Borkenkäfer-Alarm: Die Bäume und Wälder im Lamer Winkel sind in höchster Gefahr

Die zweite Schwärmwelle des Borkenkäfers bereitet Waldbauern und Förster in Lam (Landkreis Cham) große Sorgen. WBV-Vorsitzender Wolfgang Koller befürchtet ein ganz schlimmes Käferjahr und schlägt Alarm.
Die Sorgenfalten auf der Stirn des Vorsitzenden der Waldbauernvereinigung Lamer Winkel (WBV) und des Revierförsters Martin Hupf sowie des Forstanwärters Vinzent Geiger werden in diesen Tagen zunehmend größer. „Der Lamer Winkel ist in Gefahr“, sind sie sich angesichts der jetzigen Ausgangslage einig.
Die erste Schwärmwelle des Borkenkäfers war heuer schon in den Märztagen und die zweite in der letzten Woche. „Es handelte sich um keinen geballten Schwärmverlauf sondern um zwei Wellen“, erläutert Martin Hupf diese erschwerende Vermehrung des Waldschädlings. So hat man im Sommer immer unterschiedliche Entwicklungsstadien.
Der Wald, in dem rund 30 Bäume frisch mit einem „K“ markiert sind, gehört der Gemeinde Lam und wird von sogenannten Rechtlern bewirtschaftet. Stellvertretend für diese Nutzer erwartete die Fachleute dort am Mittwochvormittag Max Stumreiter, der sich weitgehend um den rund zwölf Tagwerk großen, reinen Fichtenbestand kümmert.
„Das war einmal eine Wiese, die vor rund 60 Jahren aufgeforstet worden ist“, erklärte Stumreiter den Ursprung. Der WBV-Vorsitzende und der forstliche Berater waren gekommen, um die Waldbesitzer anhand der Bohrmehlbilder mit dem Ernst der Lage zu konfrontieren. Die Bohrmehlsuche sei zum jetzigen Zeitpunkt am effektivsten, weil die zweite Schwärmwelle erst in der vergangenen Woche stattfand.
Im Unteren Kühberg, in der Nähe von Frahels – so die Bezeichnung der Beispielfläche -, sind die letzten Jahre kontinuierlich Käferbäume festgestellt worden. Diese wurden jedes Mal umgehend gefällt und abgefahren. „Obwohl kein bruttaugliches Material zurückgelassen wurde, haben wir erstaunlicherweise im Folgejahr wieder befallene Bäume gesichtet“, können Max Stumreiter und Wolfgang Koller dies nicht nachvollziehen. Allerdings nützt alles Rätselraten nichts.
Markierung mit „K“
In den letzten Tagen fiel die Bohrmehlsuche bei rund 30 Stämmen positiv aus. Sie wurden mit einem „K“ markiert und werden an diesem Wochenende von den „Rechtlern“ umgesägt und abtransportiert – entweder direkt ins Sägewerk oder auf einen der Lagerplätze der WBV, die abseits vom Wald liegen. Bei dem Wald nahe Frahels handelt es sich um einen höchst riskanten Bestand von gleichaltrigen Fichten. „Die Käfer sind hier in einem Stadium, in dem wir ihnen noch Herr werden“, spricht Koller die geplante Fällung an.
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Martin Hupf zitierte aus einem wissenschaftlichen Bericht aus dem Landwirtschaftlichen Wochenblatt: „Ohne Aufarbeitung kann aus einem befallenen Baum im Frühjahr ein Käferloch von 8.000 befallenen Bäumen im Spätsommer werden.“
Der Revierförster hat noch weitere Zahlen über diese Dynamik auf Lager: „Aus einem Weibchen gehen über das gesamte Jahr 100 000 Junge hervor.“ Allein daraus ist ersichtlich, dass der Kampf alle Waldbesitzer angeht. Gegenwärtig haben sie die Chance, viele der Käfer zu vernichten. Im Laufe des Sommers sei es für etliche Waldbesitzer gar nicht mehr händelbar. Viele sind berufstätig und mittlerweile ohne Aufschub in der freien Zeit in ihrem Waldbesitz gefordert. „Früher kamen zehn Rechtler zum Aufarbeiten“, bestätigt Max Stumreiter, dass die zupackenden Arbeitskräfte weniger geworden sind.
Wolfgang Koller wird dennoch nicht müde, die Waldbesitzer in die Pflicht zu nehmen. „Solche Bestände wie hier können noch einige Jahre gehalten werden, wenn man früh genug tätig wird“, so Koller. Ob das auf die Dauer gelinge, wage er zu bezweifeln. Etwas Hoffnung gebe, dass im dortigen Bereich, 2019 eine Fläche Mischwald angepflanzt wurde, die gut gedeiht. Wenn in dem Areal mit den markierten Stämmen nichts unternommen werde, sind sie bis zum Herbst alle befallen und es bliebe nur ein Käferloch zurück.
Die WBV befürchtet heuer wieder ein schlimmes Käferjahr. „Wir haben 2023 eigentlich das erste Mal so richtig erlebt, was der Borkenkäfer auch im Lamer Winkel anrichten kann“, so Wolfgang Koller. Die Betroffenen müssen sich darüber im Klaren sein, dass eine hohe Population aus dem letzten Jahr überwinterte. Hinzu kam, dass bereits in den Frühjahrsmonaten Temperaturrekorde auftraten.
Von den Tiefdruckgebieten, dem Kälteeinbruch und dem Regen durfte man sich nicht zu viel erwarten. Sie haben nichts Grundlegendes bewirkt. Die hohe Ausgangspopulation war bereits aktiv. Das Wichtigste wäre die Steigerung der Niederschlagsmenge in der Vegetationszeit, sprich in den Sommermonaten. „Der Regen vom Winter hält den Boden im Frühjahr nicht lange feucht. Nach zwei Wochen staubts schon wieder.“ Der Wind spiele auch eine negative Rolle.
Bohrmehl sagt alles
Waldbesitzer können es oft nicht glauben, dass ein Stamm keine Chance mehr hat. „Sobald man Bohrmehl – auch in kleinen Mengen – findet, ist der Baum eigentlich schon gestorben“, betonen Wolfgang Koller und Martin Hupf. Selbst ein Ausharzen verschafft den Fichten nicht mehr die Kraft, sich gegen den Käfer noch zu wehren. „Man darf sich nicht täuschen lassen, und muss sofort die gesamte Kette in Bewegung setzen, d. h. Einschlag, Aufarbeitung und eine rasche Abfuhr.“
Bei der Bohrmehlsuche empfiehlt es sich, immer erst die in den letzten Jahren käfergeschädigten Flächen zu observieren. Es folgen sonnenexponierte Lagen oder wo im Winter vereinzelte Stämme Rinde verloren haben. Weitere anfällige Zonen sind Windwurf oder Schneebruch. Die liegenden Stämme im Bestand sind schnell voller Buchdrucker.
Die Käfer besiedeln sie, weil sie wegen der fehlenden Wasserversorgung die wenigsten Abwehrkräfte haben. Mit Pheromonen, d. h. Duftstoffen signalisieren die Schädlinge zunächst freien und dann besetzten Brutraum. Die ankommenden Artgenossen, die keinen Platz in den liegenden Stämmen mehr finden, gehen zum Stehendbefall über.
• Problem: Der erste Schwärmflug war heuer sehr früh. Davon gebe es schon eine Brutanlage im Larvenstadium. Die Welle der letzten Woche hat für Eier in den Muttergängen gesorgt. Es überlagert sich alles, und im Sommer immer wieder. Die Chance verschlechtert sich, den Schädling im Larvenstadium zu erwischen, weil ja bereits wieder Jungkäfer vorhanden sind.
• Bohrmehlsuche: Das wie Tabak aussehende Bohrmehl hängt an den Rindenschuppen oder in den Spinnweben in Astgabeln. Die Käfer bohren sich oben ein, weil sie dort die meisten Nährstoffe bekommen. Der Erstbefall ist dort, wo die grüne Krone beginnt. Oben sind bereits entwickelte Larven und unterhalb die Eier unter der Rinde. So ein Baum ist tot und muss auf dem schnellsten Weg aus dem Wald.



