Uralt-Fall in Regensburg aufgeklärt: Colaflasche führt nach Jahrzehnten zum Täter

Am 17. März wäre in Regensburg ein Raub von 2004 verjährt. Doch stattdessen sollen zwei Männer vor Gericht – zu einem führten eine DNA-Spur und fünf Gramm Heroin. Das LKA erklärt, wie die Datenbank für genetischen Fingerabdrücke funktioniert.
Kommissar DNA ist bei der Kripo nicht mehr wegzudenken. Genetische Fingerabdrücke von 14,3 Millionen Menschen finden sich EU-weit in Datenbanken und werden mit alten wie neuen Tatortspuren abgeglichen – vollautomatisch, rund um die Uhr. Das sorgt immer wieder für spektakuläre Durchbrüche wie im Schneestangen-Mord im Landkreis Regen, wo Annette K.s Mörder 15 Jahre nach der Tat in Patersdorf gefasst wurde. Auch im Fall Rudolph Moshammer oder beim Kelheimer Joggerinnenmord waren es genetische Fingerabdrucke, die zu den Tätern führten. Genau das gelang nun auch in Regensburg.
Tatort in der Altstadt
Eine quasi uralte DNA-Spur hat den Ermittlern einen späten Ermittlungserfolg beschert. Fast zwei Jahrzehnte nach einem Raubüberfall auf eine Spielhalle führte der genetische Fingerabdruck an einer Colaflasche zu einem heute 39-Jährigen. Tatort war damals die Erhardigasse in der Altstadt. In der U-Haft verriet der Mann dann auch seine Komplizen. Demnächst soll dieser Fall vor dem Regensburger Landgericht aufgerollt werden.
Am 16. März 2004 soll ein Trio die einst bekannte Spielhalle überfallen haben, um an Bargeld zu kommen. Die Kriminalpolizei rekonstruierte das am Ende so: Ein damals 19-Jähriger orderte bei einer Angestellten eine Cola und setzte sich an einen Automaten. Als die Frau das bestellte Getränk servierte, griff sie ein Maskierter aus dem Nichts an und schlug sie brutal zu Boden. Ein weiterer Mann soll während der Tat vor der Spielhalle Schmiere gestanden haben.
Mit 400 Euro Beute und einem Schlüsselbund geflüchtet
Die Täter erbeuteten an jenem Dienstag vor fast 20 Jahren lediglich 400 Euro in bar sowie einen Schlüsselbund der Angestellten. Die geschockte und auch verletzte Frau ließen die Männer in der Spielhalle zurück – gefesselt mit Schnürsenkeln, die sie wohl selbst mitgebracht hatten. Nach dem Coup verschwanden die Täter im Dunkel der Nacht und blieben für mehr als 18 Jahre unbekannt. Tatverdächtige ließen sich nicht ermitteln, noch im selben Jahr wurden die Ermittlungen der Regensburger Kripo deshalb eingestellt.
Gesicherte Spuren solcher Taten werden aber dauerhaft gespeichert, wie das Landeskriminalamt Bayern bestätigt. Deutschlandweit sind aktuell rund 1,18 Millionen Personen- und Spurendatensätze in der sogenannten DAD, der DNA-Analysedatei, abgespeichert. Neben allen Landeskriminalämtern speisen hier auch Zoll, Bundespolizei und BKA ihre Daten ein. Das LKA in München verwaltet davon etwas mehr als ein Fünftel – 186 000 genetische Fingerabdrücke von Personen und dazu 73 000 Spuren, die Ermittler an Tatorten gesichert haben.
DNA-Spuren werden europaweit abgeglichen – vollautomatisch
Was nur die wenigsten wissen: Die deutschen Daten werden mit denen aus 26 Ländern Europas abgeglichen – „automatisiert, 24 Stunden an sieben Tagen pro Woche“, wie LKA-Sprecher Fabian Puchelt sagt. Heißt: Jedes neu erfasste DNA-Identifizierungsmuster, wie Experten die genetischen Fingerabdrücke nennen, wird mit dem gesamten EU-Datenbestand von rund 14,3 Millionen Personenspuren dauerhaft geprüft.
Seit 1998 ist das System in Deutschland in Betrieb, wurde kontinuierlich ausgebaut und bringt immer wieder Erfolge: Mehr als 410 000 Treffer gab es seither, „mehr als 300 000 Spurenverursacher wurden so identifiziert“, so Puchelt. Immer weiter entwickelte Möglichkeiten der DNA-Analytik mache die DAD „zu einem unverzichtbaren Werkzeug der polizeilichen Kriminalitätsbekämpfung“.
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So gelang auch in Regensburg der Durchbruch in dem lange zurückliegenden Raubüberfall – zu einem Zeitpunkt, als selbst die Akten der Staatsanwaltschaft längst vernichtet waren. Fahnder hatten 2022 wegen Drogenhandels die Wohnung eines Mannes durchsucht und seine DNA genommen. Fünf Gramm Heroin führten damit auf die Spur des heute 39-Jährigen, wie Oberstaatsanwalt Thomas Rauscher auf Nachfrage bestätigte. Das Amtsgericht erließ nach dem Treffer in der Datenbank umgehend einen Haftbefehl.
39-Jähriger aus Regensburg bestreitet jegliche Tatbeteiligung
Der Deutsche musste nur wenige Monate vor Eintritt der Verjährung in U-Haft, packte dort aber später aus: Er gab die Namen beider Mittäter preis, bestritt eine eigene Mitwirkung an der Gewalttat aber, hieß es. Aufklären lassen wird sich das wohl erst im Prozess. Strafverteidiger Johannes Büttner, der neue Anwalt des Mannes, dessen DNA an der Colaflasche die Aufklärung brachte, wollte sich zu Details nicht äußern. Nur so viel: „Mein Mandant bestreitet jede Beteiligung an dem Vorfall.“ Fraglich sei für ihn auch, was das wahrscheinlich anzuwendende Jugendstrafrecht „20 Jahre nach einer Tat bei einem nun fast 40-Jährigen bringen überhaupt soll“.
Anklage hatte die Staatsanwaltschaft zum Landgericht in Regensburg erhoben. Doch für den brutalen Raub werden sich lediglich der 39-Jährige und ein fünf Jahre älterer Iraker verantworten müssen – ein dritter Verdächtiger, der im März 2004 vor der Spielhalle Schmiere gestanden haben soll, ist verstorben, bevor die DNA-Spur den mutmaßlichen Komplizen überführte.
Wann der Prozess vor der Großen Jugendkammer startet, konnte Landgerichtssprecherin Ruth Koller auf Anfrage noch nicht sagen. Dort müssen sich die beiden Beschuldigten nämlich verantworten, weil der Mann, dessen DNA auf der Colaflasche gefunden wurde, damals erst 18 Jahre war.
Der Goldraub von Manching und die Spur am Werkzeuge
Auch in Oberbayern sorgte DNA für den Durchbruch in einem der spektakulärsten Kriminalfälle der letzten Jahre. Die Rede ist vom Raub des Kelten-Goldschatzes von Manching: Im November 2022 stahlen Unbekannte bei einem Coup im Kelten- und Römermuseum in Oberbayern einen mehr als 2000 Jahre alten Goldschatz. Im Juli vergangenen Jahres klickten dann die Handschellen für vier Männer.
Am Tatort hatten Ermittler des Landeskriminalamts eine DNA-Spur gefunden, die in der Datenbank war, wie Oberstaatsanwältin Veronika Grieser bestätigte. Der genetische Fingerabdruck führte laut der Sprecherin der Staatsanwaltschaft in Ingolstadt zu einem Spur-Spur-Treffer beim DNA-Abgleich. Damit war offenbar schon sehr früh klar, dass die Einbrecher echte Profis gewesen sein dürften.
Diese DNA-Spur ei dann einem der vier Tatverdächtigen zugeordnet worden, der sich seit Juli in U-Haft befindet. Aktuell werden die vier Festgenommenen mit mehr als 20 weiteren Einbrüchen in ganz Deutschland sowie in Österreich in Verbindung gebracht. Dabei sollen in Tankstellen und auch Supermärkten Tresore und Geldautomaten aufgebrochen worden sein.