Regensburg als Kriminalitäts-Hochburg: So hat sich die Lage in sechs Monaten verändert

Von André Baumgarten · 30. April 2024 um 05:00

Seit Herbst greifen die Regensburger Behörden gegen Mehrfach-Intensivtäter durch. Der Prozess gegen einen jungen Tunesier zeigt, wie aufwendig das ist. Ankläger und Betroffene ziehen eine Kurzzeit-Bilanz.

Die explodierte Kriminalität hat Regensburg quer durch Deutschland Negativ-Schlagzeilen eingebracht. Mit massiver Polizeipräsenz, einem eigens geschaffenen Spezialreferat bei der Staatsanwaltschaft und einem Aktionsplan wurde reagiert – doch hat das etwas verändert? Ist die Lage rund um den Hauptbahnhof, Altstadt und Diskothekenviertel oder in großen Einkaufszentrum besser geworden? Die Sicherheitsbehörden sagen „Ja“, ein Unternehmer „Ja, aber“.

Die Bilanz der Polizei war ernüchternd: Die Zahl der Straftaten stieg 2023 in nahezu allen Bereichen auf neue Höchststände – so sehr, dass Ermittler an ihre Grenzen kamen. Man sei „von der Kriminalität überrollt worden“, hieß es bei der Vorstellung der Statistik. Warum, zeigt der Fall eines 20-Jährigen, dem seit gestern der Prozess gemacht wird. Vier Anklagen hat das Jugendschöffengericht gegen den jungen Tunesier jetzt zu behandeln.

Es geht um Ladendiebstähle, Hausfriedensbruch, zwei Frauen, denen im Nachtleben ein teures iPhone und am Bahnhof der Geldbeutel abhandengekommen waren – und um eine Gewalttat vom Mai im Fürst-Anselm-Park. Doch dazu wollte gestern ein Zeuge plötzlich nichts mehr von der ursprünglichen Aussage wissen. „Der stand nur daneben“, sagte er und deutete auf den Angeklagten. Die anderen hätten auf das Opfer eingetreten – erstmals sind es jetzt plötzlich zwei bislang unbekannte Mittäter.

Zeuge will vor Gericht nicht mehr aussagen

Viel Interesse an einer Aussage vor Gericht hatte der Zeuge nicht. „Wozu?“, fragte er ungeniert: „Damit ich später Stress bekomme?“ Die Polizei müsse die Aussage falsch verstanden haben, vermutete er. Oder er habe es vergessen zu sagen. Vor elf Monaten war der junge Mann noch selbst eingeschritten, als am 23. Mai ein Mann am Obelisk verprügelt wurde. Den Einsatzkräften nannte er einst den Angeklagten, identifizierte ihn am Tatort. Nun wollte er davon aber nichts mehr wissen.

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Genauso argumentierte der Angeklagte, den Strafverteidiger Georg Karl vertritt. An den Vorfall im Fürst-Anselm-Park wollte er sich nicht erinnern, die Geschädigte nicht einmal kennen. Die Arbeit, die der junge Tunesier den Ermittlern macht, setzt sich damit vor Gericht fort – es wurde ein zweiter Verhandlungstag angesetzt, für den weitere Zeugen nötig sind. Was am Ende des Prozesses stehen könnte, wurde zu Beginn prognostiziert: Eine Bewährung ist laut Gericht nahezu ausgeschlossen, was Anklagevertreter Konstantin Voges, der das Spezialreferat gegen Mehrfach-Intensivtäter bei der Staatsanwaltschaft in Regensburg leitet, genauso sah.

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Doch lohnt sich all die Arbeit denn? Hat das harte Durchgreifen der Behörden Erfolg? „Es hat sich etwas beruhigt“, erklärte Oberstaatsanwalt Thomas Rauscher auf MZ-Anfrage. Aktuell würden 61 Personen (Stand: 26. April) im Fokus der Regensburger Ermittler stehen. Bis auf drei von ihnen wurden von der Staatsanwaltschaft bisher gegen alle Haftbefehle beantragt. „Bei einem Großteil sind die Ermittlungen abgeschlossen“, sagte Rauscher mit Blick auf 51 der Tatverdächtigen. Die Aufarbeitung bei Gericht laufe – 21 Täter seien verurteilt, in 31 Fällen das Hauptverfahren eröffnet worden.

Unternehmer: „Problem hat sich gebessert“

Rauscher betonte klar: „Wir hören trotzdem nicht auf, vor allem nicht, ehe sich nicht ein gesichertes Bild für die bevorstehenden warmen Monate ergibt.“ Der Druck habe aus Sicht der Polizeibehörden bisher jedoch nachgelassen. Das bestätigte auch Raphael Dirnberger. „Das Problem mit tunesischen Intensivtätern hat sich gebessert“, sagte der Chef des Edeka-Marktes am Hauptbahnhof der MZ. „Das haben wir schon gemerkt.“ Grundsätzlich sehe er allerdings keine Trendwende in der Kriminalitätslage für den Brennpunkt Bahnhof. Mit dem Thema Ladendiebstahl, vor allem der gestiegenen Gewaltbereitschaft einiger Täter, kämpften seine Mitarbeiter und er weiter auf hohem Niveau.