Anlieger in Schönthal und anderen Dörfern an der alten B 22 leiden unter stark befahrenem Schleichweg

Von Petra Schoplocher · 16. April 2024 um 15:00

Die Anwohnerin hat nur ein Wort für das, was sich derzeit tagtäglich vor ihrer Tür abspielt: Wahnsinn! Seit die Bundesstraße 22 baustellenbedingt einseitig gesperrt ist, rollen tausende Autos und Laster an ihrem Haus in Schönthal vorbei. Mit Menschen am Steuer, die „offenbar nicht lesen können.“

Denn: Seit eine Menge Verkehrsteilnehmer zur offiziellen Umleitung einen Schleichweg ausgemacht hätten, gilt in ihrer Straße wie in Teilbereichen von Lixendöfering und Rhan Tempo 30. Nur: Kaum einer halte sich dran. Schlimmer noch: Wer langsam fahre, wird „teils harakiri-mäßig“ überholt. „Das ist fast noch schlimmer.“

Lesen Sie außerdem: Die Kompostanlage Moosdorf ist vorerst dicht

Besonders schlimm ist es zwischen 16 und 18 Uhr, an eine Auszeit auf der Terrasse ist da nicht mehr zu denken. Eine harte Probe, schließlich ist das generelle Verständnis für notwendige Baumaßnahmen bei der Familie vorhanden. „Aber warum kann ich nicht, wenn ich schon einen Schleichweg benutze, wenigstens rücksichtsvoll sein?“

Ärger oder Beschwerden seien bei ihm nicht aufgeschlagen, berichtet Dr. Richard Bosl, beim Staatlichen Bauamt Regensburg für den Straßenbau im Landkreis verantwortlich. Die Belastung für die Betroffenen ist ihm bewusst. „Wir versuchen sie bei jeder Maßnahme möglichst gering zu halten.“ Bedeutet, dass speziell für die Sanierung der B 22 mit den Anwohnern das Gespräch gesucht wurde, die Felder auf der gegenüberliegenden Seite bewirtschaften. Oder auch, dass Schulbusse wenig Einschränkungen ausgesetzt sind.

Geringe Akzeptanz

Klar sei aber auch: Je mehr eingegriffen wird, desto höher ist die Betroffenheit. „Sperrung bringt immer Verdruss“, lautet seine Erfahrung. Infrastruktur werde einerseits gefordert, die damit verbundenen negativen Seiten aber will niemand in Kauf nehmen. Bosl hat Verständnis für die Dorfbewohner, weist aber zugleich darauf hin, dass die offizielle Umleitung über Waldmünchen und Geigant führe.

Die durchgängige Geschwindigkeitsbegrenzung im Baustellenbereich auf der Bundesstraße auf 30 Kilometer begründet er zum einen mit der Sicherheit der Arbeiter. Für die mache es einen gravierenden Unterschied, ob ein Lkw mit 30 oder 70 an ihnen vorbeifahre. Zudem zeige die Erfahrung, dass bei 30 ohnehin 50 und bei 50 dann 70 gefahren werde. „Ich halte das für vollkommen gerechtfertigt“, unterstreicht Bosl, gleichwohl betonend, dass es „viele Vernünftige, aber auch viele Unvernünftige“ gäbe.

Die gute Nachricht: Die Bauarbeiten liegen im Zeitplan. Wenn weiterhin alles gut geht und vor allem das Wetter mitspielt (entscheidend, um die Asphaltierung auftragen zu können), ist der Spuk für die Betroffenen Ende Mai vorbei.

Als „extrem“ bezeichnet Schönthals Bürgermeister Ludwig Wallinger die Situation. Das Verkehrsaufkommen sei „sehr schlimm“, bisweilen staue es sich an der Kreuzung in der Ortsmitte mehrere hundert Meter zurück. Was Wallinger (noch) mehr Kopfzerbrechen bereitet, sind die Schul- und Kindergartenkinder, die die viel befahrenen Straßen überqueren müssen; vor allem aus den Neubausiedlungen nördlich der Hauptstraße.

Zahlreiche besorgte Eltern haben bei ihm vorgesprochen, aktuell sucht die Gemeinde zusammen mit der Schule einen Schulweghelfer, um die Sicherheit zu erhöhen. Einfach sei das nicht. Da keine offizielle Querung oder ein Übergang ausgewiesen ist, darf der Lotse nicht „die Kelle raushalten und Autos stoppen“. Er müsse vielmehr für die Jungen und Mädchen eine Lücke suchen.

Der Verkehr sei „fast wie zu alten Zeiten“, denkt der 77-Jährige an die Zeiten zurück, als es noch keine „neue“ Bundesstraße 22 gab. Doch genau darin sieht er eine weitere Gefahr: „Die Leute sind es nicht mehr gewohnt.“

Geparkt wird kreuz und quer

Verschärft hat sich die Lage an anderer Stelle. Rund um Metzgerei und Bäckerei in der Alten Chamer Straße gehe es schon ohne Umleitung oft sehr eng zu. Nun sorgt das, das im Sinne der Betriebe ein Segen ist – die Metzgerei sei weit über den Landkreis hinaus bekannt und auch die Bäckerei „sehr gut unterwegs“ – in Kombination mit dem Plus an Autos und Lastern für zusätzliche Gefahren. Das bestätigt eine Anliegerin, die von „Kreuz- und Querparkern“ und blockierten Gehwegen berichtet. „Und dann kommt noch das Tempo dazu.“ Eine grundsätzliche Lösung in Form eines zusätzlichen Parkplatzes scheitert nach Auskunft Wallingers an der Bereitschaft eines Eigentümers, den Grund dafür abzutreten.

„Es gibt solche und solche“, sagt der Bürgermeister zur Moral der Verkehrsteilnehmer. Bedeutet: Viele respektierten die Tempo 30-Schilder. Er habe aber auch beobachtet, dass an manchen Stellen „mit 80 Sachen“ durchgebrettert werde. Ganz wohl ist ihm grundsätzlich nicht. Die Sorge, dass etwas passieren könnte, sie „ist unbestreitbar da“.

Die Polizei tut, was sie kann, versichert Dienststellenleiter Thomas Schmidt. Das sind vor allem zwei Dinge: Präsenz zeigen und kontrollieren. Erst in der Vorwoche kam die Laserpistole in Schönthal zum Einsatz. An sich nicht ungewöhnlich, man habe den Innerortsbereich grundsätzlich am Schirm. „Da ist das Gefahrenpotenzial am größten und wir wollen ja, dass vor allem die Kinder wieder gesund nach Hause kommen.“

Entsprechend werde vorrangig dort die Geschwindigkeit kontrolliert. „Wir werden uns nicht außerorts hinter Büschen verstecken“, sichert der Hauptkommissar zu. „Das soll schon einen tieferen Sinn haben.“ Auf der offiziellen Umleitungsstrecke sieht er durch das gestiegene Verkehrsaufkommen keine deutlich größeren Gefahren. An sensiblen Stellen wie der Schule in Geigant gelte es grundsätzlich, besonnen und langsam zu fahren, betont er. Zur Umsicht rät er auch auf dem „Schleichweg“ mit Hinweis auf Beschaffenheit und Breite der Straßen.

An die Geschwindigkeitsbegrenzung halten sich nur wenige, lautet die Zwischenbilanz von Sonja Meier. Worüber man in Anbetracht der unübersichtlichen Kurve und des vielen Verkehrs schon staunen dürfe. Die Straße mit Kindern zu überqueren, sei zu manchen Zeiten ein Wagnis. Erst vor wenigen Tagen sei ein Auto „mit Vollgas an uns vorbeigebrettert. Gerade, dass er nicht auch noch gehupt hat.“ Ein bisschen mehr Rücksicht würde nicht schaden, meint sie.

Auf den Umsatz hat sich das Mehr an Durchreisenden indes nicht ausgewirkt. „Kommt vielleicht noch“, versucht sie dem Ganzen etwas Positives abzugewinnen. „Die dürfen gerne stehen bleiben und einkaufen.“

In Rhan, Döfering und Lixendöfering ist der Schleichweg gleichermaßen Gesprächsthema. „Das Verkaufsaufkommen ist brutal“, erzählt ein Rhaner, wohl wissend: „Wir müssen das schlucken“, die Umleitung über Geigant sei schließlich nicht bindend. „Die Geschwindigkeitsbegrenzung hingegen schon.“ Er tröstet sich mit der Aussicht, dass das Ganze zeitlich begrenzt ist. Damit dürfte er nicht allein sein.

Die Situation macht kreativ: Offenbar haben die innerorts gültigen 50 auch schon nicht funktioniert.
Vorsichtsmaßnahme: Die Gemeinde hat an etlichen Abschnitten des Schleichwegs Tempo 30 verfügt.
So erfreulich die hohe Frequenz in Metzgerei und Bäckerei aus wirtschaftlicher Sicht ist: Zusammen mit dem stark gestiegenen Verkehrsaufkommen geht es in der Alten Chamer Straße teils sehr eng zu.