Der Praktikant und seine unerwarteten Entdeckungen in Waldmünchen

Ein 15-Jähriger aus Bamberg sucht einen Praktikumsplatz in der Öko-Landwirtschaft. Er findet ihn in Waldmünchen (Landkreis Cham). Aber er entdeckt weit mehr. Nämlich einen Teil seiner familiären Wurzeln.
Was für ein Zufall! Einer? Nein, so viele, dass man über die Geschichte von Niklas Peisl und dem Mühlbauer-Hof nur bass staunen kann. Und dann ist da ja noch das besondere Praktikum, mit dem alles beginnt.
Ein 15-Jähriger aus Bamberg, der einen Praktikumsplatz in der Öko-Landwirtschaft sucht. Eine Oma, die helfen will und zugleich prominenteste Wurzeln nach Waldmünchen hat. Ein Ehepaar, das eines schönen Tages einen sympathischen Eindruck hinterlassen haben muss. Alles zusammen löst eine Kettenreaktion aus, für die es nur ein Wort gibt: Unglaublich.
Der Reihe nach. Da ist Niklas, der für „seine“ Waldorfschule in Hassfurt ein dreiwöchiges Praktikum in einem biologisch wirtschaftenden Betrieb absolvieren soll. Das weiß Oma Regine, Stammkundin in der Chamer Klostermühle. Beim nächsten Einkauf erkundigt sie sich, ob Inhaberin Melanie Rauscher nicht einen geeigneten Betrieb wüsste....
Tut sie, aber die Antwort ist nicht zufriedenstellend. „Der Bua braucht a Familie“, kontert sie. Nun, dann wäre da noch ein Ehepaar aus Waldmünchen, bringt Rauscher Kürzingers ins Spiel. Die wären neulich mal da gewesen, man habe sich gut unterhalten, „sympathische Leute“.
„Das passt: Und wie!
Der Kontakt ist schnell hergestellt, bei einem Besuch von Niklas mit Mama Julia und Oma Regine ist gleich klar: Das passt. Und wie! Niklas und der 13-jährige Josef, Kürzinger-Sohn und angehender Landwirt, verstehen sich prima.
Der junge Bamberger ist nicht lange am Hof, als das Gespräch auf die verwandtschaftlichen Bande in die Region kommt – und Kürzingers über Niklas‘ Nachnamen stolpern. Peisl... da war doch noch was.
In der Tat: Niklas’ in einem Dorf bei Cham lebende Oma Regine ist die Schwiegertochter jenes Otto Peisl, aus dessen Feder das Konzept für das Trenck-Festspiel stammt.
Damit nicht genug der „Zufälle“ oder Entdecklung. Letztere macht Niklas, als er einmal mit Josef in Grub unterwegs ist. Das dortige – mittlerweile geschlossene – Gasthaus hat sein Ur-Ur-Ur-Opa einst eröffnet. Zuhause steht ein entsprechender Bierkrug. Mama Julia erinnert sich, als Kind da öfter Äpfel geholt zu haben.
Niklas selbst ist für den Mühlbauer-Hof eine Premiere. Praktikanten und Auszubildende hat er schon viele gesehen, aber nicht als Übernachtungsgäste. Der Familienrat kommt allerdings nach der Anfrage rasch zu dem Schluss: Warum nicht? Also wird das Zimmer der erwachsenen Tochter Lisa auf Vordermann gebracht. Eine Rückzugsmöglichkeit, die der 15-Jährige wenig nutzt. „Er war immer bei und mit uns“, bestätigt Mama Andrea.
Nicht nur im Stall und auf dem Feld. Das Maibaumaufstellen fällt in die Zeit, sein „Buder auf Zeit“ Josef nimmt ihn zur Dorfjugend mit. Den Brauch kennt der Bamberger nicht, auch nicht das „Vergruscheln“ in der Freinacht. „Das kam ihm komisch vor“, muss Andrea Kürzinger noch immer schmunzeln, wenn sie davon erzählt.
Ihr Mann ist von Berufs wegen als Leiter der Agentur für Arbeit in Cham nah am Thema und vom Konzept der Waldorfschule mit zahlreichen, vielschichtigen und langen Praktika äußerst angetan. Neben den grundsätzlichen Vorzügen – Arbeitswelt und „das Leben“ kennenlernen – kommt für ihn speziell im Bereich Landwirtschaft ein wichtiger Punkt hinzu. Die erhalte so die Chance, jungen Menschen und künftigen Verbraucher einen Einblick zu vermitteln, was hinter Lebensmittelerzeugung steckt. Die würden sie nach der Zeit auf einem Hof sicher mehr wertschätzen.
Es stand viel Arbeit an
Und in den vergangenen Wochen stand viel Arbeit an. Mais sähen, Gras silieren. „Wir haben fünf Tage gemäht und drei Silos gefüllt“, erzählen die großen und kleinen Landwirte. Zusätzlich zum Alltagsgeschäft Kälber füttern, Melkwerkzeuge desinfizieren, Euterpflege – alles Aufgaben, die Niklas Peisl mit übernimmt. „Anstrengend“, lautet entsprechend sein Fazit zum Beruf.
Auch, wenn dem 15-Jährigen schon vorher klar ist, dass das nicht seine Branche wird – findet er die Möglichkeiten, „draußen“ Verschiedenes kennenzulernen, „sehr gut“. Bis nach Finnland, Schweden oder Norddeutschland hat es Klassenkameraden für das Praktikum verschlagen. Die, mit denen er während der Zeit Kontakt hält, sind wie er allesamt sehr zufrieden. „Es war wirklich toll“, lautet seine Bilanz.
Niklas selbst möchte im Bereich Cybersicherheit Fuß fassen, am liebsten in der Siemens-Gesundheits-Sparte, die in Bamberg ansässig ist. Seinem 100-Prozent-Einsatz in Prosdorf tut das keinen Abbruch: „Er war immer früher und länger da“, attestieren ihm die Ersatzeltern auf Zeit, gleichsam begeistert von der Einstellung ihres Schützlings wie dessen Charakter.
Drei Wochen weg von daheim und sich in eine fremde Familie integrieren, das sei in dem Alter eine tolle Leistung, bescheinigt Wolfgang Kürzinger. Und sicher etwas, das man sein Leben lang nicht vergesse. Mit Niklas sei alles vom ersten Moment bestens gelungen. „Er war in der Zeit wie ein Kind für uns“, unterstreicht der Familienvater. „Und er hat sich auch so verhalten.“
Das eigens mitgenommene Fahrrad (Niklas ist begeisterter Mountainbiker) kommt dennoch so gut wie nie zum Einsatz, die Ideen zu Ausflugzielen und Co. verpuffen, „weil es am Hof offenbar schöner war“, berichtet Wolfgang Kürzinger lächelnd. Allerdings liefern sie zugleich beste (weitere) Gründe für ein Wiedersehen. Wobei das keiner Absprache bedarf, sondern „gesetzt“ ist. Niklas bestätigt. „Ich komme sicher wieder.“ Das schönste – vorläufige – Ende der Geschichte.
Das Praktikumskonzept
Philosophie: Die Waldorfschulen allgemein und auch die in Hassfurt möchten den Unterricht um lebenspraktische Erfahrungen ergänzen. Nach Abschluss müssen die Jugendlichen einen Bericht verfassen und vor der Schulgemeinschaft präsentieren.
Wald: Ein einwöchiges Forstpraktikum in der siebten Klasse steht am Beginn einer ganzen Reihe, die in der Oberstufe sogar für den Schulabschluss zählen. In ihm sollen die Schüler Pflanzen und Tierarten, aber auch das Ökosystem kennenlernen.
Landwirtschaft: Drei Wochen Mitarbeit auf einem Bio- oder Öko-Bauernhof sind in der neunten Jahrgangsstufe gefragt.
Praxis: Zehntklässler lernen im Feldvermessungs-Praktikum, wie Mathematik praktisch umgesetzt wird. Ziel ist die Erstellung einer Landkarte. Im gleichen Jahr sollen die Schüler in einem ebenso zweiwöchigen Betriebspraktikum die Arbeitswelt kennenlernen.
Sozial: Drei Wochen umfasst das Sozial-Praktikum in der „Elften“.
Kunst: Kunst und Kultur wird im Abschlussjahr bei einer zweiwöchigen Kunstfahrt groß geschrieben.
