Jan-Uwe Rogge: So überstehen Eltern und ihre Teenager die Pubertät

Von Katrin Böhm · 8. April 2024 um 16:10

Wenn das Kind mit einem „Chill, Mama“ um die Ecke kommt und fragt, warum die Mutter so „geraged“ reagiert, wenn es sich mit Schuhen aufs Sofa wirft, dann stecken Eltern und Kind schon mittendrin in diesem Pubertäts-Ding. Wie damit umgehen? Auf diese Frage gibt Erziehungs-Experte Jan-Uwe Rogge im Interview Antworten. Am 16. April hält er mit Matthias Jung einen Vortrag in Neumarkt.

Herr Rogge, „Loslassen und Halt geben“ – so lautet der Untertitel ihres gemeinsamen Programms mit Matthias Jung. Dieser Untertitel dürfte für Eltern die Idealvorstellung vom Umgang mit ihrem pubertierenden Kind sein. Aber wie schafft man das?

Jan-Uwe Rogge: Zunächst muss man da einmal sagen: Kinder in der Pubertät zu begleiten hat nichts zu tun mit Zielen oder damit, in dieser Zeit alles richtig zu machen. Es gibt Tage, an denen gelingt alles gut, an anderen hingegen ist man als Eltern, aber auch als Pubertierender verzweifelt. Wenn die großen Stürme tanzen, ist es schwieriger, aber nachher wird aus jedem Sturm eine angenehme Brise. Generell sollten Eltern sich fernhalten von dem Gedanken, alles richtig machen zu wollen. Mut zur Unvollkommenheit ist angesagt. Pubertierende finden Eltern eher ätzend, die perfekt sein wollen.

Eltern wünschen sich, dass ihr Kind zu einem verantwortungsbewussten jungen Menschen wird, machen sich aber Sorgen, wenn sie am Horizont Probleme heraufziehen sehen, die das Kind nicht oder noch nicht wahrnimmt. Was tun in dieser Situation?

Rogge: Udo Lindenberg singt: Hinterm Horizont geht‘s weiter. Und genau so ist es. Der Horizont ist nicht der Endpunkt. Zum Loslassen gehört auch, Vertrauen zu haben. Das wird auf der nicht-sprachlichen Ebene auf das Kind übertragen. Kein Vertrauen in sein Kind zu haben, hat auch viel mit einem selbst zu tun, dass man selbst als Mutter oder Vater zweifelt. Eltern sollten darüber nachdenken, was sie dem Kind in seinen ersten zwölf, 13 Jahren in den Rucksack des Lebens gepackt haben. Viele Eltern unterschätzen, was sie ihren Kindern mitgegeben habe. Sie sollten nicht daran denken, was nicht geklappt hat, sondern daran, was gut funktioniert hat. Häufig gelten die Gedanken in solchen Momenten zwar eigentlich dem Kind, aber auch der Frage, wie es mit einem selbst und der Partnerschaft weitergeht. Wenn Kinder groß werden und ausziehen, wird die Elternschaft schließlich wieder mehr durch Partnerschaft begleitet.

Mit der Pubertät entstehen zahlreiche Konflikte

Wenn Kinder in die Pubertät kommen, erleben Eltern häufig, dass Sachen, die bis dato gut funktioniert haben, plötzlich nicht mehr klappen – ob es ums Zimmeraufräumen oder Hausaufgaben geht. Wie geht man damit um?

Rogge: Meine und die Erfahrung von Matthias Jung ist: Eltern wissen oft zu wenig über die Entwicklung ihrer Kinder in dieser Zeit. Es ist nicht Widerstand, wenn sie etwas nicht tun, sie können es einfach nicht. Ich sage Eltern immer: Stellt euch vor, auf der Stirn eures Kindes steht „Wegen Umbau geschlossen“. Der gesamte neurologische Apparat wird in der Pubertät neu gebildet. Das Kind wird zum Erwachsenen, da verändern sich neurologische Strukturen.

Wie äußert sich das?

Rogge: Pubertierende haben beispielsweise ein ganz anderes Zeitgefühl. Für die ist es um 8 Uhr morgens 3 oder 4 Uhr nachts. Darum müsste die Schule später anfangen. Auch die Körperhygiene kann mit einem Mal an zweiter oder dritter Stelle stehen und das Gefühl von Omnipotenz auftreten. Also, dass Pubertierende fest davon überzeugt sind, dass sie etwas können, es aber nicht schaffen. Über diese ganzen Entwicklungsprozesse müssten Eltern mehr wissen, dann könnten sie ihre Kinder besser verstehen. Wobei man Verständnis nicht mit Akzeptanz verwechseln darf.

Wie können Eltern auf diese Umstellung reagieren?

Rogge: Man kann viel im erzieherischen Verhalten verändern. Wenn ich meinem Kind morgens um acht sage, es soll mittags den Müll rausbringen, hat es das um fünf nach acht wieder vergessen. Darum muss ich es ihm einfach mittags sagen, also wenn die Aktion ansteht.

Jugendliche halten ihre Eltern oft vor allem für eins: peinlich. Warum ist das so?

Rogge: Die Pubertät ist eine Unabhängigkeitserklärung des Kindes, das „Ich“ ist enorm wichtig. Das Kind denkt: Was ich mache, ist wichtig, was andere beziehungsweise die Eltern machen, ist völlig unmöglich. Das drückt das Wort peinlich oder toxisch aus. Es ist ein Zeichen der Abgrenzung. Man kann es Pubertierenden nicht wirklich recht machen. Sie leben in ihrer Welt und da gelten die Werte und Normen, die für Pubertierende gültig sind – und die können sich rasend schnell ändern.

Viel Streit in Familien wegen Handy und Videospielen

Riesen-Streitthema ist in vielen Familien das Thema Handy oder Zocken. Wie kann man da eine vernünftige Lösung hinbekommen, mit der beide Seiten halbwegs leben können?

Rogge: Bei dieser Frage muss ich schmunzeln, denn als ich vor 40 Jahren mit meinen Beratungen begonnen habe, stand immer der Fernseher an erster Stelle. Anfang der 60er war ein großes Thema: Darf ich bei den Hausaufgaben Radio hören? Heute ist es das Mobiltelefon. Über Medien testen Jugendliche Beziehungen aus, wissen ganz genau, wie sie Eltern zur Raserei bringen. Ich wünsche mir hier ein Stück mehr Gelassenheit und Zuversicht. Viel wichtiger als die Frage nach dem „Wie lange“ ist die Frage „Aus welchem Grund“. Einen problematischen Umgang mit Medien haben fünf bis acht Prozent der Pubertierenden – und zwar, weil ihnen die reale Umgebung zu wenig Aufmerksamkeit bietet. Das heißt allerdings nicht, dass Eltern nicht klare Regeln gemeinsam mit dem Kind entwickeln müssen. Und die gelten nicht nur für den Pubertierenden, sondern auch für die Eltern. Auch für den Vater, der abends sonst immer sein Mobiltelefon griffbereit hat. Ich halte es für wichtig, dass es medienfreie Zeiten gibt – und zwar für alle Familienangehörigen.

Viele Eltern machen sich Sorgen, wenn sie sehen, dass ihr Kind Hobbys wie Fußball aufgeben, weil es lieber zockt.

Rogge: Ja diese Kinder gibt es, aber in dem Moment, wo der Körper sich wieder neu gefunden hat, fangen sie wieder an mit körperbetonten Aktivitäten. In der Phase, in der der Körper gerade im Umbau ist, also etwa zwischen zehn und 13 Jahren, kriegt man sie schwer zu körperlichen Aktivitäten. Wenn es da einen Rückzug und eine Hinwendung zu Medien gibt, kann man schon auf die Bedeutung von körperlicher Aktivität hinweisen. Es sollte aber immer positiv sein. Sätze wie „Du kuckst nur noch auf dein Handy“ helfen nicht. Generell hat man mit einem drohenden oder mitleidigen Ton schnell die A-Karte.

Wenn Pubertierende jüngere Geschwister haben, gibt es plötzlich häufiger auch Stress zwischen den Geschwistern. Etwa, wenn dem jüngeren Geschwisterkind plötzlich der Spielpartner wegfällt.

Rogge: Geschwister-Rivalität kann zunehmen, wenn ein Kind in der Pubertät ist, das andere aber noch nicht – oder wenn ein Kind schon raus ist und das andere gerade in die Pubertät kommt. Da kann es krachen, etwa wenn der Ältere mit dem Jüngeren nichts mehr zu tun haben will. Aber auch, wenn Jüngere den Älteren besonders toll finden, weil sie sehen, was der schon alles kann und darf. Ich würde da immer in ein Vier-Augen-Gespräch mit dem älteren Geschwister gehen und kucken, was der Ältere mit dem jüngeren Kind machen kann und Verständnis zu wecken. Häufig sind Kräche zwischen Kindern nicht direkt zu lösen. Man sollte auch nicht vorwurfsvoll fragen, warum das ältere Kind so ungnädig zum jüngeren Geschwisterkind ist, sondern überlegen, warum der Ältere das so macht. Zum einen will sich der Pubertierende abgrenzen, zum anderen ist das aber auch seine Art, den Wunsch zu zeigen, noch in Kontakt zu bleiben.

Streit in der Familie: So sagt man Stopp!

Streit gibt es nicht nur mit Geschwistern, sondern auch mit den Eltern. Wie finden Eltern und Jugendliche nach einem heftigen Krach wieder zusammen?

Rogge: Ich finde, das Wort „Auseinandersetzung“ für diese Phase sehr gut. Beteiligte sollten sich tatsächlich auseinander setzen, für eine bestimmte Zeit auseinander gehen und sich dabei Zeit lassen. Ich rate Familien auch, ein Zauberwort zu entwickeln, um einen Streit zu unterbrechen. Das kann „Halt“, „Stopp“ oder ein fantasievolles Wort sein. Dann geht man erstmal auseinander und kommt später wieder zusammen. Wenn die Gefühle hochkochen, stehen am Ende nur Sieger und Besiegte da. Und dann gibt es keinen Frieden, sondern es entstehen Rachegefühle und das Gefühl von Omnipotenz, Gedanken wie „Denen habe ich es jetzt aber richtig gezeigt“.

In einem Streit hören Eltern häufig auch Beschimpfungen. Wie sollten sie damit umgehen? Einfach abperlen lassen?

Rogge: Da muss man immer ganz genau unterscheiden: Ist die Situation aus Frustration oder Wut entstanden oder gehört es zum Alltagsritual? Wenn ich als Eltern mich gering geschätzt fühle, dann muss ich das artikulieren – aber erst, wenn sich alles beruhigt hat. In der Situation selbst Sätze zu sagen wie „Das nimmst du sofort zurück“ ist nur oberflächlich und bringt wenig. Dass es wichtig ist, zu artikulieren, wenn man sich nicht respektvoll behandelt fühlt, gilt übrigens für beide Seiten, das ist keine Einbahnstraße.

Für Eltern, deren Kinder noch jünger sind: Woran können Eltern erkennen, dass die Pubertät beginnt und wie können sie sich darauf vorbereiten?

Rogge: Das ist ausgesprochen schwer. Man kann sich nicht wirklich vorbereiten. Die Pubertät beginnt von Kind zu Kind ganz unterschiedlich, bei Mädchen häufig früher. Früher machte man den Beginn der Pubertät am Beginn der Schambehaarung fest. Heute merkt man es an der körperlichen Veränderung, zum Beispiel im Gesicht oder im Körperbau, aber auch im Verhalten. Wenn es viel Widerspruch gibt oder ein Kind immer unleidlich ist. Die Symptome können ausgesprochen vielfältig sein. Eine Kinderpsychologin hat schon vor 120 Jahren vom kleinen und vom großen Trotzalter bei Kindern gesprochen. Das ist sehr treffend, wie ich finde.

Jan-Uwe Rogge rät Eltern zu einem Stück mehr Gelassenheit und Zuversicht. Foto: Gräfe und Unzer Verlag/Stephanie Schweigert