Neumarkter Pfleiderer-Mitarbeiter sollen unzufrieden sein: Hat die IG Metall schlecht verhandelt?

Von Nicole Selendt · 17. April 2024 um 17:00

Sind es nur „einige wenige Leute“, die mit dem Tarifabschluss bei Pfleiderer nicht zufrieden sind? Oder sind es „90 Prozent der Belegschaft“? Letzteres glaubt ein gut vernetzter Mitarbeiter zu wissen, der sich einen Tag nach dem öffentlich gewordenen Tarifergebnis vom letzten Donnerstag in der Neumarkter MZ-Redaktion gemeldet hat.

„Es herrscht große Unruhe im Betrieb – egal, in welche Schicht du reinhörst“, sagte er im Gespräch mit unserem Medienhaus. Die Belegschaft fühle sich von der IG Metall nicht gut vertreten.

Dieses Angebot liegt auf dem Tisch

Nach der dritten Verhandlungsrunde zwischen der Arbeitgeberseite und der Verhandlungskommission aller fünf deutschen Pfleiderer-Standorte liegt folgendes Angebot auf dem Tisch: Die Beschäftigten bekommen jeweils im Mai 2024 und im August 2024 eine Inflationsausgleichsprämie in Höhe von 1000 Euro (500 Euro für Auszubildende und Altersteilzeit, Teilzeit anteilig). Darüber hinaus einigte man sich auf monatlich fünf Prozent mehr Geld ab Dezember 2024 und nochmals vier Prozent ab 2025.

Die Ausbildungsvergütungen steigen dabei jeweils auf 1200 Euro im ersten Ausbildungsjahr und auf 1400 Euro im vierten Ausbildungsjahr und ab 2025 auf 1250 Euro beziehungsweise 1450 Euro. Die Einigung soll 24 Monate bis zum 31. März 2026 gelten. Die Belegschaft hatte unter anderem 9,9 Prozent mehr Gehalt gefordert und eben die soziale Komponente wie die Inflationsausgleichsprämie.

„Es herrscht große Unruhe im Betrieb – egal, in welche Schicht du reinhörst.“ Mitarbeiter, der anonym bleiben möchte

Dass die Belegschaft mit dem ausgehandelten Ergebnis nicht zufrieden sei, liege unter anderem daran, dass das Lohnniveau bei Pfleiderer durch diesen Abschluss weiterhin unter dem Niveau der Branche liege. Das sagt der Mitarbeiter, der seinen Namen nicht in der Zeitung lesen möchte. Auch komme die Tatsache, dass die erste Lohnerhöhung erst im Dezember 2024 erfolgen soll, bei den Beschäftigten nicht gut an.

Abstimmung über Tarifangebot am Donnerstag

Dass die Unzufriedenheit in dieser Tarifrunde hochzukochen scheint, hat ihren Ursprung offenbar in der Coronazeit. Das Geschäft sei „gelaufen wie verrückt“. Damals hätten den Angaben des Mitarbeiters zufolge viele Menschen „daheim ausgebaut und Möbel gekauft“. Die Firma habe zum Ende der Pandemie ein Corona-Geld gezahlt. „Aber das war eine Halt-die-Klappe-Prämie – ansonsten wurden wir kleingehalten“, sagte er.

Dass sich die Verhandler mit dem Angebot des Arbeitgebers zufriedengeben wollen – am heutigen Donnerstag wird die Tarifkommission darüber abstimmen – könnte einige dazu bewegen, der IG Metall den Rücken zu kehren, will der Mitarbeiter erfahren haben. „Wir fühlen uns nicht gut vertreten. Es gehen schon Austrittsformulare herum.“

„Der Großteil der Belegschaft ist mit dem vorliegenden Kompromiss zufrieden.“ Christian Vossenkaul, IG Metall

Ob es bereits Austritte gab, wollte Christian Vossenkaul, Fachsekretär bei der IG Metall in Regensburg, nicht kommentieren. Zu Mitgliederzahlen oder Austritten wollte er keine Angaben machen. Er erklärte jedoch, dass er nach zahlreichen Telefonaten ein völlig anderes Stimmungsbild bei Pfleiderer wahrgenommen habe. „Der Großteil der Belegschaft ist mit dem vorliegenden Kompromiss zufrieden“, sagte er. Dass es einen „kleinen, lauten Anteil von Mitarbeitern gibt“, der nicht zufrieden ist, sei bei solchen Verhandlungen absolut nichts Ungewöhnliches.

IG Metall spricht von „tarifpolitischem Erfolg“

Vossenkaul beurteilt das Verhandlungsergebnis, über das nun abgestimmt wird, als einen „tarifpolitischen Erfolg“. Er spiegele einen Kompromiss zwischen der Macht der IG Metall und den derzeitigen Möglichkeiten des Unternehmens wider. Er wolle dem Abstimmungsergebnis zwar nicht vorgreifen. Jedoch geht er davon aus, dass sich die Tarifkommission mehrheitlich für diesen Abschluss aussprechen werde. Die IG Metall werde nun versuchen, auf die „einzelnen Unzufriedenen“ zuzugehen, kündigte Vossenkaul an.

„Da steckt Herzblut drin. Wir wollten das Bestmögliche für unsere Kollegen erreichen, mit denen wir an der Maschine stehen oder im Büro sitzen.“ Thomas Bachhofer, Pfleiderer-Mitarbeiter und Mitglied der Verhandlungskommission

Teil dieser Tarifkommission ist auch Thomas Bachhofer. Er saß vergangene Woche mit am Tisch, als die Verhandlungskommission – bestehend aus hauptamtlichen Vertretern der IG Metall sowie Mitarbeitern und gleichzeitig ehrenamtlichen Mitgliedern der Gewerkschaft – zum dritten Mal über die Gehälter verhandelte. Es sei unglaublich hart gerungen worden, wie Bachhofer aus den Gesprächen berichtete. Erst nachts um halb eins sei man sich einig geworden. Er selbst sei zufrieden mit dem Ergebnis. Und auch vom überwiegenden Teil der Belegschaft habe er dieses Signal erhalten.

Das Gespräch mit unzufriedenen Mitarbeitern suchen

Die Branche bewege sich derzeit in einem extrem schwierigen Umfeld, es werde nicht mehr so gut verdient wie noch vor einigen Jahren, sagte Bachhofer. Daher habe er nach den Verhandlungen deutlich das Gefühl gehabt, einen guten Kompromiss erreicht zu haben, sagte er unserem Medienhaus. Die Tarifabschlüsse in der Fläche lägen sogar noch ein wenig unter demjenigen, der nun bei Pfleiderer bis Ende 2026 gelten soll.

Bei Haustarifverhandlungen sei es anders als in der Fläche, wo hauptamtliche Gewerkschaftsvertreter ein Ergebnis aushandeln, erklärt Bachhofer den Unterschied. „Da steckt Herzblut drin. Wir wollten das Bestmögliche für unsere Kollegen erreichen, mit denen wir an der Maschine stehen oder im Büro sitzen.“ Daher will Bachhofer auch mit denen, die mit dem Ergebnis weniger zufrieden sind, ins Gespräch kommen. Es gehe darum, ihnen in allen Facetten zu erklären, wie dieses Angebot zustande gekommen ist.