Übergriffe und Verwahrlosung von Kindern: Immer mehr Systemsprenger in Regensburg

Von Christian Eckl · 9. August 2023 um 05:00

Konflikte und Misshandlungen nehmen auch in Familien in Regensburg zu. Zudem berichtet der Leiter des städtischen Jugendamts darüber, was es in den 80er Jahren noch nicht gab und heute häufiger die Behörden beschäftigt: Kinder ohne Halt und Bindung, die man nach einem ZDF-Film als Systemsprenger bezeichnet. Doch wie konnte das geschehen?

Hinter jeder Zahl steht ein Schicksal: Wenn das Regensburger Jugendamt eingreifen muss, dann geht es um Leid, häufig um Verwahrlosung, aber auch um Schläge. Im schlimmsten Fall sind sexuelle Übergriffe in Familien geschehen. Das Jugendamt muss dann reagieren, Kinder und Jugendliche aus Familien nehmen und unterbringen. Der Schutz von Kindern geht vor – das wissen Volker Sgolik, der Leiter des Jugendamtes und sein Team nur zu gut. Doch wie haben sich die Fallzahlen entwickelt?

Mehr Gefährdungen von Kindern gemeldet

Die Zahl der beim Jugendamt gemeldeten Gefährdungen des Kindswohls waren in den Jahren 2014 bis 2016 eher rückläufig. Doch seit 2017 ist ein stetiger Anstieg zu verzeichnen. Waren es 2014 noch 292 Fälle, die dem Jugendamt gemeldet wurden, erreichte diese im Corona-Jahr 2021 einen vorläufigen Höchststand mit 402 Meldungen. Im vergangenen Jahr waren es allerdings mit 389 Fällen kaum weniger. Das Niveau der Meldungen beim Jugendamt ist im Prinzip seit dem ersten Corona-Jahr 2020 gleichgeblieben.

Zahl der Inobhutnahmen verdreifacht

Das zeigt sich auch bei der gravierendsten Maßnahme, die das Jugendamt vollziehen kann: Wenn das Kindswohl so gefährdet ist, dass man diese in Obhut nehmen muss, werden sie aus der Familie genommen. Im Jahr 2000 gab es noch 39 Fälle. 2013 waren es 124 Inobhutnahmen. Einen vorläufigen Höhepunkt erreichte diese Zahl im Jahr 2021 mit 179 Inobhutnahmen, im Folgejahr waren es immer noch 167.

Seit 2017 nahmen die Fälle zu, in denen das Jugendamt Autonomiekonflikte und häusliche Gewalt gemeldet wurde. 75 Fälle waren es damals, 2022 waren es bereits 153. Fälle sexueller Gewalt werden relativ selten gemeldet, doch auch hier ist die Tendenz über die Jahre hinweg steigend. Zehn Fälle im Jahr 2017 erfasste das Jugendamt, im Jahr 2022 waren es 19. „Die Dunkelziffer ist in dem Bereich sehr hoch“, sagt Jugendamtsleiter Sgolik. Etwa durch Jugendsozialarbeit sei man aber sensibler für das Thema und deshalb könnte die Zahl gestiegen sein.

Lage verschärft sich

Etwas, das es in den 80er Jahren in Regensburg noch nicht gab, als Sgolik seinen Dienst begann, sind sogenannte Systemsprenger. Ein gleichnamiger Fernsehfilm von 2019 veranschaulicht, was damit gemeint ist: Kinder, die einen Leidensweg zwischen wechselnden Pflegefamilien, Aufenthalten in Heimen und Psychiatrien hinter sich haben und bei denen auch Anti-Aggressions-Trainings nicht mehr helfen, wie es in der Beschreibung des Films heißt.

Problemlagen in Familien haben sich verschärft

„Die Problemlagen haben sich verschärft“, sagt der Jugendamtsleiter. Diese Kinder und Jugendlichen finden keinen Halt mehr, sehnen sich aber nach Bindung. „Sie testen, ob sie irgendwo gehalten werden können“, schildert Sgolik. Dies geschehe dann durch Grenzüberschreitungen, die nach Außen gerichtet sein können und in Form von Aggression und auch Straftaten auftreten. „Es gibt aber auch Systemsprenger, die sich suizidal verhalten“, so Sgolik.

Für die Fachkräfte sind diese Kinder und Jugendlichen besonders herausfordernd, da ein Angestellter nicht leisten kann, was in der Regelfamilie Eltern und Geschwister erfüllen: Den Halt, den jeder Mensch braucht. Häufig werden in der Öffentlichkeit Forderungen für harte Strafen laut. Doch „über das Strafrecht kommen wir hier nicht weiter“, schildert der Jugendamtsleiter.

Mehr Kinder haben ein Legasthenie-Problem

Doch nicht nur diese Extremfälle werden herausfordernder für das Jugendamt. „Ich kann sagen, dass wir mit der Jugendsozialarbeit an Schulen vieles kompensieren“, sagt Sgolik. Doch beispielsweise nehmen die Anträge auf Legasthenie-Förderung zu: Kinder, die schlecht oder kaum schreiben und lesen können, werden mehr und stellen auch Lehrkräfte vor Herausforderungen.

Armut ist nach wie vor eine von mehreren Ursachen, wieso es in Familien schwierig wird. Immer mehr Alleinerziehende kämpfen auch in Regensburg darum, ihren Alltag mit Arbeit und Kindern bewerkstelligen zu können. Sgolik nennt ein Beispiel: „Wenn Alleinerziehende wenig Geld haben und es geht um eine Geburtstagseinladung für das Kind, dann stellt sich die Frage nach einem Geschenk, aber auch nach einer Gegeneinladung.“ Wer sich das nicht leisten kann, riskiert Isolation für das Kind.

Doch im Laufe seiner Tätigkeit hat Sgolik auch solche Fälle gesehen, in denen wirtschaftlich alles gegeben ist, und doch Vernachlässigung von Kindern eine Rolle spielt. „Diese Familie können das vielleicht besser kompensieren, etwa durch Nachhilfe“, sagt er. Aber Vernachlässigung sei keine Frage des gesellschaftlichen Standes.

Doch so gravierend die Fälle sind, die das Jugendamt beschäftigen, schränkt dessen Leiter ein: Lediglich ein Bruchteil der Arbeit, die dort geleistet wird, beschäftigt sich mit den schlimmen Fällen, die es zweifelsfrei gibt. „Die überwiegende Arbeit, die geleistet wird, bestärkt Familien, die Hilfe brauchen“, sagt Sgolik, „und die mit unserer Hilfe gut funktionieren“. Dabei können auch Menschen helfen, die beispielsweise im Ruhestand sind oder nach der Erziehung der eigenen Kinder Kapazitäten haben. Denn die Gesellschaft wird komplexer und die Probleme häufen sich, auch in Regensburg – aber dagegen kann man etwas unternehmen.

Caritas sucht Paten

Unterstützung für Familien in Not will jetzt beispielsweise die Caritas in Regensburg vermitteln. Sie sucht Familienpaten, die Kindern bei den Hausaufgaben helfen, Fußball mit ihnen spielen oder einfach nur da sind. Ohnehin ist es beste Mittel dagegen, dass Kinder und Jugendliche gefährdet sind, für diese da zu sein.