30 Jahre Kreisbrandmeister für Cham und Weiding: Anton Bierl erzählt

Anton Bierl öffnet den Kofferraum und stellt die Einsatzstiefel auf das Pflaster, die in den Röhren der feuerfesten Hose stecken. Rein, Hose rauf, Griff nach Jacke und Helm. „Ich war schon einmal schneller“, versichert Bierl und grinst. Nach 45 Jahren bei der Feuerwehr, davon 30 Jahre als Kreisbrandmeister – verzeihlich.
Bierl ist einer von den Unspektakulären, die nichts aus ihrer Arbeit bei der Feuerwehr machen. Auch keine Statistik. „Wieviele Einsätze? Keine Ahnung! Ich führe da nicht Buch. Wenn sie mich rufen, dann rück’ ich aus“, sagt er.
Menschlichkeit ist wichtig
Die Feuerwehr wurde ihm von seinem Vater Anton in die Wiege gelegt. „Es war keine Frage, ob ich zur Feuerwehr Pinzing gehe. Und mein Vater war dort damals Kommandant.“ Mit 14 geht Bierl zur Jugendfeuerwehr, mit 18 wird er dort Jugendwart. Von der Wichtigkeit dieses Postens ist er heute noch überzeugt: „Wenn der Kommandant und der Jugendwart eine gute Arbeit machen, dann gibt es keine Personalprobleme. Schon gar nicht auf dem Dorf!“ Davon ist Bierl fest überzeugt.
Auf die Frage, was einen guten Kommandanten auszeichnet, kommt es wie aus der Pistole geschossen: „Menschlichkeit. Der menschliche Umgang mit den Kameraden ist unglaublich wichtig für den Zusammenhalt und eine gute Arbeit.“
Als Kreisbrandmeister ist Bierl auch dafür zuständig, dass die Mitglieder seiner zehn Wehren in Dalking, Kothmaißling, Niederrunding, Pinzing, Raindorf, Rieding, Runding, Walting, Weiding und Windischbergerdorf fit und gut ausgebildet sind. Anton Bierl war zustädig für die Einführung der Truppmann-Ausbildung, die heute neben der Funkausbildung nahezu jeder Feuerwehrmann und jede Feuerwehrfrau hat. „Damit ist man universal einsetzbar und das ist unglaublich wichtig heutzutage“, sagt Bierl.
Auf die Frage, was die gravierendsten Veränderungen in den letzten Jahrzehnten gewesen sind, sagt Bierl: „Die Art der Einsätze.“ Früher habe es sehr viele riesige Brände von landwirtschaftlichen Anwesen gegeben. Heute gebe es weniger Landwirtschaft und ausgereiftere Maschinen. Dadurch sei das seltener geworden. Auch die schweren Disco-Unfälle gebe es praktisch nicht mehr. „Früher sind wir deswegen praktisch jedes Wochenende auf der B 20 unterwegs gewesen“, erinnert sich Bierl.
Heute habe sich das Bild gewandelt. Die Feuerwehr müsse immer noch auf Brände und schwere Unfälle, aber auch die Brandmeldeanlagen halten sie in Atem – oft mit Fehlalarmen. Hinzu kommen die Auswirkungen des Klimawandels mit Hochwasser und Hitzewellen, die Flächen- und Waldbrände im Schlepptau haben. Was Bierl besonders traurig findet: Türöffnungen. „Es passiert immer öfter, dass alte Menschen alleine zu Hause wohnen und wir da rein müssen, weil sie hilflos sind. Manchmal fragt man sich dann: Wieso leben die da noch alleine? Wie geht das überhaupt?“ Aber der Wille der alten Menschen, in den eigenen vier Wänden zu bleiben, sei oft sehr stark.
Bierl erinnert sich auch an kuriose Situationen. An eine alte Frau zum Beispiel, die im Haus lag und um Hilfe rief. „Als wir endlich den Schließzylinder der Eingangstür aufgebohrt hatten, da stellte sich heraus, dass sie den Gehstock als Einbruchssicherung hinter der Türe verkeilt hatte...“
Der Kreisbrandmeister hat viel hinter sich. Tote, Schwerverletzte, harte Schicksale. Wie wird man damit fertig? „Was da oben rein kommt, das muss auch wieder raus“, sagt Bierl und tippt sich mit dem Zeigefinger an die Stirn. Seine oberste Maxime: „Man muss sich nicht alles ansehen!“ Bierl geht nur hin, wenn er wirklich gebraucht wird. Das gilt auch für seine Führungsfunktion als Kreisbrandmeister. „Ich bin da, wenn mich jemand braucht. Zunächst hat der Ortskommandant das Kommando. Wenn es dem irgendwann zu viel wird, dann weiß er, dass ich da bin.“
Trotzdem gibt es auch Dinge, die hängengeblieben sind. Vor vielen Jahren habe ich für einen Augenblick einen Verletzten gesehen, dem es das Gesicht weggerissen hatte. Das ist mir lange nachgegangen. Da hätte ich vielleicht Hilfe gebraucht„, erinnert sich Bierl. Heute sei das besser. Vor allem bei den jungen Feuerwehrleuten, die am Auto mit dem schweren Gerät arbeiten müssen, schaue man sehr darauf, dass sie das Erlebte auch verarbeiten können.
„Solange ich fit bin ...“
Nach einer Krebserkrankung vor 17 Jahren hat Bierl gelernt, besser auf sich selbst zu schauen. Dann geht er auf „Status 6!“, was im Feuerwehrjargon bedeutet, dass man für den Einsatz nicht greifbar ist. Dann nimmt der Kreisbrandmeister sich einmal Zeit für Frau und die beiden erwachsenen Kinder, oder er geht in Schwimmbad und Sauna. „Dann bin ich einfach mal raus“, sagt er. Hobbys? „Hobbys braucht man dann nicht mehr“, sagt er.
Denkt er mit 61 schon mal an die Feuerwehr-Rente? Bierl lacht. „Man kann nicht sagen, wie lange man das macht. Aber solange ich fit bin ...“