Abteilungsleiter für einen Tag: 130 Azubis übernehmen Ikea Regensburg

Am Mittwoch, 8. Mai, haben Ikea-Auszubildende aus ganz Deutschland das Ruder in der Regensburger Filiale übernommen. Das sorgte auch für so manches Schmunzeln – beispielsweise wenn junge Hamburger auf dialektsprechende Oberpfälzer getroffen sind.
Stephanie Ofodile hat alle Hände voll zu tun. Geschäftig huscht sie im Kassenbereich des Ikea-Einrichtungshauses in Regensburg hin und her. „Nur drei Teile? Sie können hier zu den Expresskassen“, erklärt sie einem Ehepaar. „Bitte hier anstellen“, weist sie einen älteren Herrn auf die richtige Schlange hin. Die 21-Jährige hat an diesem Mittwoch keinen einfachen Job. Ein steter Strom an Kunden drängt Richtung Kassen – offenbar nutzen einige den Nachmittag vor Christi Himmelfahrt fürs Möbel-Shopping. Ofodiles Job ist es, dafür zu sorgen, dass sich keine allzu langen Schlangen bilden.
Drachenboot und Bierverkostung: Ikea-Stammpersonal macht Ausflug nach Bamberg
Die junge Frau absolviert eine Ausbildung zur Kauffrau im Einzelhandel bei Ikea – eigentlich am Standort Wetzlar in Hessen und am liebsten in der Küchenabteilung. Doch heute ist sie eine von 130 Auszubildenden, die gemeinsam die Regensburger Filiale am Laufen halten. Denn das Stammpersonal ist ausgeflogen. Im fränkischen Bamberg gibt es Drachenbootsfahrt, Stadtführung und Bierverkostung. Damit belohnt sich das Team für den Titel „Ikea-Einrichtungshaus des Jahres“ – ein deutschlandweiter Wettbewerb unter den mehr als 50 Filialen –, den der Regensburger Standort im vergangenen Jahr gewonnen hat.
Für 130 Ikea-Azubis und duale Studenten bedeutet das einen „sehr spannenden Tag“, wie Stephanie Ofodile sagt. Allerdings geht es dabei längst nicht nur darum, sich ohne Vorgesetzte in einer fremden Filiale zu beweisen. Im Vordergrund steht auch der Aspekt des gegenseitigen Kennenlernens. Die allermeisten würden ja schließlich nur die Auszubildenden kennen, die am gleichen Standort arbeiten, erklärt Annika Maiwald, Vorsitzende der Jugend- und Auszubildendenvertretung von Ikea Deutschland. Networking sei deshalb ein wichtiger Teil des Projekttags, den der Möbel-Riese seit vergangenem Jahr für seine Azubis veranstaltet.
Auch Köttbullar und Co. werden von Azubis zubereitet
In Regensburg werden die Kunden mit einem Schild am Eingang und Durchsagen auf die Besonderheit hingewiesen. Es scheint aber alles seinen gewohnten Gang zu gehen: Während Ofodile an den Kassen gut beschäftigt ist und sich auch im Restaurant immer mal wieder Schlangen bilden – auch Köttbullar und Co. werden heute von Azubis zubereitet –, geht es in der Möbelausstellung gemächlicher zu. Ossama Manla Souliman lässt trotzdem nichts unversucht, um beschäftigt zu bleiben. Freundlich begrüßt der angehende Einzelhandels-Kaufmann die Kunden, die bei ihm durch den Bettenbereich schlendern. Und die offene Art hat Erfolg: Immer wieder wird der 23-Jährige angesprochen und um Beratung gebeten.
Seine Ausbildung absolviert Manla Souliman bei Ikea Hamburg-Altona. Die Tücken, die der Einsatz in einem anderen Einrichtungshaus mit sich bringt, erlebt er in Regensburg besonders. Das Bairische mache ihm teilweise zu schaffen, sagt der 23-Jährige und lacht. Die Kunden störe das allerdings nicht. Vielmehr sorgten die leichten Startschwierigkeiten für Schmunzeln und seien ein Türöffner für nette Gespräche über Ikea oder die Unterschiede zwischen Nord und Süd, freut sich Manla Souliman.
Der Hamburger ist einer von insgesamt 378 Auszubildenden bei Ikea Deutschland – nicht alle können also an dem Projekttag teilnehmen. Für Streit habe das aber nicht gesorgt, sagt Annika Maiwald. Das Ziel sei, dass jeder mindestens einmal während seiner dreijährigen Ausbildung dabei sein kann.
Fachkräftemangel macht auch vor Ikea nicht halt
Mit dem Tag in Regensburg wirbt Ikea deshalb auch für sich und die Ausbildungsmöglichkeiten. Das firmeneigene „Azubi-Social-Media-Team“ ist in Ausstellung und Markthalle unterwegs und dreht kurze Filme für die eigenen Kanäle in den Sozialen Netzwerken. Und am Ausgang haben die Auszubildenden einen Infostand aufgebaut, um über die Karrieremöglichkeiten bei dem Konzern zu informieren. Denn auch vor dem Möbelhandel macht das Thema Fachkräftemangel nicht halt.
Darauf verweist unter anderem der Handelsverband Wohnen und Büro (HWB) regelmäßig. Bei Ikea ist man sich dessen bewusst: „Die Branche ist genauso betroffen wie alle anderen Branchen auch“, sagt Nicole Peper, Personalmanagerin von Ikea Deutschland. Der demografische Wandel mache es keinesfalls leichter, neue Mitarbeiter zu finden. Bei dem Möbel-Riesen habe man das Rekrutierungs-Konzept deshalb in den vergangenen beiden Jahren „drastisch umgestellt“, erklärt Peper. Man nutze beispielsweise neue Plattformen, habe aber aber auch die Systeme und Bewerbungsprozesse vereinfacht – mit Erfolg. „Im Moment sind wir auf dem erfreulichen Stand, dass wir den Bewerbungseingang vom letzten Jahr zu diesem Jahr verdoppelt haben“, sagt die Managerin.
Welchen Anteil daran der Azubi-Projekttag hat, lässt sich nur mutmaßen. Ossama Manla Souliman bezeichnet ihn am Mittwoch als „sehr, sehr wichtig“ für seine Ausbildung. Er lerne heute viel, freut sich der 23-Jährige. Und auch Stephanie Ofodile zieht ein positives Fazit: Der Zusammenhalt unter den Auszubildenden werde sichtbar. Man helfe sich untereinander, weil jeder einen anderen Wissensstand habe. „Zu wissen, dass jeder hier Azubi ist, ist das Außergewöhnliche“, sagt die 21-Jährige, die auch noch ein Lob für die Regensburger loswerden will: „Die Kunden hier sind alle sehr nett.“ Dass die Sympathie auf Gegenseitigkeit beruht, wird am Ausgang deutlich. Ein älteres Paar verlässt mit einem Lächeln das Einrichtungshaus: „So viele junge Leute. Das war heute schön.“


