Alarm an Regensburger Schulen: Zweitklässler macht lebensgefährliche Mutprobe

Das Jugendamt Regensburg hat zwei Briefe an die Eltern geschrieben, in denen vor lebensgefährlichen Trends unter Schülern gewarnt wird. Zum einen wurde ein Zweitklässler gemeldet, der den sogenannten Pilotentest vollzog. Zum anderen warnen die Jugendschützer vor legalen, aber gefährlichen Substanzen. Vor allem durch Soziale Medien wie TikTok würden solche Trends noch verstärkt.
Große Sorge in Schulen, aber auch im Regensburger Jugendamt: Unserer Zeitung liegen zwei Brandbriefe der Behörde an die Eltern aller Schüler in Regensburg vor. Dabei haben die Mitarbeiter zwei heikle Themen angesprochen: Zum einen den sogenannten Pilotentest, eine gefährliche Mutprobe, die mit der Atmung manipuliert und zur Bewusstlosigkeit führen kann. Zum anderen haben die zuständigen Mitarbeiter der Jugendschutzstelle vor dem Konsum von Lachgas und legalen, weil veränderten Cannabinoiden gewarnt. Beide Schreiben liegen unserer Zeitung vor.
„Aktuell ist Fachkräften aufgefallen, dass mehrere Kinder und Jugendliche den sogenannten Pilotentest nachahmen“, steht im ersten Brief, der am 3. Mai versandt wurde. Maximilian Seeberger bestätigt das. „Wir sind beispielsweise von einer Jugendsozialarbeiter-Fachkraft darauf hingewiesen worden, dass ein Schüler der zweiten Klasse in einer Grundschule im Stadtnorden diesen sogenannten Test gemacht hat“, sagt der Jugendamtsmitarbeiter. „Auch in weiterführenden Schulen ist der Pilotentest schon beobachtet worden.“
Verbindung mit der Blackout-Challenge
„Bei diesem Test, der auch in Verbindung mit der Blackout-Challenge steht, wird durch heftiges, schnelles Atmen und einem Schlag oder Druck auf die Brust eine sekundenlange Ohnmacht erzeugt“, heißt es in dem Elternbrief. Das Phänomen „birgt viele Risiken, die von Kindern und Jugendlichen stark unterschätzt werden. Es kann unter anderem zu Knochenbrüchen oder bleibenden Schädigungen im Gehirn führen“, schreiben die Mitarbeiter des Jugendamtes.
Weiter heißt es, der Test könne „auch zu einem extrem gefährlichen ,Spiel‘ um Leben und Tod ausarten – wenn ein bestimmter Punkt während der Ohnmacht überschritten wird“. Das Phänomen werde von Kindern und Jugendlichen als „Mutprobe, als Kick oder um high zu werden“ praktiziert. „Vor allem über TikTok kommen Kinder an Videos, die Aufnahmen von diesem gefährlichen Spiel zeigen und Nervenkitzel versprechen“, heißt es zudem.
TikTok ist ein sehr kritisiertes Portal für Videos. In den USA soll das Portal derzeit verboten werden, auch weil unklar ist, in welcher Verbindung zur chinesischen Regierung das Soziale Netzwerk steht. Seeberger sagt, auch vor 20Jahren habe es das Phänomen schon gegeben. „Ich habe aber den Eindruck, dass es sich über die Sozialen Medien schneller verbreitet.“
Seeberger und der stellvertretende Amtsleiter Marco Merk bitten in dem Brief die Eltern, mit ihren Kindern über die gefährliche Mutprobe zu sprechen.
Doch noch ein weiteres Thema beschäftigt das Jugendamt derzeit derart, dass es sich auch damit an die Eltern gewandt hat: Es geht um Lachgas und den Missbrauch durch Kinder und Jugendliche sowie um Cannabinoide, also Stoffe, wie sie in Haschisch enthalten sind, die aber nicht auf der Liste der streng regulierten Betäubungsmittel stehen. In dem Elternbrief sprechen die Behördenmitarbeiter von zwei bundesweiten Trends unter Jugendlichen, die sich auch in Regensburg bemerkbar machen würden.
Rausch hält nur wenige Minuten an
„Lachgas ist die umgangssprachliche Bezeichnung für Distickstoffmonoxid, welches zum Beispiel in der Medizin aufgrund seiner schmerzlindernden und betäubenden Wirkung benutzt wird“, heißt es darin. Unter Jugendlichen werde das Gas aktuell auch missbräuchlich genutzt. „Über einen Luftballon eingeatmet führt es schnell zu einem Rauschzustand mit schwachen Halluzinationen und Wärme- und Glücksgefühlen“, so die Fachkräfte. „Raum und Zeit werden verändert wahrgenommen. Dieser Rausch hält nur wenige Minuten an.“
Jörg Haala ist einer der Unterzeichner des Elternbriefes. Er sagt zur Situation in Regensburg: „Wir sind zunehmend mit Automaten und sogenannten 24-Stunden-Läden beschäftigt, denn diese schießen gerade wie Pilze aus dem Boden.“ Erst kürzlich berichtete auch die MZ darüber, dass es in einem der Läden Lachgas in Kartuschen im Angebot gibt. Haala sagt, dass es auch „erschreckend große Kartuschen“ zu kaufen gebe, bei denen klar sei, dass sie nicht zum Aufblasen von Luftballons zum Freizeitspaß gedacht sind, sondern zum Missbrauch. „Mit einer poppigen Aufmachung spricht man genau Jugendliche an, die feiern wollen und dazu Lachgas konsumieren.“
Erschreckend sei laut Haala aber auch die Verbreitung von grundsätzlich legalen Produkten, bei denen ein synthetisch veränderter Wirkstoff der Cannabispflanze konsumiert wird. Aufgrund der veränderten chemischen Zusammensetzung fallen die Produkte nicht unter das Betäubungsmittelgesetz. Der Gesetzgeber kommt quasi nicht dabei nach, diese Stoffe zu verbieten. Noch keine Rolle spielt laut Haala derzeit die Freigabe von Cannabis unter bestimmten Bedingungen. Man werde das beobachten. Doch die sogenannten HHC-Produkte, vor denen das Jugendamt derzeit warnt, kommen mit einem extrem hohen Wirkstoffgehalt. „Das steigert die Gefahr einer Überdosierung ungemein“, heißt es in dem Elternbrief. Hinter beiden Stoffen würde sich eine „eine finanzstarke Industrie“ verbergen, „welche immer mehr auf ein junges Publikum abzielt“.
Mehr härtere Drogen
Haala sagt, seiner Beobachtung zufolge würden derzeit „mehr und auch härtere Drogen in der Gesellschaft konsumiert“. Das würden auch Regensburger Jugendliche berichten, die Kontakt mit dem Jugendamt haben. Derzeit sei keine Verkaufsstelle für Lachgas bekannt, die Jugendliche, die ohne Altersnachweis funktionieren würde. Doch häufig würden Jugendliche den Altersnachweis an den Automaten über Bezahlkarten der Eltern umgehen. Das Jugendamt warnt die Eltern deshalb davor, diese an ihre Kinder auszuhändigen.
