Preisrallye vorbei: Warum sich jetzt der Fahrradkauf lohnen könnte

In der Corona-Zeit boomte der Radverkauf, danach kam der große Einbruch. Auch jetzt sind die Lager noch voll, aber der Absatz zieht wieder an. Ein Kelheimer Händler erklärt, warum es gerade jetzt Sinn macht, sich nach einem neuen Fahrrad umzusehen.
Fahrräder verkaufen sich, sobald die Sonne scheint. So gesehen, müsste das Geschäft endlich in Fahrt kommen. Es läuft besser als im vergangenen Jahr, sagt Björn Jessen. Der Inhaber von 2-Rad Jessen in Kelheim erinnert an ein „Katastrophenfrühjahr“ 2023 für den Fahrradhandel. Die Kunden waren nach dem Corona-Boom gut mit Rädern versorgt, das Wetter nass und kalt. Die Lager füllten sich mit Rädern, auch weil die Hersteller zuvor zu wenig liefern konnten, dann aber doch. So trafen Bestellungen mehrerer Monate auf einmal bei den Händlern ein – zum Verdruss der Händler und der Kunden. Diese mussten erst lange warten und hatten, bis die Räder verfügbar waren, oft schon die Lust verloren.
Ein Teil dieser Räder steht noch in den Lagern, sie sind mehr gefüllt als normal, sagt Jessen gegenüber unserer Zeitung. Auch bei ihm sei das so. „Die Auswahl ist groß.“ Besonders bei Rädern, die keinen Motor haben. Gut verfügbar, und auch spürbar mit Rabatt, gebe es klassische Trecking-Räder oder Mountainbikes. Gut nachgefragt seien alle Arten von E-Bikes, dazu noch spezielle Rennräder oder Gravel-Bikes (Mischung aus Rennrad und Crossbike).
Zweirad-Industrie-Verband: 2023 sind die Umsätze eingebrochen
Diese Einschätzung deckt sich mit den bundesweiten Erkenntnissen der Branche. Vier Millionen Fahrräder und E-Bikes verkaufte die Fahrradbranche 2023, wie der Zweirad-Industrie-Verband (ZIV) mitteilte. Das waren rund 600.000 weniger als im Jahr davor und so wenig wie seit fünf Jahren nicht mehr.
„Das Jahr 2023 war für den Fahrradfachhandel besonders im dritten Quartal ein eher schwieriges Jahr“, teilte der Verband des deutschen Zweiradhandels (VDZ) mit. Wegen der schlechten Witterung im Frühling habe die Saison im vergangenen Jahr verhalten begonnen. Im Sommer hätten sich die Umsätze zwar stabilisiert, jedoch seien sie aufgrund der verregneten Herbst- und Wintermonate wieder eingebrochen. Die Umsätze der Branche gingen zwischen 2022 und 2023 von 7,36 Milliarden auf 7,06 Milliarden Euro zurück. Der Fahrradboom der Corona-Jahre ist damit erst einmal vorbei.
Elektro-Räder sind gefragt
ZIV-Geschäftsführer Burkhard Stork bestätigt, dass insbesondere E-Fahrräder ein wichtiger Treiber der Industrie blieben. Zwar gingen auch hier die Absatzzahlen im vergangenen Jahr zurück. Doch erstmals wurden mehr E-Fahrräder verkauft als herkömmliche. E-Bikes seien das „absolut dominierende Elektrofahrzeug“, sagt Stork. Nach dem Boom der Corona-Jahre hatten sich die Fahrradverkäufe bereits 2022 etwas verlangsamt. Wegen der hohen Nachfrage legte die Produktion damals erheblich zu, es kam zu Lieferproblemen. Dann kühlte sich der Markt wieder ab. 2023 konnte die Industrie wieder liefern. Die Händler hatten wegen der davor so hohen Nachfrage sehr offensiv bestellt – und überraschenderweise die Räder dann auch geliefert bekommen. Plötzlich standen zu viele Räder für zu wenige Käufer im Laden.
Die Lieferschwierigkeiten vergangener Jahre hätten die Branche 2023 nur noch an wenigen Stellen beschäftigt, bestätigte Stork. Zeitweise seien die Lager voll gewesen, so dass die Hersteller weniger produziert hätten. Das erkläre auch den Rückgang der Produktionszahlen. Im vergangenen Jahr wurden demnach 2,3 Millionen Fahrräder und E-Bikes produziert. Bei den Fahrrädern ist das ein Rückgang von elf Prozent im Vergleich zum Vorjahr, bei den E-Bikes sind es knapp sechs Prozent weniger.
Kelheimer Björn Jessen: Rabatte erleichtern Kauf
Diese nachlassende Nachfrage machte sich auch bei den Preisen bemerkbar, zumindest bei Fahrrädern ohne Elektroantrieb. Im Schnitt 470 Euro mussten Kunden im vergangenen Jahr für ein solches Zweirad ausgeben, 30 Euro weniger als im Jahr 2022. Mit durchschnittlich 2950 Euro wurden E-Bikes in dem Zeitraum hingegen um 150 Euro teurer.
Die aktuellen Rabatte erleichterten den Kauf, so Jessen. Nach Jahren mit teils gewaltigen Preissprüngen, die selbst das Verständnis des Händler strapazierten, denkt er, „es ist keine schlechte Idee, jetzt ein Rad zu kaufen“. Gründe: Große Auswahl, eventuell nicht vorrätige Räder sind noch bestellbar, und die Preise seien ok.
Für das laufende Jahr ist Jessen relativ optimistisch. „Es wird ein gutes Jahr“, schätzt er. Radfahren bleibe im Trend. Dem Geschäft sehr zuträglich sei auch das stark wachsende Leasing. Bezuschusste Jobräder stützten die Nachfrage massiv, besonders nach höherwertigen Rädern.
Wegen der schlechten Erfahrungen der Hersteller der vergangenen Jahre mit ausbleibenden Lieferungen aus den Fabriken in Fernost versuchten eine Marken, Produktionen in Europa aufzubauen. Besonders Portugal sei im Fokus, aber auch in Ungarn, Bulgarien, Polen oder Griechenland entstünden zusätzliche Fertigungen. Wegen der höheren Kosten gelte das jedoch nur für hochpreisige Bikes.
Beim Kauf verlassen sich die Kundinnen und Kunden dem Verband zufolge nach wie vor auf fachliche Beratung. Rund drei Viertel aller Räder wurden 2023 demnach im stationären Fachhandel verkauft. Ein knappes Viertel wurde bei reinen Online-Händlern gekauft. In Deutschland gebe es eine hohe Dichte an Fachhändlern, denen eine besondere Rolle zukomme, sagte die Leiterin für Politik und Interessenvertretung des ZIV, Anke Schäffner. Warenhäuser, Baumärkte oder Discounter verlören an Bedeutung. Dies zeige, dass Kunden Wert auf eine gute Beratung legten.
Bessere Infrastruktur und sichere Radwege gefordert
Um das Fahrradfahren im Verkehr weiter anzukurbeln, brauche es eine bessere Infrastruktur und attraktive, sichere Radwege, hieß es. In vielen Kommunen und Städten habe sich die Lage verbessert, es müsse jedoch deutlich mehr passieren. „Wir sind der Schlüssel für eine nachhaltige Mobilität“, betonte Schäffner.
Die steigende Zahl der E-Bikes ruft jedoch auch Kritik hervor. Nach Angaben des Verbands der Waldeigentümer verleiten E-Bikes dazu, in Wäldern abseits fester Wege zu fahren. Dies sei „sehr schädlich für die Natur und mit der nachhaltigen Bewirtschaftung des Waldes und der Jagd unvereinbar“, teilte der Verband mit.
Der ZIV vertritt derzeit 117 Hersteller und Importeure von Fahrrädern, Fahrradkomponenten und Zubehör. Nach Angaben des Verbands stammen etwa 90 Prozent der 2023 in Deutschland produzierten Fahrräder und E-Bikes von Mitgliedsunternehmen des ZIV.