Das bayerische Waldmünchen und das amerikanische Plain: Im Herzen eins

Von Petra Schoplocher · 13. Januar 2024 um 11:00

Trotz der knapp 7300 Kilometer Entfernung hat sie schon unzählige Geschichten geschrieben, diese besondere Verbindung zwischen dem amerikanischen Plain und dem bayerischen Waldmünchen. Geschichten, auf der einen Seite geprägt von Stolz auf Vorfahren und Herkunft, auf beiden von Freundschaft und Wertschätzung. Geschichte(n) von Begegnungen, Gesprächen, geteilten Momenten...

Moment eins: Der 93- jährige Joe Wankerl, einer der Motoren einer Städtepartnerschaft zwischen Plain und Waldmünchen, bekundet, wie großartig er es findet, „dass wir das geschafft haben – eine großartige Sache“. Er sieht das Große-Ganze und liest die Entscheidung der Waldmünchner vor gut einem Jahr, „Sister-Cities“ zu werden, „als ein wunderbares Zeichen, uns zu zeigen, dass ihr uns liebt, wie wir es mit euch tun.“

Berührendes Zeichen

Wankerl ist berührt und gleichermaßen spürbar erfreut, dass sich Menschen gefunden haben und finden, die für diese besondere Verbundenheit eintreten. „Es ist eine großartige Sache, die da zwischen unseren Städten passiert.“ Der 93-Jährige sieht mehr: Die offizielle Besiegelung der Partnerschaft sei ein „wundervolles Zeichen von Euch, uns zu sagen, dass Ihr uns zurücksagt: Wir lieben Euch so, wie ihr uns.“ Wankerl macht aus seinem Herzen keine Mördergrube. Die Politik, gerade die, die aktuell mit vielen lauten Worten am rechten und linken Rand aktuell in den Vereinigten Staaten die Schlagzeilen bestimmt, sei „schlicht schrecklich“. Hass solle nie und nirgends einen Platz haben, sagt der 93-Jährige. Was für ein Statement.

Geschichte bewahren

Szenenwechsel. Es wird wenige – wenn überhaupt – Menschen geben, die über die Geschichte von Plain und die Einwanderer nur annähernd soviel wissen wie Mary-Jane Liegel. Sie bereitet gerade eine Ausstellung im Heimatmuseum vor, deren Kerninhalt Funde von Joe Wankerl sind.

Artefakte der Farm werden ausgestellt

Der begann eines Tages, auf der Farm seiner Eltern Artefakte zu sammeln. Speerspitzen aus der Indianerzeit, zehntausende Jahre alte Steine, kurz: die Vergangenheit. Möglich, weil die Gletscher, die auch Wisconsin streiften, kurz vor Plain zum Stoppen kamen. „Ein unglaublicher, ein reicher Schatz“, veranschaulicht Mary Jane Liegel, gleichwohl auf das Gespür Wankerls hinweisend. Der habe seinerzeit schon erkannt, wie bedeutsam Geschichte und deren Bewahren sei.

Alles greift ineinander

Liegel, Wankerl und die Ausstellung selbst sind ein bestes Beispiel, wie in Plain alles zusammengeht und Deutschland immer wieder hineinpasst. Mary Jane und ihr Mann Ed sind im Herbst zu einer Hochzeit nach Deutschland eingeladen; sie hatten einst ein Jahr lang einen Austauschstudenten zu Gast. Verbinden werden sie die Reise und das Fest mit einem Abstecher nach Waldmünchen – auf den Spuren ihrer Vorfahren.

Lesen Sie hier: Enge Bande

Die Vitrinen für die Exponate: sie baut die Familie Kraemer, die in Sachen Städtepartnerschaft, Familienforschung, Freundschaftspflege und ehrenamtliches Engagement in und für beide Heimaten ein unglaubliches Faktotum sind.

Riesiges Engagement

„Ich bin mehr als glücklich, Menschen wie sie in meiner Gemeinde zu haben, sie sind unglaublich“, sagt Bürgermeister Ray Ring. Bücherei, Friedhofsrestaurierungen, Sponsoring, das riesige Bekenntnis zu den Wurzeln und der Wille, jenes Erbe hochzuhalten. „Da kannst du dich als Mitbewohner und Stadtverantwortlicher nur glücklich schätzen.“

Von Plain in die Welt

Ein paar Meilen weiter in Muscado, inmitten des „Kuhfarmlandes“ Wisconsin, steht die Fabrik von Scott Meister, dessen Großvater Joseph 1916 in Plain eine Käsefabrik gründete. Elf Kinder wuchsen damals im ersten Stock eines Farmhauses auf, in deren Untergeschoss die Fabrik angesiedelt war und das heute noch steht. Scott, Ray Rings Cousin, leitet das Unternehmen zusammen mit Schwester Vicki, Sohn Alex steht als vierte Generation bereits am Start.

Führend in den USA

Meister hat sich nicht nur als einer der größten Käsemanifakturen des Landes einen Namen gemacht, sondern sein Erbe und seine Werte nicht vergessen. So wird eine der größten US-Restaurantketten beliefert, koscherer Käse hergestellt und allen voran zugleich das Motto (und zugleich Qualitätsanspruch und -siegel) gelebt: Kühe zuerst. „Wir wissen, was wir an unseren Farmern und deren Qualität haben.“

Ein Tag Waldmünchen auf dem Handy

2016 haben Scott und Alex Meister einen Tag Waldmünchen besucht – dass der Junior die Fotos auf dem Handy sofort griffbereit hat: einer der vielen Mosaiksteine, die diese Verbindung so einmalig machen.

Wie die anderen namens Gastfreundschaft, Interesse, Offenheit, immerwährende Neugierde oder begeisternde Rückmeldungen von Aufenthalten in Waldmünchen.

Die Mutter Gottes von Ast

Bleiben die Menschen selbst, die Nachrichten aus Waldmünchen aufsaugen, als wären sie lebensnotwendig. Und das, egal ob sie eine persönliche Beziehung haben oder „reingeschneit“ sind wie der neue Priester Luke, der gar nicht genug erfahren kann über das Bild der Mutter Gottes von Ast in der St. Anna-Kapelle in Plain (über das er sich schon gewundert hatte) und dessen „Reise“ Anfang des 20. Jahrhunderts über den großen Teich. Eine von vielen Geschichten, von denen es noch viele geben wird. Denn zwischen Waldmünchen und Plain, das ist mehr als eine historische Verbindung. Das ist Liebe.

Nach Dreikönig wird die Weihnachtsdeko gegen die Auswanderer-Schilder getauscht, die das Erbe hochhalten.
Wurstherstellung nach bayerischem Rezept und der Plainer Bürgermeister mittendrin
Aus den Anfängen einer kleinen Manufaktur in Plain entstand eine der größten der USA: Meister in Muscoda, rund 40 Kilometer entfernt, die jährlich mehr als 73,5 Millionen Kilo Käse produziert.
Engagement: Marty Kraemer hat einen Anbau an die evangelische Kirche in der Nachbarstadt Spring Green geschaffen.
Mary Jane Liegel ist eine der treibenden Kräfte in Sachen Heimatgeschichte. Zu der gehören die Auswanderer, aber auch das Gedenken an die Gefallenen der Kriege. Auf den Erinnerungstafeln sind viele deutsche Namen zu lesen.
Die Kirche St. Luke – Herzpunkt des Ortes – im Glanz der Weihnachtszeit
Blick in die Straße(n): Pick-ups dominieren nach wie vor das Bild in Wisconsin mit seinen knapp sechs Millionen Einwohnern, wie hier vor der „Ring-Bar“ in Plain.
Wisconsin ist nach wie vor als Farmland bekannt. Entsprechend ist die Landschaft geprägt. Milchwirtschaft und Fleischerzeugung (Rindfleisch) sind die tragenden Säulen.