Pension contra Rente – ist das gerecht? Ein Regensburger Experte erklärt den Unterschied

Von Christian Eckl · 14. März 2024 um 18:16

Immer wieder wird eine Ungleichbehandlung von Beamten und Angestellten beklagt. Doch wieso hält der Staat eigentlich zwei Systeme parallel vor? Und sind die Beamten wirklich so bevorzugt gegenüber den Rentnern? Ein Regensburger Experte beantwortet die wichtigsten Fragen.

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Gesellschaften neigen zu komplexen Systemen. Das Rentensystem erklärte allerdings ein legendärer Politiker aus den Anfängen der Bundesrepublik mal so: „Kinder kriegen die Leute immer.“ Deshalb, so meinte der erste bundesdeutsche Kanzler Konrad Adenauer, sei die umlagefinanzierte Rente sicher. Später wollte einer seiner Parteikollegen Vertrauen wecken: „Die Rente ist sicher“, sagte Norbert Blüm. Wieso, wenn die Rente doch so gut ist, aber ausgerechnet weder er noch seine Staatsbeamten ins System einzahlten und es bis heute nicht tun? Wer die Systeme Rente und Pension vergleichen will, der merkt schnell: Es ist kompliziert.

Der Teufel steckt im Detail

Ein ausgewiesener Rentenexperte ist der Regensburger Volkswirtschaftsprofessor Fabian Kindermann. Er erklärt den grundlegenden Unterschied zwischen Rente und Pension. „Die gesetzliche Rentenversicherung ist eine Grundabsicherung im Alter für Arbeitnehmer“, so der Volkswirt. Gewisse Gruppen seien ausgenommen: Selbstständige ebenso wie Beamte, aber auch Anwälte oder Ärzte, die eigene Versorgungssysteme haben. Kritik entzündet sich oft an der Quote von 48 Prozent. Das ist der Schnitt, den Rentner vom letzten Bruttoeinkommen im Alter zur Verfügung haben. Pensionisten erhalten maximal 71,75 Prozent ihres letzten Beamtensolds, wenn sie die volle Dienstzeit von 40 Jahren erreicht haben.

„Die rechtliche Regelung, der Versorgungsgrundsatz, ist da ein ganz anderer“, sagt Kindermann. Ist das gerecht? „Es kommt auf die Perspektive an“, findet der Hochschullehrer. „Kurz- und mittelfristig profitiert der Staat bei Beamten, da er anders als bei Angestellten keine Sozialabgaben abführen muss.“ Langfristig haben Beamte eine längere Lebenserwartung und im Schnitt auch deutlich höhere Ansprüche im Alter. Wobei auch hier genauer hingesehen werden muss. „Bei den Rentnern geht man eigentlich davon aus, dass es auch Zusatzversorgungen wie Betriebsrenten gibt.“ Dass diese immer weniger werden, ist etwas, das eigentlich nicht so vorgesehen war im System. Und zum anderen kann man die Durchschnitts-Pensionen auch nicht vergleichen mit den Renten: „Bei den Pensionisten hat man eine Hochschulquote von 60 Prozent.“

Bei den Rentnern sind es viel weniger. Ein Problem aber sei, dass die wenigsten Länder, die mit Lehrern, Hochschullehrern, Polizisten und so weiter die meisten Beamten beschäftigen, keine Rückstellungen für deren Pensionen einstellen. Die Rechnung für die Pensionen zahlen also die kommenden Generationen – eine Art versteckte Schuldenaufnahme. Österreich hat das System 2005 reformiert. Seither zahlen Selbstständige ebenso wie Beamte und Angestellte in eine gemeinsame Kasse ein. Das Rentenniveau liegt in Österreich bei 77,6 Prozent des letzten Bruttoeinkommens. Kindermann weist aber darauf hin, dass die Österreicher die Zusammenlegung der Systeme erst für Jahrgänge ab 1955 durchführten. „Das bedeutet, die Beamten waren damals höchstens 50 Jahre alt – man hat also die Jungen ins System getan, die zu dem Zeitpunkt noch nichts kosteten.“

Österreicher zahlen mehr

Zudem zahlen die Österreicher über 22 Prozent Rentenbeiträge. In Deutschland sind es derzeit etwas über 18. „Wer Pensionen und Renten zusammenlegen will, der muss zumindest mittelfristig bereit sein, höhere Beiträge zu bezahlen“, schließt der Experte. Jedes System habe eben Vor- und Nachteile. Wer es ändern will, der muss einen Preis bezahlen.

Ein Thema, zwei MeinungenPro: Das System ist schreiend ungerecht!

Es ist schon interessant: Seit Jahrzehnten versucht eine sozialdemokratisch geprägte Politik, Gleichheit in allen Lebensbereichen herzustellen. Gleiche Bildungschancen, gleiche Rechte, Gleichheit überall. Und ausgerechnet bei zwei staatlich verordneten Systemen ist die Ungleichheit schreiend ungerecht: Einerseits bei der Tatsache, dass Beamte automatisch privat versichert sind und damit in den Genuss von schnelleren Facharztterminen, Chefarztbehandlung und allerlei anderen Komfortgaben im Gesundheitswesen kommen. Und andererseits bei den Pensionen. Wie kann das sein?

Häufig argumentieren jene, die das Pensionssystem verteidigen damit, dass es zumeist um Hochqualifizierte geht, also Akademiker. Schon ein Blick in die aktuelle Entwicklung zeigt aber, dass die Ungerechtigkeit in den unteren Rängen beginnt. Bei der letzten Pensionserhöhung fuhren bereits A3-Beamte eine Erhöhung von 253 Euro ein, wenn sie die 40 Dienstjahre in ihrer Laufbahn vollendet hatten. Damit bekam eine verbeamtete Sekretärin eine Höchstpension von 1932 Euro – bei einem Grundgehalt von 2693 Euro in ihrer aktiven Zeit. Wer das mit einer Rente vergleicht, die ein Arbeitnehmer mit knapp 2700 Euro Brutto im Laufe seines Berufslebens erwirtschaftet, der wird schnell merken, wie ungerecht das Rentensystem im Vergleich ist.

Das Argument, es seien ja zumeist Akademiker, die in Pension gingen, hat einen Haken: In den höheren Chargen wird das System ja noch ungerechter! Nehmen wir einen verbeamteten Staatssekretär mit B11. Der erhält 15.075 Euro Grundgehalt und eine Pension von knapp 10.900 Euro! Übrigens ein Plus von 724 Euro nach der letzten Erhöhung!

Besonders bemerkenswert ist, dass eigentlich keine Partei an diese Ungerechtigkeit ran will. Im Gegenteil. Liegt es daran, dass jeder zehnte Bundestagsabgeordnete Lehrer ist? Fast jeder dritte Abgeordnete hat vor seinem Mandat für den Staat gearbeitet. Wieso also die bequeme Versorgung kappen?

Dass auch Pensionisten den Inflationsausgleich bekamen, Rentner aber nicht, war fast symbolisch für diese Ungerechtigkeit. Wer beklagt, dass immer mehr Menschen dem Staat den Rücken zuwenden, der kann das nicht ignorieren.

Christian Eckl ist Mitglied der Chefredaktion. Er stammt aus einer Beamtenfamilie.

Contra: Finger weg von den Pensionen!

Die Beamtenpensionen führen in der öffentlichen Debatte vor allem zu einem: Neid. Immer wieder höre ich, Beamte würden eine „Rente erhalten, ohne je etwas eingezahlt zu haben“. Eine Argumentation, die abwegiger nicht sein könnte! Ja, Pensionen sind im Durchschnitt höher als die gesetzliche Rente. Das ist auch richtig so! Die Pension ist ein fest verankerter Teil des Beamtenverhältnisses und bereits in die vergleichsweise niedrigeren Bruttobezüge eingepreist. Auch im öffentlichen Dienst herrscht mittlerweile ein großer Fachkräftemangel. Sollten die Pensionen zukünftig abgeschafft werden, müssten dann die Bruttobezüge aber um ca. 50 bis 100 Prozent steigen! Das wollen die Steuerzahler jedoch sicher auch nicht, oder? Zudem ist der Akademikeranteil unter Beamten signifikant höher als im Rest der Bevölkerung, was auch zu höheren Pensionen führt. Bei einem Antrag auf Entlassung („Kündigung“) oder einer Entfernung aus dem Dienst geht die Pension verloren. Daher sind lange Dienstzeiten bei Beamten üblich, meist ein Großteil des Berufslebens. Der drohende Verlust der Pension wirkt zudem disziplinierend auf Beamte und trägt erheblich zur Reduzierung von Fehlverhalten und Korruption bei. Diese besondere Treue wird zurecht durch die Pension honoriert.

Übrigens zahlen Beamte – genau wie Selbstständige – heute schon über ihr Steueraufkommen in die Bezuschussung der gesetzlichen Rentenversicherung ein, ohne selbst Rentenansprüche zu sammeln.

Das finde ich einen Skandal! Wer ebenfalls eine Pension möchte, kann sich ja aber einfach auf eine Beamtenstelle bewerben! Die Auswahl basiert prinzipiell auf der Bestenauslese (siehe Artikel 33 Absatz 2 Grundgesetz), welche auch gerichtlich überprüfbar ist. Ein Beamtenverhältnis bringt viele Vor- als auch Nachteile mit sich. Zu den Nachteilen zählen unter anderem sehr begrenzte Freiheiten, ein Streikverbot und eine beliebige Versetzbarkeit. Wer gierig auf eine Pension schaut, sollte das aber auch berücksichtigen. Ich bin es leid, immer wieder von angeblicher Ungerechtigkeit und dass immer andere an der eigenen Lage schuld seien, zu lesen. Daher: Mehr Leistungsgedanke und weniger Neid.

Patrick Glauner lehrt und forscht an der TH Deggendorf zu Künstlicher Intelligenz. Er ist Beamter.