Vitesco-Aktionäre stimmen für Verschmelzung mit Schaeffler: Die Braut ist ein Schmuckstück

Von Christian Eckl · 24. April 2024 um 17:50

Bei der Hauptversammlung stimmte eine Mehrheit dem Verschmelzungsvertrag mit Schaeffler zu. Noch-Vorstandschef Andreas Wolf blickte in eine profitable Zukunft. Doch obwohl der Konzern vermehrt auf Elektroantriebe setzt, sorgt vor allem noch die Sparte mit Verbrennermotoren für satte Gewinne. Regensburg indes verliert wohl den ersten möglichen Dax-Konzern mit Sitz in der Domstadt.

Es ist vollbracht. Zumindest für die Regensburger. Die Hauptversammlung der Vitesco Technologies mit Sitz in Regensburg stimmte dem Verschmelzungsvertrag zwischen dem Autozulieferer und dem Unternehmen aus Herzogenaurach, das unter anderem auch Standorte in Ingolstadt und Nürnberg hat, bei der Hauptversammlung am Mittwoch zu. Aufsichtsrat und Vorstand des Konzerns, der mit 3000 Mitarbeitern ein wichtiger Arbeitgeber in der Region ist, trafen sich in München. Die Aktionäre wurden per Videoübertragung zugeschaltet.

Die Abstimmung erfolgte im nichtöffentlichen Teil. Zuvor stellten Aufsichtsratsvorsitzender Professor Siegfried Wolf und Vorstandschef Andreas Wolf vor, was in den vergangenen Monaten seit der Übernahmeerklärung durch Schaeffler im Hintergrund ablief. Kurz gesagt: Das Unternehmen steht in schwierigen Zeiten gut da – die Braut ist nicht nur hübsch gemacht, sie ist es auch. Und: Für das erst 2021 von Continental abgespaltene Unternehmen bedeutet der nun beschlossene Verschmelzungsvertrag, lediglich drei Jahre wirklich selbstständig gewesen zu sein.

„Wären fast in den DAX“

Für den Industriestandort Regensburg bedeutet das auch: Der in Aussicht gestandene Sitz eines echten Dax-Unternehmens ist nun wohl wieder vom Tisch. „Wir wären noch weiter in den Dax aufgestiegen“, sagte Andreas Wolf bei seiner Vorstellung der Zahlen. „Aber es ging wieder zurück in den S-Dax – das hat mit der neuen Aktionärsstruktur zu tun“, erläuterte CEO Wolf. Er schilderte vor den Aktionären im öffentlichen Teil der Hauptverhandlung auch den wilden Ritt auf dem Aktienmarkt für Vitesco: Als Gerüchte lauter wurden, dass Schaeffler das Übernahmeangebot je Aktie erhöhen könnte, sprang der Kurs im November vergangenen Jahres auf ein Allzeithoch von 96,20 Euro je Aktie. Zum Vergleich: Während der Hauptversammlung notierte der Aktienkurs bei etwa 65 Euro.

Dabei stellte CEO Wolf vor, wie hübsch die Braut eigentlich für eine Übernahme ist. Überraschend: Vor allem das Kern-Verbrennergeschäft ist eine wahre Cashcow. Mit einem Umsatz von 3,4 Milliarden Euro – insgesamt waren es 9,2 Milliarden Euro vergangenes Jahr – legte Vitesco in dem Verbrennersektor eine Ebit-Marge von 11,5 Prozent hin. „Diese Zahlen unterstreichen die Rentabilität unseres Kern-Verbrenner-Portfolios“, sagte Andreas Wolf. Doch für ihn sei der Zukunftssektor glasklar Elektromobilität, der Bereich, der bei Vitesco immer wichtiger wird. Bis 2030 erwartet das Unternehmen einen Elektro-Anteil von 45 Prozent der Neuzulassungen weltweit. Auf längere Sicht würden es 70 Prozent sein, so Wolf in seiner Einschätzung. „Der Gang hin zu Elektromobilität ist in vollem Gang und nicht aufzuhalten“, sagte CEO Wolf.

Seine Einschätzung für den Automarkt weltweit ist aber auch, dass dieser weltweit eher „seitwärts geht“, also stagniert. Lediglich in den USA und China würden die Autoverkäufe leicht anziehen. Doch Vitesco kommt aus schwierigen Fahrwassern. Die Lieferkettenkrise und die Knappheit auf dem Rohstoffmarkt begegnet das Unternehmen mit Partnerschaften und riesigen Volumina: „Wir haben uns Siliziumkarbit im Wert von fast drei Milliarden Euro gesichert“, sagte Wolf. Am Ende präsentierte der CEO, mit dessen Abgang nach der Verschmelzung mit Schaeffler gerechnet wird, ein Ebit-Ergebnis von 343 Millionen Euro und der ersten Dividendenzahlung seit der Börsennotierung: Immerhin 25 Cent.

IG Metall sorgt sich um die Belegschaft

Derzeit arbeiten 35000 Menschen weltweit bei Vitesco, 3000 davon in Regensburg. „Die Vitesco- und Schaeffler-Betriebsräte und Gewerkschafter arbeiten schon seit Monaten daran, den Zusammenschluss für die Arbeitnehmer bestmöglich zu regeln“, sagte Rico Irmischer von der IG Metall auf Anfrage zur Mediengruppe Bayern. „Dazu gehört natürlich als erstes, dass alle Standorte beider Unternehmen in voller Stärke erhalten bleiben.“ Kein Vitesco- oder Schaeffler-Beschäftigter dürfe durch diese Fusion seinen Job verlieren, „das ist völlig klar“, ist die Haltung der Gewerkschaft. Das sollte auch die Prämisse des Unternehmens sein, so der Gewerkschafter weiter. „Schaeffler ist gut beraten, dieses Potenzial voll zu nutzen, gerade im viel beklagten Fachkräftemangel“, schloss Irmischer.

Abgeschlossen ist der Deal noch nicht ganz. Nach der Hauptversammlung von Vitesco muss am Donnerstag auch die von Schaeffler zustimmen. Die Umtauschquote der Aktien beträgt laut Verschmelzungsvertrag übrigens eine Vitesco gegen 11,4 Schaeffler-Aktien. Mit dem Deal entsteht ein Gigant auf dem Autozulieferer-Sektor in Bayern: Der Konzern zählt damit 120000 Mitarbeiter weltweit und kommt auf ein Umsatzvolumen von 25 Milliarden Euro.

Kein Kampf wie um Conti

Schon einmal tobte eine Übernahmeschlacht um einen Konzern, der auch in Regensburg vertreten ist: Marie-Elisabeth Schaeffler, zusammen mit ihrem Sohn Georg Hauptaktionärin und eine der reichsten Deutschen, versuchte 2008, Conti zu übernehmen. Als Vitesco von Conti abgespalten wurde, kamen auf diese Weise bereits fast die Hälfte der Aktien in deren Eigentum. Für Schaeffler war es damit nicht gar so schwer, der Familie und den Holdings gehören bereits 90 Prozent der Aktien – ohne Schlacht wie einst um Conti.

Rund 80 Aktionärinnen und Aktionäre nahmen an der Hauptversammlung virtuell teil. Zum Zeitpunkt der Beschlussfassungen waren rund 37,9 Millionen Aktien vertreten, dies entspricht einem Anteil von 95 Prozent der rund 40 Millionen ausgegebenen Aktien.