Wem die Rente mit 63 wirklich nutzt: Regensburgerin berät jetzt Habeck in Wirtschaftsfragen

Die Regensburger Professorin Carla Krolage berät künftig die Bundesregierung. Sie gleicht Politik mit Wirtschaftsdaten ab und kommt dabei zu manchen Ergebnissen, die politisches Handeln in anderes Licht rücken: Beispielsweise fand sie heraus, dass die abschlagsfreie Rente mit 63 eher den Besserverdienern zugute kommt, weniger den Dachdeckern, die körperlich nicht mehr können.
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Eine Quotenfrau ist Carla Krolage sicher nicht. Insofern soll es an dieser Stelle auch nur eine Randnotiz sein, dass das Gremium der Bundesregierung, in das sie kürzlich berufen wurde, nur aus Frauen besteht. Viel interessanter ist, welche Kompetenz sich Robert Habeck, immerhin Vizekanzler der Republik, ins Ministerium für Wirtschaft und Klimaschutz geholt hat. Krolage ist eine ausgewiesene Expertin bei der Auswertung von Daten. Daten aber lügen nicht, so sie sorgsam erhoben wurden – so manches politische Thema erscheint in einem völlig anderen Licht, wenn man plötzlich empirische Belege für die Auswirkung von Politik hat.
Ein Beispiel, das schnell verdeutlicht, wie Politik gut gemeint sein mag – am Ende aber den Falschen hilft. „Ich habe die Auswirkung der Eigenheimzulage in Bayern untersucht“, sagt Krolage im Gespräch mit der Mediengruppe Bayern. Der Freistaat zahlte allen, die eine bestimmte Einkommensstufe nicht überschritten hatten, zwischen 2018 und 2020 eine Zulage von 10.000 Euro.
Zulage floss an die Branche
Krolage tat das, was gute Wissenschaftler tun: Sie suchte sich Datensätze über die Entwicklung auf den Immobilienmärkten, verglich diese mit Märkten anderer Bundesländer, wo es keine Zulage gab – und siehe da: „Die Immobilienpreise stiegen ziemlich genau um 10.000 Euro in Bayern, woanders nicht“, so die Forscherin. Da war sie selbst verblüfft darüber, wie exakt sich die Immobilienverkäufer die Eigenheimzulage holten, die eigentlich für junge Familien gedacht war. Spannend sei es, aus Daten Zusammenhänge herauszulesen, sagt Krolage, die übrigens die Datenauswertungen in Programmiersprachen wie Python selbst programmiert. Und Verbraucher müssten sich auch keine Sorgen machen: Die Datensätze, mit denen die Wissenschaftlerin und ihr Team an der Uni Regensburg arbeiten, sind anonymisiert. Doch Kritik am Umgang in Deutschland mit der Erhebung von Daten hat sie durchaus parat: „In Schweden gilt die selbe Datenschutzgrundverordnung wie in Deutschland, dennoch kann man dort viel bessere und umfassendere Datensätze auswerten als hierzulande“, sagt die Forscherin,
Interessant sind die Ergebnisse nicht nur für die Politik, sondern auch für Unternehmen. Ein Beispiel: Derzeit untersucht die Regensburger Professorin einen Zusammenhang zwischen Homeoffice und welche Auswirkungen dieses auf die regionale Entwicklung hat. Der Innenstadthandel hat es zunehmend schwer. Das habe aber nicht damit zu tun, dass die Menschen immer mehr bei Amazon und Zalando kaufen würden, sondern tatsächlich auch damit, dass sich die Orte verändern, an denen sich die Menschen tagsüber aufhalten – und damit auch einkaufen. „Die Arbeitswelt hat sich durch Corona verändert“, sagt Krolage.
Auch wenn viele Firmen – der Softwareanbieter SAP ging kürzlich durch die Medien – ihr Personal wieder in die Firmen holen, arbeiten in etwa 25 Prozent der Beschäftigten teils von zuhause aus. Die Wissenschaftlerin glich einen Datensatz über Homeoffice in deutschen Städten mit einem über Kreditkartenzahlungen aus. „Was ich anhand der Daten zeigen kann ist, dass sich der Konsum weg von den Stadtzentren, wo die Büros zumeist liegen, hin in Wohngebiete verlagert.“ Das aber wiederum hat Auswirkungen darauf, wie sich der Handel entwickeln wird. Die derzeit zumeist vorzufindende Trennung zwischen Innenstädten mit Arbeitsplätzen und Handel einerseits und reinen Wohngebieten andererseits wird durch das Homeoffice zumindest löchriger. „Es ist also nicht so, dass die Menschen weniger konsumieren, sie gehen nur weniger in die Innenstädte, um das zu tun“, ist das Fazit der Forscherin. „In den wohnortnahen Lagen läuft der Einzelhandel ziemlich gut.“
Solche Tendenzen, die sich aus den Daten ablesen lassen, haben aber Auswirkungen: auf unsere Städte, auf unsere Wohngebiete, auf die Entscheidungen von Kommunen und Konzernen.
Im Blick hat die Forscherin auch ein politisch umstrittenes Konstrukt, das vor allem die SPD angeschoben hatte – doch wenn man erfährt, wer davon eigentlich profitiert, wird schnell klar, dass es nicht die Kernwählerschaft der Sozialdemokraten ist. Krolage hat sich die Rente mit 63 angesehen. Auch hier waren große Datensätze und damit auch -schätze Grundlage für ihre Forschung: die der Rentenversicherungsträger nämlich. Wer also profitiert von der Rente mit 63, die zwischenzeitlich ohnehin bereits eine Rente mit 65 ist, weil die Fristen von Jahr zu Jahr andere werden? „Es ist eben nicht der Dachdecker, der körperlich nicht mehr kann und der früher in Rente geht. Der geht in die Erwerbsminderungsrente“, erklärt Krolage. Im Gegenteil: Es sind Menschen, die durch eine ohnehin zumeist lückenlose Erwerbsbiographie – man kann erst nach 45 Beitragsjahren ohne Abschläge früher in Rente gehen – häufig auch überdurchschnittlich viel Rente bekommen. „In unserem Umlagesystem bedeutet das aber, dass andere dafür aufkommen müssen“, sagt die Wirtschaftswissenschaftlerin. Die Politik hat bei der Rente mit 63 also ein Instrument geschaffen, mit dem sie jenen einen Vorteil durch Sozialleistungen beschafft, die ohnehin mehr haben als andere. Krolage würde eine solche politische Wertung nie vornehmen. Sie ist für die Fakten da, nicht für deren Ableitung in die Politik.
Habeck sucht Frauenpower
Krolage soll Politik nur beraten. Zusammen mit 16 Kolleginnen ist die Professorin von der Uni Regensburg nun Mitglied des Ökonominnen-Netzwerks. Die weibliche Perspektive spiele schon auch eine Rolle, sagt die Wissenschaftlerin dann doch: beispielsweise dort, wo es um Kinderbetreuung für Berufstätige gehe. Denn auch wenn Expertise längst unabhängig von Geschlechtern verteilt ist – die Kinderbetreuung ist eben häufig noch Frauensache.