Waldmünchen, Tiefenbach, Plain: Die gleiche große Heimatliebe auf beiden Seiten des Atlantiks

Es ist einfach unglaublich – und genau deshalb passen diese zwei Enden so gut zusammen. Während Renate und Franz Beer, beide mit Wurzeln in Waldmünchen (Landkreis Cham), ihre Verwandten in Wisconsin besuchen, wandeln acht Mitglieder der Familie Ringelstetter/Weiss rund um Tiefenbach auf den Spuren ihrer Vorfahren. Nicht die einzige Überschneidung: Auf beiden Seiten des Atlantik gab es Erstaunliches.
„So viele vertraute Namen...“ Das sagt Lizzy Weiss in Tiefenbach, das sagt Renate Beer in Plain. Für die 22-jährige Lizzy ein großartiges Gefühl, eine tiefgreifende Erfahrung. „Ich sehe, wo meine Familie herkommt.“ Es ist ihr zweiter Besuch in Deutschland, der erste war ein Schüleraustausch mit Abstecher nach Berlin. Aber das hier sei etwas ganz anderes, „Es fühlt sich wie Familie an, und es ist fantastisch zu wissen, dass man quer in der Welt Verbindungen hat.“
Das erste Mal raus aus den USA
Für ihre Mama Jeanne ist es gar die erste Reise außerhalb der USA. „Es ist ein lebenslanger Traum“, betont sie. Sowohl ihre Vorfahren mütterlicher- als auch väterlicherseits stammen aus der Gegend um Plain. „100 Prozent deutsch“, lächelt sie.
Der 2022-Trip fiel pandemienbedingt ins Wasser
Initiiert hat den Trip, der über Salzburg, Oberbayern und Regensburg führte, Dick Ringelstetter. Er lebt in Idaho, die anderen Familienmitglieder in Wisconsin oder der Region Washington . Man traf sich in München am Flughafen... Geplant war die Reise schon 2022, zum 150. Jahrestag der Auswanderung. Das war bekanntlich nicht möglich.
Welches Tiefenbach?
„Er hat uns angesteckt“, lächelt Paul Weiss, der durch ein Studienjahr in Stuttgart am meisten Deutschlanderfahrung mitbringt. Seinerzeit hatte er sich auf Spurensuche begeben, musste erst einmal herausfinden, um welches Tiefenbach es sich handelt....
Lesen Sie hier: Wie alles begann
Die Amerikaner machen sich eine Menge Gedanken. „Die gingen ins Unbekannte, wussten, dass sie nie zurückkehren“, versucht sich Deanne in die Gefühlswelt der Auswanderer zu versetzen, was „im Grunde nicht gelingen kann“. Auf der einen Seite: die Perspektive auf ein Stück eigenes Land, eine Zukunft, die Trennung von Staat und Kirche, aber auch die Gewissheit, Eltern, Geschwister zurücklassen, sie nie wieder zu sehen, „ein unvorstellbares Gefühl“. Ihre Oma hat erzählt, dass sie ihren Vater nur ein einziges Mal im Leben hat weinen sehen. Als er per Brief vom Tod seiner Mutter in der alten Heimat erfahren hat. Sie sagt: Die Stärke derer, die eines Tages in die Neue Welt aufgebrochen sind, sei unbeschreiblich.
Harte Kriegsjahre
Die Amerikaner bringen eine wohl vielen nicht bewusste Facette ein: Im Krieg hätten es jene mit deutschen Namen nicht leicht gehabt. Mehr noch: Hass und Vorurteile seien ihnen entgegengeschwappt. Wohl deshalb sei in manchen Familien nicht oder nur wenig über die Wurzeln gesprochen worden. Alternativ oder ergänzend versuchte man sich anzupassen: Aus Weiss wurde Weis oder gleich White (insofern ist Paul eine Ausnahme).
Die Tochter arbeitet im Weißen Haus
Diese deutsch-amerikanische Geschichte, sie hat viele Facetten. Aktuell die Sorgen um den Ausgang der Wahl. Deannes Tochter arbeitet im Weißen Haus, Missinformation und die Russlandnähe Donald Trumps lösen Unbehagen aus, zumal beides ihrem Empfinden nach Fahrt aufnehmen würde. Weil es nach wie vor so ist, dass Deutschland (wie das übrige Europa) in amerikanischen Medien kaum stattfindet, sei die Informationsbeschaffung nach wie vor schwierig. Stellvertretend für alle betont Deanne: „Wir beobachten so gut es geht, ob es in Deutschland gut läuft.“
Lesen Sie hier: Die beste Luft Bayerns
Überrascht sind sie hier vor allem von der Sauberkeit („die Menschen scheinen sich um das, was ihnen wichtig ist, zu kümmern“), der Luft, der Aufgeschlossenheit der Menschen und der Schönheit der Landschaft. Was Lizzy beim Blick nach rechts und links aufgefallen ist: Kaum patriotische Flaggen vor den Häusern und schon gar nicht vor Geschäften. In den USA gang und gäbe.
Andere Familien nachgeholt
Zurück zur Hoch-Zeit der Auswanderbewegung, im Waldmünchner Museum unter anderem mit Fahrkarten, Anzeigen und Briefen dokumentiert. Rita Erickson weiß, dass ihre Vorfahren – wie viele andere – Geld in die alte Heimat geschickt haben, um anderen die Überfahrt zu finanzieren. Sie erinnert sich, dass ihre Verwandten zu den Nachkommen derart „Gesponserter“ noch lange Kontakt pflegten.
Stolz auf die Jungen
Obwohl Dick Ringelstetter fast 2500 Kilometer von Plain entfernt lebt, ist er stolz, dass Familienmitglieder den dortigen Kreuzweg mit errichtet hätten. Seine Eltern hätten nicht über die deutschen Wurzeln erzählt, so dass er erst in den 1970er Jahren durch Schilderungen seines Onkels auf die Familiengeschichte aufmerksam wurde. Umso glücklicher ist er nun, dass die junge Generation, ganz konkret Lizzy und Claire, Interesse zeigen. „Ein wunderbares Gefühl, dass das weitergeht.“
Der gleiche Name im Fernseher
Bleibt ein anderes Highlight: Am Ankunftstag, beim Durchschalten des Fernsehprogramms, stolperte er über eine Sendung im Bayerischen Fernsehen mit einem gewissen Hannes Ringlstetter. Ein Gänsehautmoment: Der Name, das gibt‘s doch nicht...
Bericht aus Plain
„Wahnsinnig herzlich!“, ist das Erste, was Renate Beer zu ihrem (ersten) Aufenthalt in Plain einfällt. „Wir wurden beinahe wie Staatsgäste empfangen“, ergänzt ihr Mann Franz lächelnd. Er stammt wie sein Bruder Hans aus Hirschhöf und ist über einen 1877 nach Wisconsin ausgewanderten Alois Beer mit Joe Wankerl verwandt – dessen Mutter Berta ist die Tochter jenes Alois‘.
Nächste Woche steht der 93. Geburtstag an
Joe Wankerl, der am 1. Juni 93 Jahre alt wird, ist einer der Motoren der Freundschaft zu Waldmünchen und der Städtepartnerschaft. Ihn und seine Frau Lucille zu besuchen, war einer der Gründe für die USA-Reise der Beers, die ihren Lebensmittelpunkt im oberbayerischen Kolbermoor haben.
In den ganzen USA berühmt
„Jeder hilft wirklich jedem“, schildert Renate Beer den Zusammenhalt in der gut 700-Seelen-Ortschaft. Und wie sie sich um die Deutschen gekümmert haben! In Plain, aber auch darüber hinaus. So ging es für die Beers in eine der berühmtesten Käsemanufakturen des Landes (Meister) und die für viele als USA-weit top gehandelte Tuningwerkstatt (Ringbrothers).
Der Herr Senator kümmerte sich
Zum unvergesslichen Erlebnis wurde die Besichtigung des Capitols in Madison, für die sich Senator Howard L. Marklein sogar höchstpersönlich ins Zeug gelegt hatte und den Gästen das Betreten der Kuppel ermöglichte. Zur Einordnung: Marie Lins‘ (sie koordiniert die Städtepartnerschaft auf amerikanischer Seite) Cousin John, der drei Jahre als Fremdenführer im Regierungs- und Gerichtssitz tätig war, hat die Wendeltreppe nach ganz oben bis zum Besuch des Ehepaars aus Bayern nie betreten...
Lesen Sie hier: Städtepartnerschaften als Friedensstifter
Während es für die Medizinerin der erste Besuch in Wisconsin war, hat ihr Mann mit seinem Bruder 2018 schon einmal die riesige Gastfreundschaft genossen. Wie seinerzeit gab es auch in den jüngst zurückliegenden Tagen mit allen, die von der deutschen Herkunft der Gäste erfuhren, ein großes Hallo. Weil es zwischen Waldmünchen und Plain zwischen den Menschen mehr ist als Freundschaft. Es ist Familie.



