Vor Heimspiel in Regensburg: Harry G im Interview – „Granteln muss man sich leisten können“

Von Philip Hell · 4. Juni 2024 um 12:45

Am Freitag spielt Markus Stoll alias Harry G vor dem ausverkauften Audimax in seiner Geburtsstadt Regensburg. Vorab hat er sich mit der Mediengruppe Bayern über Heimat, Politik und das bayerische Kabarett unterhalten. Zudem verrät der Münchner, warum er selbst ein kleiner Isar-Preiß ist.

Herr Stoll, am 7. Juni spielen Sie Ihr neues – viertes – Programm „HoamStories“ in Ihrer Geburtsstadt Regensburg. Fühlt sich das nach Heimkommen an?

Markus Stoll: Definitiv. Regensburg ist neben München der Ort, an dem die meisten Hoamstories entstanden sind. Meine Mama lebt hier und ich verlängere meine Besuche bei ihr gern, weil ich hier in Ruhe am Programm arbeiten, runterkommen und „recherchieren“ kann, indem ich mich in der Stadt rumtreibe und alte Freund treffe. Waaaaahnsinnig anstrengend. (lacht)

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Hat das Programm einen Bezug zu Regensburg?

Stoll: Hier liegen meine Wurzeln, hier habe ich die erste Hälfte meines Lebens verbracht. Wenn ich auf der Bühne zum Beispiel über einen Schulkameraden rede, dann ist der natürlich einer von hier.

Sie sind in Regensburg aufgewachsen, leben in München. Was haben die Städte gemein?

Stoll: Es gibt schon einige Parallelen. In beiden Städten ist ordentlich was los, mit allen Vor- und Nachteilen solcher Städte. Viel Verkehr, steigende Mieten, Tourismus und – Preißn. Da ist immer was zu holen fürs Programm. (lacht)

Was bedeutet Ihnen Heimat?

Stoll: Heimat ist der Ort, der dir ein Gefühl von Geborgenheit gibt. Für mich ganz klar Bayern. Und meine emotionale Heimat ist meine Familie. Dass ich mit ihr zusammen in Bayern leben kann, ist für mich das Größte.

Sie geben gern den ewig grantelnden Bayern – dabei leben wir Bayern doch im Paradies. Trotzdem haben wir ständig was zu meckern. Warum?

Stoll: Klar, wir leben im Paradies – aber das wird immer wieder mal durch Menschen gestört. Und dann wird Gegrantelt. Granteln ist eine Art Luxus-Version des sich Beschwerens, es ist wie ein Gewitter, es befreit und reinigt die Luft, ist klar, deutlich und ohne Rücksicht auf Verluste. Aber man muss es sich auch leisten können, das kann nicht jeder. Meckern dagegen geht immer, macht aber eher unzufrieden und griesgrämig, das ist was ganz anderes. Ehrlich gesagt, ich grantl gern, um mir Luft zu machen. Das sind kurze Phasen und danach scheint für mich wieder die Sonne. Das ist wie ein Katalysator, als würde ich alles auf der Bühne weg granteln. Damit verschone ich privat ja meine Mitmenschen.

Sie spielen das Programm von Wien bis Hamburg. Was macht bayerischen Humor so besonders, dass ihn selbst Leute dort sehen wollen?

Stoll: Er ist sehr kernig, er ist auf dem Punkt. Die Wiener kennen das auch, sind sogar noch ein bisschen derber als wir. In Hamburg treffe ich auf viele Bayern, aber eben auch auf Fans von Bayern, da muss ich mich also auch nicht zurückhalten.

Wie ist es denn in Ihren Augen um die bayerische Comedy- und Kabarettszene bestellt?

Stoll: Sehr gut. Es gibt für jeden Geschmack was, auch für schlechten Geschmack. (lacht) Bayern hat schon immer große Komödianten hervorbracht, ob das jetzt Karl Valentin ist, Gerhard Polt, aber auch Mittermeier oder die Gruberin. Inzwischen gibt es in München eine sehr große Stand-Up-Comedy-Szene. Da sind viele junge Talente dabei, alle mit einem Alleinstellungsmerkmal.

Was ist denn Ihr Alleinstellungsmerkmal?

Stoll: Die Figur Harry G. Sie ist dominant, grantig und beobachtet scharf. Sie nimmt kein Blatt vor den Mund und traut sich, das zu sagen, was viele ihrer Zuschauer denken, aber aus Gründen nicht sagen können.

Ihr liebster Feind auf der Bühne ist der sogenannte Isar-Preiß. Nun leben Sie selbst seit Langem im München. Wird man da nicht selbst zum Isar-Preißn?

Stoll: Das muss ich zugeben, ja. Auch ich sitze am Starnberger See rum, trinke mal einen Smoothie oder hocke beim Szene-Italiener. Aber die Dosis macht das Gift, im Kern bin und bleibe ich ein bodenständiger Bayer, aber eben weltoffen und neugierig.

Sie haben sich unlängst zum angespannten Wohnungsmarkt in München geäußert. Kommt man in Zeiten wie diesen nicht umhin, sich politisch zu äußern?

Stoll: Man kann nicht leugnen, dass die Politik in Deutschland sehr, sehr viel Stoff für die Bühne hergeben würde. Aber dieses Feld wird schon von anderen beackert, die sich darauf verstehen, da muss ich nicht auch noch mitwurschteln. Deshalb konzentriere ich mich auf sozialpolitische und gesellschaftliche Themen.

Sind Ihre Programme dann eine Einladung zum Eskapismus?

Stoll: Jein. Ich mag meinen Zuschauer erst einmal unterhalten. Ich unterhalte Menschen mit dem Verhalten anderer Menschen.

Wie muss man sich den kreativen Prozess hinter einem Programm vorstellen?

Stoll: Es ist anstrengend und langwierig. Erst einmal geht es darum, Ideen zu haben und zu sammeln. Dann muss man sie so verpacken, dass man sie auch wirklich jemandem erzählen kann. Das ist oft nicht so einfach. Man braucht eine gewisse Struktur, wenn man auf der Bühne steht. Nicht nur in einem Programm, sondern auch über die Jahre. Ich mache das jetzt über ein Jahrzehnt. Es erfordert sehr viel Disziplin und Arbeit, bis ein Programm steht. Und auch dann ist der Prozess noch nicht vorbei. Man lässt etwas weg, etwas Neues kommt dazu. Man ist nie richtig fertig.

Worum geht's denn eigentlich in HoamStories?

Stoll: Es geht um Geschichten, die ich im Alltag beobachte und die ich selbst erlebe beziehungsweise erlebt habe. Themen, die meine Zuschauer kennen und nachvollziehen können – oder nicht. Es geht um Reisen, Konsum, Familie, Verkehr, kurz gesagt: um den alltäglichen Wahnsinn in Bayern und der Welt. Und nicht alles ist zum Lachen. Manchmal ist es auch zum in den Boden versinken.

Interview: Philip Hell