Ladenbesitzerin gibt in Regensburg auf: „Die wollen keine kleinen Geschäfte mehr“

Von Christian Eckl · 22. April 2023 um 05:00

Eine Händlerin, die auch in München eine Filiale betreibt, hat ihr Ladengeschäft in der Altstadt geschlossen. Im Gespräch sagt sie, was in Regensburg falsch läuft. Die Stadt hält dagegen – ein Immobilien-Experte kritisiert vor allem den Verkehr.

Als sie den Laden ausräumte, dachte sie schon nochmals nach: Wie schön die Stadt doch sei, welch tolle Atmosphäre Regensburg habe. Aber dann war sie sich auch wieder sicher: „So, wie das hier lief, ist das keine Perspektive für uns.“ Genoveva Burwinkel betrieb bis vor kurzem ein Geschäft für Baby- und Kinderbekleidung in zentraler Lage: In der Ludwigstraße. Doch vor ein paar Wochen räumte sie den Laden wieder aus. „Wir waren seit 2015 in Regensburg, ich fand die Atmosphäre immer toll. Aber das Flair dieser Stadt, das wird kaputt gemacht“, findet Burwinkel.

Dabei macht die Geschäftsfrau genau das, wo alle Experten die Zukunft des stationären Handels sehen. Ihre Firma Tavo ist nach eigenen Angaben ein mittelständisches Textilunternehmen mit Sitz in der Oberpfalz. Sie vermarktet vieles online. Doch sie setzt auch auf stationären Handel: mit einer Geschäftsstelle in München – und eben bis vor kurzem jener in Regensburg. „Mit München kann man das gar nicht vergleichen“, sagt Burwinkel. „Da sind ganz andere Umsätze möglich.“

Parkplatzproblem wird kleingeredet

Doch woran lag es? Burwinkel wird deutlich: „Ich habe das Gefühl, die Politik wollte uns kleine inhabergeführte Geschäfte gar nicht mehr in der Altstadt.“ Sie nennt zahlreiche Beispiele, was aus ihrer Sicht Gift ist für den Handel dort. „Das Parkplatzproblem wird immer kleingeredet, auch die Erreichbarkeit. Aber immer mehr Kunden sagten mir irgendwann, zu euch würde ich gerne kommen – aber unter diesen Bedingungen fahre ich lieber in eines der Einkaufszentren.“

Für Burwinkel auch fatal: „Die Demonstrationen zu den besten Geschäftszeiten haben die Kundenfrequenz derart gesenkt, dass es sich für uns nicht mehr gelohnt hat.“ Von der Stadt habe sie keinerlei Verständnis bekommen, auch nicht, als sie die Parkplatzsituation anprangerte. In der Altstadt gibt es etwa doppelt so viele Bewohnerausweise und damit auch Fahrzeuge wie Parkplätze. Sie sind heiß umkämpft.

Laden dauernd zugeparkt

In der Ludwigstraße vor dem Schaufenster von Burwinkels Handelsgeschäft dürfen diese aber erst nach Geschäftsschluss stehen. „Wir waren dauernd zugeparkt mit Handwerker-Fahrzeugen.“ Klar, in der Stadt wird ständig etwas saniert. Handwerker dürfen mit einem roten Sonderausweis dort auch tagsüber parken. „Da kam dann eines Tages der Altstadtkümmerer und hörte sich das an, sagte dann aber: Das sei doch nicht so schlimm.“ Die Unternehmerin hat nun Konsequenzen gezogen. Online und ein Geschäft in München, das reicht ihr für den Umsatz.

Doch was sagt die Stadt zu den Vorhalten? Toni Lautenschläger, Leiter des Amts für Wirtschaft und Wissenschaft, findet, das sei nicht so schlimm. „Es wurden mehrere ausführliche Gespräche zwischen demAltstadtkümmerer und der Geschäftsfraugeführt“, sagt er. Der Altstadtkümmerer habe unmittelbar nach der Schilderung durch die Geschäftsfrau an mehreren Tagen zu unterschiedlichen Zeiten die Situation in Augenschein genommen und habe jeweils festgestellt, „dass kein übermäßiges Aufkommen an Handwerkerfahrzeugen beobachtet werden konnte“. Der Eindruck sei also eher temporär gewesen.

Demonstrationsrecht ein hohes Gut

Auch die Klage über die Demonstrationen sieht Lautenschläger anders: „Das Demonstrationsrecht ist ein zurecht geschütztes hohes Gut“, sagt er. Demonstrationen dürfen auch in der zentralen Altstadtlage „zu den besten Geschäftszeiten“ stattfinden. „Die damit für einige Gruppen oder Betriebe teilweise einhergehenden temporären negativen Begleiterscheinungen sind dem Demonstrationsrecht untergeordnet und müssen daher erduldet werden.“ Burwinkel beklagt auch den dramatischen Rückgang der Kundenfrequenz.

Das sieht Lautenschläger auch anders: „Auch wenn die Auswirkungen vonCorona, Energiekrise und Inflation noch nachwirken, erreichen die Frequenzen in der Altstadt wieder zunehmend das Vor-Corona-Niveau – wenngleich diese positive Entwicklung nicht für jeden Betrieb zutreffen wird.“ Regensburg habe zudem wieder mehr Touristen „sowie die zahlreichen Studierenden der Regensburger Hochschulen, die lange im Stadtbild gefehlt haben“.

Verkehrskonzept in der Kritik

Immobilienmakler Gerald Loers ist zwischenzeitlich ein Experte in Sachen Gewerbeflächen in der Regensburger Altstadt, vermittelte beispielsweise kürzlich den Herrenausstatter Anson‘s in die ehemalige Zara-Filiale. Loers kritisiert das Konzept der Wohn- und Verkehrsstraße etwa in der Ludwigstraße.

Diese sei „trotz der damaligen aufwendigen Sanierung nicht zu dieser schönen Einkaufsstraße geworden“, wie eigentlich geplant. Keine Stadt in Deutschland wende dieses Konzept innerstädtisch an. Hinzu kämen Anwohner, die die wenigen Parkplätze ansteuern würden, „nur um festzustellen, dass die ohnehin schon besetzt sind“.

Die Kundenfrequenz habe nach Corona und Lieferkettenmängel wieder zugenommen, sagt Loers, manche Geschäfte würden von der Situation derzeit sogar profitieren. „Auch die Tourismus-Branche erwartet wieder einen sehr guten Umsatz und die Passagier-Schiffe stehen wieder zahlreich an den Anlegestellen. Somit sollte der Ausblick schon eher positiv als negativ sein“, sagte Loers. Er nennt Beispiele wie Gumprecht, Spielwaren Selmaier, den Donaustern oder Bücher Pustet, die nach wie vor Kundenmagneten seien. Harsche Kritik übt Loers aber am Verkehr in der Altstadt. So hätte Regensburg etwa in der Maxstraße eine funktionierende Einkaufsstraße. „Nur werden gerade diese Bereiche mit immer viel Verkehr um den Hauptbahnhof grotesker Weise verkehrsberuhigt, und dafür der Verkehr direkt in die Altstadt wiederum nicht“, lautet seine Kritik.