Nachbarn in Regensburger Wohngebiet kämpfen um Grün: Baurecht sticht Baumschutz

Normalerweise sind Bäume im Stadtgebiet ab einer gewissen Größe geschützt. Wenn sie aber genehmigten Bauvorhaben im Weg stehen, bleibt das Grün nur zweiter Sieger.
Mitten in der Stadt und zugleich im Grünen leben – wer will das nicht? In gewachsenen Wohnvierteln wie dem Inneren Westen ist diese scheinbare Quadratur des Kreises in vielen Fällen gelungen, die Häuser sind von weitläufigen Gärten mit stattlichem Baumbestand umgeben. Doch in Zeiten des knappen Wohnraums heißt das Gebot der Stunde „Nachverdichtung“.
Konkret umgesetzt wird dies oft, wenn eine Immobilie den Besitzer wechselt: Der neue Eigentümer nutzt dann das Potenzial des großen Grundstücks zur dichteren Neubebauung. Das Grün wird dabei zwangsläufig reduziert, wie dieses aktuelle Beispiel aus der Dechbettener Straße zeigt.
„Klimakrise? Hier genehmigt die Stadt die Rodung von 21 geschützten Bäumen“, lautet die Protestbotschaft, die Erwin Aschenbrenner an seinem Gartenzaun angebracht hat. Er kritisiert damit ein auf dem Nachbargrundstück geplantes Bauvorhaben. Das dort bestehende Vier-Parteien-Haus mit zwei Stockwerken und Satteldach soll abgerissen und durch zwei jeweils vierstöckige Baukörper mit Flachdach und Tiefgarage ersetzt werden.
Insgesamt sind 13 Wohneinheiten und 14 Stellplätze geplant. Das geht aus dem Bauantrag hervor, gegen den die Nachbarn Einwendungen erhoben haben. „Wir verstehen ja, dass man nachverdichtet. Die Frage ist aber, wie man das macht“, sagt Aschenbrenner.
Tiefgarage zu groß geplant?
Die Kritik von ihm und den anderen Eigentümern richtet sich in erster Linie nicht gegen die neuen Häuser an sich, auch wenn die gewünschte geringfügige Verschlankung der Baukörper in den Obergeschossen vom Investor abgelehnt wurde. Das größere Problem haben die Nachbarn mit der Tiefgarage. Diese halten sie für überdimensioniert und folgenschwer. Denn sie ist der Hauptgrund dafür, dass so viele Bäume weg müssen.
Laut städtischer Stellplatzverordnung sind bei der geplanten Anzahl von Wohnungen zwölf bis 13 Plätze nachzuweisen. Doch Aschenbrenners Miteigentümer Rupert Wirzmüller argumentiert, dass sich diese Anforderung reduzieren ließe. „Man müsste dafür nur ein Mobilitätskonzept ausarbeiten, in dem beispielsweise die Möglichkeit zum Carsharing enthalten ist“, sagt er.
So könnte die Zahl der erforderlichen Stellplätze auf acht bis neun sinken – mit gravierenden Auswirkungen: Die unterirdische Garage würde kleiner ausfallen, darüber im Garten hätten mehr Bäume eine Überlebenschance.
„Vermutlich könnte sogar die Rodung einer Mehrzahl der 21 Bäume vermieden werden“, schätzt Aschenbrenner, während Wirzmüller den Wert der grünen Riesen betont: „Abgesehen von den Eichen bei der Brauerei Bischofshof dürften das die größten Bäume in der direkten Umgebung sein.“
Doch beide haben mittlerweile gelernt, dass das Baurecht über dem Baumschutz steht. Ihre Einwendungen gegenüber dem Bauordnungsamt haben sie auch der Oberbürgermeisterin geschickt, die einen freundlichen sechsseitigen Brief zurückgeschrieben hat.
Der für die Nachbarn unerfreuliche Tenor lautet: Bei dem Bauvorhaben ist alles okay, auch wenn es ohne Baumentfernung „bedauerlicherweise nicht möglich“ ist. „Die Durchgrünung der Stadt und die damit verbundene Lebensqualität sind gewiss wichtige Schutzgüter, jedoch muss auch die notwendige Versorgung der Bevölkerung mit Wohnraum beachtet werden“, so das Stadtoberhaupt.
Für Benedikt Suttner ist die rein baurechtliche Argumentation zu dürftig. Auch der ÖDP-Stadtrat wurde von den betroffenen Nachbarn aus der Dechbettener Straße unterrichtet. Da er etliche vergleichbare Fälle kennt, plädiert er im Sinne eines besseren Einvernehmens für einen intensiveren Austausch zwischen Investoren, Anliegern und Genehmigungsbehörde: „Ich würde mir wünschen, dass die Stadt in solchen Fällen als Vermittler agiert und Bauherrn kreativere Lösungen näherbringt.“
Bischof ins Gewissen geredet
Exakt so hätte es sich auch Aschenbrenner vorgestellt. Weil der Voreigentümer des Grundstücks das Bistum war, hat er dorthin einen Brief geschrieben – und prompt eine Gesprächseinladung vom Bischof erhalten.
Beim Treffen im Ordinariat stellte der Gast die Frage, warum beim Verkauf des Anwesens offenbar nur der Preis und nicht andere Belange wie Umwelt oder Konzept eine Rolle gespielt hätten. Dem Vernehmen nach hätte nämlich eine Genossenschaft 1,4 Millionen Euro für das Anwesen geboten, das letztlich mit einer Zwei vorm Komma verkauft worden sein soll.
Der Bischof habe diese kritischen Anmerkungen positiv aufgenommen, auch im Hinblick auf künftige Immobiliengeschäfte, berichtet Aschenbrenner. Dies stimmt ihn versöhnlich, obwohl es für sein eigenes Ansinnen wohl zu spät ist: „Als wir vor knapp 30 Jahren unser Haus saniert haben, haben wir den Innenhof entsiegelt und zur Grünfläche gemacht. Auf dem Nachbargrundstück wird jetzt viel Grünfläche versiegelt.“
