Über 1,5 Millionen Euro gespendet: Bolivienhilfe Berching unterstützt seit 30 Jahren Bedürftige

Von Bernhard Neumayer · 3. April 2024 um 05:00

Anfang der 1990er-Jahre stand Klaus Gruber vor der Wahl: „Entweder gscheid oder gar nicht“. Über 30 Jahre später können etwa 500 Mitglieder bezeugen, dass sich der Priester für ersteres entschieden hat – auch wenn die ehrenamtliche Arbeit der Bolivienhilfe Berching nicht von jedem gewertschätzt wird.

Gruber hatte den Verein initiiert und mit 22 weiteren Mitgliedern am 6.November 1994 gegründet. 30 Jahre später zählt die „Bolivienhilfe Berching (P. Luis Espinal)“ circa 500 Mitglieder in Bayern, Baden-Württemberg, Sachsen-Anhalt und Nordrhein-Westfalen. Nicht nur diese, sondern alle Bürger sind deshalb eingeladen, das Jubiläum in diesem Jahr zu feiern.

„Ich freue mich wie ein kleines Auto, dass es seit 30 Jahren so gut läuft und so viele engagierte Leute dabei sind“, sagt Gruber in seiner lockeren Art. So humorvoll wie sich Gruber im Gespräch mit unserer Zeitung gibt, haben ihn auch die Berchinger als Aushilfspfarrvikar Anfang der 90er-Jahre (für sieben Monate) kennengelernt – auch Rosa und Hans Dintenfelder.

Die späteren Gründungsmitglieder der Bolivienhilfe hatten mitbekommen, dass Gruber während seines Theologie-Studiums zwei Semester in La Paz gearbeitet hatte. Danach erzählte der heutige geistliche Beirat des Vereins von seinen Erfahrungen und fing an, Spenden für Menschen in Bolivien zu sammeln. Damals noch unorganisiert, bis die Dintenfelders zu Gruber sagten: „Wenn, dann musst du es gscheid machen.“

1994: Bolivienhilfe Berching wird gegründet

Und so strukturierten sich die Ehrenamtlichen zuerst im Förderverein Bolivienhilfe, der später in die Bolivienhilfe Berching umbenannt wurde. Klaus Gruber – heute Pfarrkurat im Pastoralraum Pleinfeld in Stirn – war derjenige, der das Feuer entfacht hatte. Den Posten als Vorsitzender übernahm zuerst Artur Angne. Ihm folgten Hans Dintenfelder (für 16 Jahre) und Matthias Neumeier aus Rudertshofen (seit zehn Jahren Vorsitzender), weil das Engagement bereichernd sei, sagen sie. „Und weil es der Dank, den man bekommt, wert ist.“

Der Großteil schätzt die Arbeit der Ehrenamtlichen. Doch die Mitglieder müssen sich nach eigenen Angaben auch das eine oder andere Mal Kritik anhören. Etwa, dass die Führungsgruppe der Bolivienhilfe Teile der Einnahmen aus Mitgliedsbeiträgen, Spenden und Verkaufsaktionen verwendet, um kostenlos in Bolivien Urlaub zu machen. Das sei natürlich Quatsch, sagt die Frau des aktuellen Vorsitzenden, Sandra Neumeier: „Reisen finanzieren wir selbst.“

Bolivienhilfe Berching: Über 1,5 Millionen Euro Spenden

Auch ansonsten passiere alles ehrenamtlich. Die Einnahmen fließen „fast zu 100 Prozent“ in Projekte in Bolivien, sagt Gruber. „Abgezogen werden lediglich Gebühren, etwa bei der Bank oder beim Notar.“ Und so sind nach Angaben von Matthias Neumeier in 30 Jahren über 1,5 Millionen Euro in das südamerikanische Land geflossen.

Trotz dieser Summe hören Mitglieder der Bolivienhilfe gelegentlich, dass sie sowieso nichts bewegen könnten. „Klar, die politische Lage können wir nicht ändern“, gesteht Sandra Neumeier. Aber die Gesundheit der Bürger könne man sehr wohl mit diesen Geldern beeinflussen. Zum Beispiel bei der geringeren Kindersterblichkeit und bei den Impfungen erkennen Neumeier und Gruber, dass die Arbeit fruchte. Und Gerlinde Delacroix, ebenfalls Mitglied der Bolivienhilfe, ergänzt: „Jedes Kind, das gerettet wird, ist es wert.“

Delacroix spielt auf ein Projekt in La Paz an, das die Bolivienhilfe unterstützt. In einer Klinik in der drittgrößten Stadt des Landes werden Kinder operiert, die mit einem Herzfehler leben. Weil sich viele Familien diese OP nicht leisten können, entlastet die Bolivienhilfe.

Darüber hinaus unterstützt der Verein weitere Projekte, etwa die Schule Kusikuna, diverse Frauenhäuser und ein Kinderkrankenhaus. Dort erhalten tuberkulosekranke Kinder Trockenmilch.

Auf deutscher Seite koordiniert Hans Pollinger die Projekte, auf bolivianischem Boden Reynaldo Salinas. Zusammen betreuen und prüfen sie die Projekte. „Auf das Controlling legen wir großen Wert“, sagt Vorsitzender Neumeier. Denn der Zweck eines Projektes müsse immer nachgewiesen werden. Grundsätzlich unterstütze die Bolivienhilfe lediglich Aktionen, die sie sich vorab vor Ort angesehen habe.

TBC-Station in Montero: Arzt ist gestorben

Ein Projekt, das der Berchinger Verein dagegen nicht mehr finanziert, ist die Tuberkulose-Station in Montero. Lungenfacharzt Ralf Mütterlein kümmerte sich aus Parsberg um die Einrichtung. Vor Ort betreute Tomas Gonzales die Patienten – bis er 2021 starb.

Damit ist auch die TBC-Station für die Bolivienhilfe gestorben. „Denn ohne eigenen Arzt vor Ort haben wir keine Chance“, sagt Neumeier, dem wie anderen Mitgliedern deshalb das Herz geblutet habe. Denn das Projekt sei etwas Besonderes gewesen, weil es ein vereinseigenes war. „Das war unser Gebäude, wir haben dort alles finanziert“, sagt Neumeier, der mittlerweile keine Hoffnung mehr hat, dieses Projekt wieder aufleben zu lassen.

Bolivienhilfe Berching feiert Fiesta Boliviana in Kulturhalle

Trotz dieses Nackenschlags gibt es heuer etwas zu feiern: 30Jahre Bolivienhilfe Berching. Das Jubiläum wird mit einer „Fiesta Boliviana“ am 21. September in der Kulturhalle begangen. Jeder ist eingeladen, der Eintritt ist frei. Essen (unter anderem bolivianische Empanadas) und Trinken steht bereit. Zwei Gruppen sollen zudem für bolivianische Klänge und Tänze sorgen.

Zuvor veranstaltet die Bolivienhilfe am 13.April den ersten Secondhand-Trachtenmarkt in der Europahalle.

Und dann? Wie soll es nach dem Jubiläumsjahr für die Bolivienhilfe weitergehen? Pfarrkurat Klaus Gruber lacht: „Uns wird die Arbeit nie ausgehen.“

Das ist die Bolivienhilfe Berching

Name: Der Verein nennt sich Bolivienhilfe (P. Luis Espinal). Namensgeber Espinal war Jesuitenpater und wurde 1980 ermordet am Straßenrand aufgefunden. Sein Einsatz für die Armen und Unterdrückten ist dem Verein ein Vorbild.

Größe: 1994 gegründet zählt der Verein heute circa 500 Mitglieder – verteilt in Bayern, Baden-Württemberg, Sachsen-Anhalt und Nordrhein-Westfalen.

Hilfe: Wer den Verein unterstützen will, kann spenden oder Mitglied werden. Schüler und Studenten zahlen für eine Mitgliedschaft 15 Euro/Jahr, Erwachsene 25 Euro. Eine Familienmitgliedschaft kostet 30 Euro im Jahr.

Kosten: Die Mitglieder des Vereins arbeiten ehrenamtlich. So kann der Verein nach eigenen Angaben den Verwaltungskostenanteil unter einem Prozent halten. Die Projekte vor Ort kontrolliert Reynaldo Salinas.

Hans Pollinger (3.v.l. hinten) und Matthias Neumeier (r.) besuchten die TBC-Station in Montero. Mittlerweile betreibt die Bolivienhilfe Berching die Station nicht mehr, weil Tomas Gonzales (vorne, mit Brille) gestorben ist. Foto: Neumeier
Ein Teil des Teams der Bolivienhilfe Berching (v.l.): Matthias und Sandra Neumeier, Klaus Gruber, Hans und Rosa Dintenfelder sowie Gerlinde Delacroix Foto: Neumayer
Schüler der Schule Kusikuna in Cochabamba werden von der Bolivienhilfe Berching unterstützt. Foto: Neumeier