Drogen-Labor in Regensburg: War flüchtiger 48-Jähriger der wahre Captagon-Boss?

Im Prozess um Deutschlands größtes Drogen-Labor in Regensburg belastet ein 31-Jähriger den eigenen Vater. Der Mann lebte im Landkreis Schwandorf und soll ein Big-Player im internationalen Captagon-Schmuggel gewesen sein.
Ist Ermittlern ein ganz großer Fisch im internationalen Drogenschmuggel durch die Lappen gegangen? Im Prozess um das „bislang größte Drogen-Labor für Captagon“, das vor acht Monaten in Regensburg gefunden wurde, hat auch der zweite Angeklagte gestanden – und seinen flüchtigen Vater mit dem Geständnis vor dem Landgericht in Ellwangen belastet.
Abgehörte Telefonate gewährten am dritten Prozesstag tiefe Einblicke in die Ermittlungen des Bundeskriminalamts (BKA). Nach weniger als drei Wochen ordnete die Staatsanwaltschaft jedoch den Zugriff an. Offenbar viel wohl zu früh – der mutmaßliche Boss des Rauschgift-Labors war gerade auf Reisen. Die Gründe für die nächtliche Eil-Razzia blieben vor Gericht etwas vage.
Die Nachricht machte 2023 in ganz Deutschland Schlagzeilen: Erstmals hoben Fahnder eine Produktionsstätte der sogenannten Terrordroge Captagon aus. Spezialkräfte des bayerischen Landeskriminalamts stürmten am 3. Juli die Hinterhof-Werkstatt im Norden von Regensburg. Die Produktion der gelblich-weißen Tabletten lief da gerade auf Hochtouren.
Mehr als 300 Kilo Captagon stellten die Fahnder hier und in einem Wohnhaus mitten in Bruck (Lkr. Schwandorf) sicher. Zudem beschlagnahmten die Behörden bei weiteren Durchsuchungen in Niedersachsen die nötigen Grundstoffe für weitere drei Tonnen der Amphetamin-Tabletten – das wäre Rauschgift im Wert von mehreren Hundert Millionen Euro.
Die Droge ist in Deutschland nahezu unbekannt, beschert Schmugglern aber Milliardenumsätze, wie Recherchen der Mediengruppe Bayern mit dem BR, MDR, SWR, RBB und der F.A.Z. zeigen. Das wegen seiner starken Nebenwirkungen hierzulande seit Jahrzehnten verbotene ADHS-Medikament wird vor allem im Nahen Osten intensiv konsumiert. Weil Container aus Europa in Saudi-Arabien kaum kontrolliert werden, hat sich Deutschland zuletzt immer mehr zum Transitland im internationalen Drogenhandel entwickelt. Von den enormen Gewinnen profitiert wohl vor allem das Assad-Regime in Syrien.
Sohn des Drogen-Bosses aus Regensburg wusste Bescheid
Von hier stammen auch die beiden Angeklagten, die an jenem Montagabend im Juli verhaftet wurden. Einer von ihnen wohnte in Regensburg und soll für seinen Vater (48) gearbeitet haben. Ihm war bewusst, dass sein Vater in der Autowerkstatt illegale Substanzen verarbeitete, um sie zu verkaufen, erklärte Strafverteidiger Burkhard Benecken für den 31-Jährigen am Freitag in Ellwangen. Vor dem Landgericht muss sich der junge Mann gemeinsam mit einem 52-Jährigen aus Heidenheim (Baden-Württemberg) wegen Drogenhandels im ganz großen Stil verantworten. Beide haben gestanden, wollen aber nur Helfershelfer des 48-jährigen Vaters gewesen sein.
Wie im Prozess jetzt bekannt wurde, soll der Vater des jüngeren Angeklagten seit Jahren in dem Geschäft tätig gewesen sein. Er hatte Deutschland kurz vor dem Zugriff verlassen und ist auf der Flucht. Sein ältester Sohn habe nur auf dessen Anweisung gehandelt, so Anwalt Benecken, er sei weder in Planung noch die Beschaffung involviert gewesen. „Mein Mandant leistete Beihilfe zur Herstellung der Tabletten“, betonte der Jurist. Das Verhalten seines Vaters habe er nicht für gut befunden, sei finanziell aber von diesem abhängig gewesen.
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Auch der 52-jährige Mitangeklagte des Regensburgers hatte das am ersten Prozesstag ähnlich erklären lassen. Er habe den flüchtigen Geschäftsmann erst zu Jahresbeginn 2023 kennengelernt und sollte bei der Produktion helfen, erklärte Strafverteidiger Markus Bessler. Die wahren Hintermänner, mit denen nur der Mieter der Werkstatt zu tun hatte, habe er jedoch nie kennengelernt. Er habe zudem nur mitgemacht, um seine eigene Sucht zu finanzieren. Der 52-Jährige will selbst Captagon genommen haben.
Dass der flüchtige 48-Jährige der Kopf hinter dem Drogen-Labor ist, scheint nicht abwegig. Dafür sprechen auch Telefonate, die vor Gericht verlesen wurden. Demnach war der flüchtige Syrer weltweit unterwegs – beispielsweise, um in den Niederlanden eine Tablettiermaschine zu kaufen. Da hörte das BKA aber längst die Telefone ab. Nach weniger als drei Wochen nach dem Hinweis auf die Produktion griffen sie bereits zu. Dabei stellten die Fahnder auch Frachtpapiere aus dem Jahr 2022 sicher, die darauf hindeuten, dass es bereits frühere Lieferungen nach Saudi-Arabien gab.
Der ungewöhnlich frühe Zeitpunkt der Razzia des Bundeskriminalamts warf vor Gericht Fragen auf. Die Ermittler wussten laut Anwalt Bessler, dass der 48-Jährige nur vorläufig das Land verlassen hatte – er war auf der Hadsch, eine islamische Pilgerreise. Wie der Sachbearbeiter des Bundeskriminalamts sagte, sei der Zugriff auf Eilanordnung der Staatsanwaltschaft erfolgt. Anklagevertreter Jürgen Herrmann erklärte, man sei „todtraurig“, den 48-Jährigen nicht gekriegt zu haben. Man habe aber kein Risiko eingehen wollen, eine leere Werkstatt zu finden.
Urteil zum Drogen-Labor in Regensburg für 18. März erwartet
Das Landgericht in Ellwangen will die Beweisaufnahme am 15. März schließen und bereits die Plädoyers des Staatsanwaltes und der fünf Verteidger hören. Das Urteil will die zweite Strafkammer bereits drei Tage später, am 18. März, verkünden. Ob der 31-Jährige aus Regensburg nur der Beihilfe schuldig ist, wird sich dann zeigen. Eine mögliche Aufhebung des Haftbefehls, die dessen Anwalt angeregt hatte, werde man prüfen, so der Vorsitzende Richter.

