beschaffen- und Belastbarkeit der Unterwelten kennen. Und nicht vergessen, dass über menschliche Eingriffe hinaus das Gestein selber ja auch arbeite.

Für das, was er von Waldmünchen gesehen hat, gibt er (unverbindlich) Entwarnung: Selbst nach der Entnahme des Verfüllmaterials in einer Tiefe von rund 4,50 Meter schätzt er die Oberhofer‘schen Keller als stabil ein, die Vorväter hätten mit zahlreichen eingebauten Stützbögen und Mauern an neuralgischen Punkten für größtmögliche Sicherheit gesorgt. „Ein Helm kann aber nie schaden“, zitiert er aus der Phrasenkiste. Ganz zufrieden ist der Fachmann nach Auswertung der ersten Ergebnisse nicht, zumal die teilweise Räumung der Keller neue Vermessungsoptionen biete. Folglich werde er demnächst wohl noch einmal vorbeischauen.

Geheimnisse des Untergrunds erforschen

Und damit genau das tun, was Wieland Oberhofers Antrieb und Ansinnen ist: genau zu erforschen, was sich da im Untergrund an Geheimnissen noch verbirgt. Dafür will der Waldmünchner sogar noch den Teil, den er beim Bau der Tiefgarage mit Beton hatte auffüllen lassen („Gott sei Dank entgegen anderer Ratschläge nur den“), untersuchen lassen. Dafür hat er bereits Kontakt mit einer Spezialfirma aufgenommen. Die ein oder andere Überraschung, sie dürfte also noch drin, pardon, drunten sein.

Fachmann Martin Harder hat die Unterwelt auf Wieland Oberhofers Initiative digital vermessen und erstellt daraus ein dreidimensionales Modell, das mit den Lageplänen abgeglichen wird. Foto: Schoplocher
Eine erste Ansicht: So stellt sich nach Martin Harders Aufmaß die Unterwelt unter dem Marktplatz 11 und 13 dar. Für eine noch genauere Darstellung sollen weitere Vermessungen folgen.
Gut geschaufelt! Neun Helfer legten einen ganzen Tag Hand an. Foto: Schoplocher
Die „Dreckrutsche“ ist eine der Eigenkonstruktionen für die „Ausräumaktion“ von Max Lampatzer, Max Harter und Fabian Gruber. Sie bewährt sich vom ersten Eimer an. Foto: Schoplocher