Willmeringer „junge Wilde“ gehen seit 18 Jahren auf die Jagd nach Maibäumen

Von Alexander Frimberger · 8. Mai 2024 um 05:00

„Sympathische Gaudiburschen“, ist das erste, was mir durch den Kopf schießt, als ich mich mit einer Abordnung der Willmeringer Maibaumdiebe treffe. Seit 18 Jahren klauen sie Bäume, wollen die alte Tradition lebendig halten. Doch nicht selten weht ihnen ein scharfer Wind der Entrüstung entgegen. Im Gespräch verraten sie, was sich in beinahe zwei Jahrzehnten ereignet hat.

Dieses Jahr ist den Willmeringern wieder ein besonderer Coup gelungen: Sie haben in Furth im Wald die Finger lang gemacht und den Maibaum aus dem dortigen Bauhof gestohlen.

An die Rückgabe werden sie sich noch lange erinnern, denn: „Es war eine der schönsten Auslöseverhandlungen, die wir jemals hatten“, sagt Michael Emmert (33), der schon seit 2007 dabei ist. Klar hatte man dort auch erst einmal einen kleinen Schock. „Das ist immer so“, erklärt Max Ederer (26). Aber dann wurde alles mit einer großen Portion Humor über die Bühne gebracht. „Bürgermeister Sandro Bauer hat uns sogar noch ein Extrabier spendiert“, schwärmen die Maibaumdiebe. „Furth war toll, das kennen wir aus einer anderen Stadt auch anders“, sagt Johannes Frank.

Spielverderber gibt es auch

Das lässt aufhorchen, sollte es Spielverderber geben, die sich über die Bayerische Tradition und wegen Bier und Brotzeit aufregen? Dem ist offensichtlich so: Außer in Janahof, wo der Baum schon zweimal gestohlen wurde und der Bürgermeister Bier und Brotzeit mit den scherzhaften Worten „habt‘s ihn schon wieder, ihr Sauhund“ bezahlt hat, versteht man andernorts durchaus weniger Spaß, treibt es zum Teil bis kurz vor die Eskalation. Aber von vorne. Es war im Jahr 2007, als eine Handvoll ebenso junger, wie unerfahrener Burschen mit ihren Mopeds in einen Ortsteil von Waffenbrunn knatterten und dort zum ersten Mal zuschlagen wollten.

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„Der Baum war unbewacht, das nennt man einen toten Baum“, so Emmert. „Doch unsere Fähigkeiten waren damals sehr begrenzt bis nicht vorhanden“, grinst der 33-Jährige. Also hat man nur „wir hätten ihn schon gehabt“ darauf geschrieben und ist unverrichteter Dinge wieder abgezogen. Doch die „jungen Wilden“ wurden in die Obhut der Alten Hasen genommen. Der Langfinger-Nachwuchs erfuhr viel über Taktik, Vorgehensweise sowie Spionage und machte sich mit erfahrenen Leuten im Jahr darauf ans Werk, wieder im gleichen Bergdorf zuzuschlagen. Doch man wurde erwischt. Wieder nix, doch seither waren die jungen Willmeringer ernsthaft angefixt, wollten die Tradition unbedingt weiterführen.

2010 dann der erste Erfolg: Der Baum in Radling war nicht sonderlich groß, so dass man ihn auf den Schultern aus dem Ort tragen konnte. Als geklaut gilt ein Baum übrigens, wenn die Diebe das Ortsschild passiert haben. Legt vorher ein Beklauter die Hand auf den Baum und sagt: „Der Baum bleibt hier“, ist das Spiel verloren. „In einem alten Passat haben wir ihn nach Cham gebracht“, erinnert sich die Willmeringer Diebesbande. Über die Jahre kam es zu einigen turbulenten Szenen. Einmal wurde der Baum geklaut, das Ortsschild passiert. „Wir saßen in unserem Passat, hatten den Baum hinten an einen Aufleger gehängt.“ Ein Bauer, der Wind von der Sache bekommen hatte, wollte sich quer stellen und die Diebe aufhalten. „Er ließ uns durch, weil er nicht gesehen hatte, dass der Baum hinten am Wagen hängt“, lacht Ederer. Später brach das hintere Teil des Auflegers, der Baum purzelte in den Graben. Ein befreundeter Landwirt half ihnen aus der Notlage. Inzwischen ist die Truppe höchst professionell geworden. „Wir machen nichts kaputt, der Baum wird pfleglich behandelt und ohne Spuren wieder zurückgebracht.“ Auch der Abtransport ist perfekt geregelt. Zwei Fahrzeuge vorne, dann das mit dem Baum und zur Absicherung zwei dahinter. So wie in Miltach: Da wurde der Baum gestohlen und auf dem Radweg nach Cham gebracht. Die Miltacher fanden das überhaupt nicht witzig, waren eingeschnappt und haben die Willmeringer wissen lassen, dass sie sich einen neuen machen.

Kurios auch der misslungene Coup an den sich Ederer und Stefan Stelzl erinnern: „Der Baum, den wir stehlen wollten, hat sich in einer Halle befunden, die wir nur von innen öffnen konnten.“Nachmittags haben sie sich in die Halle geschlichen und acht Stunden darauf gewartet, bis sie loslegen konnten. Genutzt hat es nix, der Diebstahl wurde vereitelt.

Häufig ist es, wie in Miltach so, dass den traditionsbewussten jungen Männern, Unverständnis, Wut und Feindseligkeit entgegenschlägt. Eine Tatsache, die für sie kaum zu verstehen ist. Von Diebstahl ist da die Rede, es wird mit Anzeigen gedroht. Das, so die jungen Männer, stimmt aber nicht. „Es gibt keine offizielle Regelung aber man sagt, sobald der Maibaum als solcher zu erkennen ist, darf er gestohlen werden.“

„Es geht uns nicht um den Profit, wir geben uns mit einer Brotzeit und ein paar Bier zufrieden. Oft kommen sie zum Aufstellen des geklauten Baums, helfen und machen dann noch ordentlich Zeche. So hält sich auch für die Vereinskasse der Schaden in Grenzen. Und für einen Bürgermeister sollte der finanzielle Aspekt ohnehin keine Rolle spielen. Neben dem Bewahren von Brauchtum lieben sie den Adrenalinkick, die Gemeinschaft. Freunde treffen sich, die man das ganze Jahr nicht sieht. „Bei uns sind ganz Junge dabei, Ältere, Frauen und Männer“, sagt Armin Bösl (30). Schüler sind genauso von dem Virus infiziert, wie Arbeiter, Landwirte oder Akademiker. Bösl: „Ich bin schon mit 13 Jahren daheim ausgestiegen um dabei zu sein.“

Liebespaar fällt nicht auf

Wie genau die Bäume ausspioniert werden, das verraten die Willmeringer Maibaumdiebe natürlich nicht. Betriebsgeheimnis. Nur so viel, neben der Vorbereitung in den Wochen vor der eigentlichen Tat, die viel Zeit in Anspruch nimmt, hört man über das Jahr immer wieder das eine oder andere. Emmert ist auch schon mit seiner damaligen Freundin, mit der er heute verheiratet ist, rund um den späteren Tatort spazieren gegangen. „Als Liebespaar fällt man nicht so auf“, lacht er.

Auch wenn sie selbst der Meinung sind, dass sie langsam in die Jahre kommen, aufhören wollen die Willmeringer Maibaumdiebe erst einmal nicht. Darum Emmerts Warnung: „Passt auf eure Maibäume auf, denn vor uns ist keiner sicher.“

Im vergangenen Jahr wurde der Baum aus dem Bauhof der Stadt Cham geklaut. Foto: Ederer