Sind Reiche das Problem? Armutsforscher fordert Umverteilung

Der Sozialforscher Christoph Butterwegge legt ein neues Buch vor. Darin kritisiert er die Dynastien, wie er sie nennt, die viel Geld vererben.
Die fünf reichsten Deutschen besitzen dem Sozialforscher zufolge so viel Vermögen wie 40 Millionen Deutsche zusammen. Doch am Ende stellt sich die Frage: Wird durch Umverteilung wirklich mehr Wohlstand für alle möglich? Und ging es der Lidl-Verkäuferin, wie Bitterwegge behauptet, in der Ära Brandt wirklich besser als heutzutage?
Würde der reichste Deutsche, der Logistikunternehmer Klaus-Michael Kühne, sein Vermögen von 36,2 Milliarden Euro unter allen Deutschen verteilen, so blieben jedem 430 Euro. Klingt nach gar nicht so wenig, doch das Vermögen Kühnes ist ja investiert – und schafft Wertschöpfung, Arbeitsplätze, im besten Fall einen gewissen Wohlstand für alle. Ganz anders sieht das der Armutsforscher Christoph Butterwegge. Jetzt hat er ein neues Buch geschrieben: „Umverteilung des Reichtums“ heißt es – und es liest sich wie eine postsozialistische Bibel, in der auf der einen Seite reiche Familien stehen, auf der anderen Seite eine laut Butterwegge größer werdende Gruppe an Menschen, die sich inmitten des Reichtums für die Armut schämt.
Was ist das, Armut?
Am Donnerstag erschien das Buch. Butterwegge sprach zuvor mit der Mediengruppe Bayern. Zur Kernfrage: Was ist wirklich arm? Butterwegge teilt die Ansicht des Statistischen Bundesamtes, arm sei, wer lediglich 60 Prozent des mittleren Einkommens hat. Damit ist aber nicht das Durchschnittseinkommen gemeint, sondern dessen Verteilung. Sprich: Auch wenn es immer mehr Millionäre und Milliardäre in Deutschland geben sollte und der Durchschnittsdeutsche heute mehr verdient als vor 50 Jahren, geht es darum, wo man steht. So definiert, sind es etwa 13 Millionen Menschen und damit 15,8 Prozent der Bevölkerung, die arm sind. Darunter ist natürlich auch der Migrant, der im Bürgergeld lebt und überhaupt jeder Bürgergeldbezieher.
Butterwegge findet das nachvollziehbar: „In einem wohlhabenden Land hungert man nicht, wenn man arm ist, aber man sieht den Reichtum außenrum.“ Arm macht also der Vergleich, spitzt man diese These Butterwegges zu. Er möchte jedenfalls nicht, dass man die Armen in Deutschland gegen die – hungernden – Armen in der Sahelzone ausspielt. Butterwegge fährt bald nach Luxemburg, um dort bei der Caritas über Kinderarmut zu sprechen. Das ist durchaus interessant, denn die Luxemburger haben pro Kopf das zehnfache Vermögen als die Deutschen – reicher geht eigentlich kaum. „Ein Kind vergleicht sich ja nicht mit einem Kind in Afrika, das hungert, sondern es vergleicht sich mit den Klassenkameraden“, sagt Butterwegge. Wieder: Arm macht also der Reichtum der anderen.
Steil ist dann auch die These des Armutsforschers: Als er 1972, noch bei den Jusos, mit Gerhard Schröder für Willy Brandt in den Wahlkampf zog, da sei „Deutschland gerechter“ gewesen, der Wohlstand war besser verteilt. Bemerkenswert ist das, denn 1972 gab es noch keine Flachbildfernseher und auch das Auto war noch längst nicht in jeder Familie vorhanden. „Das Bruttoinlandsprodukt ist heute das Dreifache von damals“, räumt der Armutsforscher ein. „Aber meine Kritik ist ja nicht, dass Deutschland nicht reich sei – sondern dass die fünf reichsten Menschen im Land genauso viel besitzen wie 40 Millionen Deutsche zusammen.“ In Brandts Ära sei der Unterschied zwischen einem Krämer wie Dieter Schwarz, dem Lidl und Kaufland gehören, und der Verkäuferin in dessen Laden geringer gewesen.
In Butterwegges Buch werden die deutschen Familiendynastien für eine steigende Ungleichheit verantwortlich gemacht. Dass etwa Susanne Klatten und ihr Bruder Stefan Quandt, die BMW-Erben, schlicht einen guten Job gemacht haben, weil die Gewinne von BMW über Jahrzehnte Mitarbeiter gut entlohnten und den Staat fürstlich alimentierten, das sieht Butterwegge anders: „Die Erfolge solcher Unternehmen hängen immer vom Management ab.“
Gibt es für den Armutsforscher denn dann auch gute Reiche? „Ja“, sagt der Mann, den die Linke schonmal als Bundespräsidenten-Kandidaten ins Rennen schickte. Er spricht über Hedwig Neven Dumont, die Verlegerin, die eine Stiftung zur Verringerung von Kinderarmut ins Leben rief. In den USA hätten Warren Buffet und Bill Gates zur Aktion „Giving Pledge“ aufgerufen. Die Superreichen verpflichten sich darin, nach ihrem Tod 50 Prozent des Vermögens nicht den Erben, sondern der Allgemeinheit zurückzugeben. Und er erwähnt auch den deutschen SAP-Gründer Hasso Plattner, der sich genau dazu verpflichtet hat.
Am Ende nur Ideologie
Es dauert nicht lange, da kommt Butterwegge dann auch mit Karl Marx um die Ecke. Nein, die DDR sei für ihn kein besseres Gesellschaftssystem gewesen, er stelle sich eine Art von „demokratischem Sozialismus“ vor. Gerechter ginge es in den Ländern Skandinaviens zu. Dort würde der Staat etwa Wohnungen bauen, auch Wien, durchaus vergleichbar mit München, habe ein deutlich niedrigeres Mietniveau. Dass es in Bremen um ein Vielfaches mehr Bürgergeld-Bezieher als in München gibt, führt er nicht auf eine gute Wirtschaftspolitik zurück. Setze man das Armutsmaß des Medians an und vergleiche die Bayern untereinander, dann werden die Bayern „plötzlich sehr arm“. Am Ende schwingt in Butterwegges Ausführungen eben viel Ideologie mit. Schuld sind für ihn eben die Reichen.