Viel mehr Unfälle unter Alkohol oder Drogen: Die Verkehrsstatistik wird Konsequenzen haben

Von Christina Hainzinger-Feigl · 21. März 2024 um 19:00

Blickt Polizeichef Christian Pongratz auf die Zahl der Alkohol- und Drogenunfälle, spricht er vom „traurigsten Punkt“ der Verkehrsstatistik 2023. Im vergangenen Jahr gab es 18 Unfälle im Bereich der Polizeiinspektion (PI) Bad Kötzting, bei denen der Fahrer zuvor Alkohol, Drogen oder beides zusammen konsumiert hatte. 2022 waren es noch sieben Unfälle unter Alkohol- und einer unter Drogeneinwirkung gewesen. „Darauf müssen und werden wir reagieren“, kündigt Pongratz an – mit verstärkten Kontrollen „zur Unzeit und an Örtlichkeiten, an denen niemand damit rechnet“. Zusammen mit dem Verkehrsbeauftragten der PI, Martin Wanninger, stellte er die Verkehrsstatistik vor.

Der Blick auf die nüchterne Zahl würde gar nicht mal so negativ stimmen. Im vergangenen Jahr gab es 781 Unfälle, zwölf Unfälle mehr als ein Jahr zuvor – ein bei weitem geringerer Anstieg als im Landkreis- oder Bayernvergleich (siehe Textende). Auch wenn natürlich jeder Unfall mehr einer zu viel sei, betonen Wanninger und Pongratz. Der Unfall mit den schlimmsten Folgen ereignete sich am 8. Juli 2023, als im Waldgebiet zwischen Ramsried und Haus zwei Pkw frontal zusammenstießen. Die Fahrerin des einen Pkw starb noch an der Unfallstelle, der Fahrer des anderen Wagens drei Tage später im Krankenhaus.

Die häufigsten Unfallursachen: ungenügender Sicherheitsabstand (149) – dazu zählen auch die „Parkplatzrempler“; Fehler beim Abbiegen/Wenden/Rückwährtsfahren/Ein- und Anfahren (103); falsche Straßenbenutzung (Missachtung des Rechtsfahrgebots, 50); Nichtbeachten der Vorfahrt/des Vorrangs (36); Geschwindigkeitsunfälle (30); Fehler beim Überholen (22).

A propos Geschwindigkeit: Rund 156 Stunden kam die Laserpistole der PI Bad Kötzting zum Einsatz, die Folge: 238 Geschwindigkeitsverstöße, wovon 63 Fahrer verwarnt wurden und 18 ein Fahrverbot bekamen (Spitzenreiter: 135 km/h bei erlaubten 70 km/h auf Höhe Kettersdorf).

Keine „Problemgruppe“

Dass Unfallbeteiligte, die älter als 65 Jahre sind, eine „Problemgruppe“ darstellten, widerlegt die Statistik, sagt Martin Wanninger. Ein echtes Problem sind da eher die sogenannten Handy-Verstöße, also die Benutzung elektronischer Geräte. Vor allem das Rumtippen auf dem Handy sei gefährlich. 2023 gab es in diesem Bereich 148 Anzeigen (2022: 116).

Dann listet Christian Pongratz einen Unfall nach dem anderen auf, bei dem Alkohol und/oder Drogen im Spiel waren. Spitzenreiter der alkoholisierten Unfallfahrer ist ein Mann in Rimbach, der sich trotz 3,12 Promille noch hinters Steuer seines Wagens gesetzt hatte. Andere Fahrer fuhren mit 1,44, 1,74, 1,8, 2,03 oder 2,07 Promille noch Auto. „Das sind immens hohe Promille-Werte; das geht weit über die Fahruntüchtigkeit hinaus“, sagt Kötztings Polizeichef.

Insgesamt waren es 15 Unfallfahrer, die zu tief ins Glas geschaut hatten, zwei hatten Drogen genommen. Und: Ein 29-Jähriger hatte 1,02 Promille im Blut sowie Speed und ein Betäubungsmittel konsumiert.

Den Schlüssel abgenommen

Dazu kommen 54 Fahrer, die keinen Unfall bauten, aber bei einer Kontrolle Alkohol im Blut hatten (Spitzenwert: 2,07 Promille). 20 Drogenfahrten (13 Mal Cannabis, sieben Mal Speed/Crystal) blieben folgenlos. Spitzenreiter hier: eine 48-Jährige mit einer Mischung aus 69 Nanogramm Speed und 625 Nanogramm Crystal im Blut – vergleichbar mit etwa vier Promille Alkohol. 19 Trunkenheitsfahrten verhinderten die Beamten, indem sie dem Fahrer etwa die Autoschlüssel abnahmen – die am nächsten Tag bei der Polizei wieder abgeholt werden können. Außerdem wird ein „Trunkschreiben“ verschickt, in dem unter anderem die Konsequenzen einer Trunkenheitsfahrt aufgezeigt werden. Das alles stimmt Christian Pongratz nachdenklich – auch angesichts des Dunkelfelds an Trunkenheitsfahrten und wegen der Cannabis-Legalisierung. Letzteres werde leichter verfügbar und sei gesellschaftlich akzeptierter. Die „Gefährdungssituationen werden häufiger; in punkto Verkehrssicherheit blicke ich nicht so positiv in die Zukunft.“

Zahlen, Daten, Fakten

Bayernweiter Vergleich

PI Bad Kötzting: Verkehrsunfälle 2023: 781 (2022: 769) – Anstieg um 1,56 Prozent; Landkreis Cham: Verkehrsunfälle 2023: 4143 (3882) – Anstieg um 6,72 Prozent; Oberpfalz: Verkehrsunfälle 2023: 35888 (34828) – Anstieg um drei Prozent; Bayern: Verkehrsunfälle 2023: 388817 (375500) – Anstieg um 3,5 Prozent

Unfallgeschehen: Verkehrsunfälle gesamt 781 (2022: 769); Unfälle mit Personenschaden 102 (2022: 89), davon zwei tödlich verletzte Personen (2022: 1), 26 Schwerverletzte (2022: 19), 135 Leichtverletzte (2022: 108); Unfälle mit Sachschaden: 679 (2022: 680), davon 518 Kleinunfälle (2022: 519); Unfälle mit Unfallflucht: 125 (2022: 122), davon geklärt: 52 (45); Alkohol-/Drogenunfälle: 18 (2022: 8); Schulwegunfälle: 1; Wildunfälle: 295 (2022: 329 - 2021: 373)