Das Ortsbild ändert sich: Das ehemalige Gasthaus Vogl in Bernried ist seit Mittwoch Geschichte

Von Stefanie Bauer · 6. März 2024 um 19:00

Am frühen Mittwochmorgen haben ein paar „auswärtige“ Autofahrer noch die Gelegenheit genutzt und sich durch die eigentlich schon gesperrte Bernrieder Ortsdurchfahrt gestohlen. Als der Abrissbagger am Werk ist, traut sich keiner mehr.

Es dauert keine zwei Minuten, und die ersten Teile fallen vom Dach des ehemaligen Gasthauses Vogl zu Boden. Das Haus an der Hauptstraße, das das Ortsbild weit über 100 Jahre geprägt hat, wird Stück für Stück abgetragen, damit der gesamte Ort mit der neuen Ortsdurchfahrt aufgewertet werden kann. Dieses Haus war aber nicht nur eine Gastwirtschaft – es ist auch Peter Vogls Elternhaus. Bis 2015 hat er im ersten Stock gewohnt, einige Jahre mit seiner Frau Sabine, bevor sie direkt nebenan neu gebaut haben.

Wann das Gasthaus erbaut worden ist, das kann nicht einmal Peter Vogls Tante Anna Heinz genau sagen, die ebenfalls an der Hauptstraße wohnt und bald ihren 90. Geburtstag feiern darf. Auch sie ist dort aufgewachsen und weiß noch, dass das Haus früher ihren Großeltern gehörte, wohl damals auch schon eine kleine Gastwirtschaft war und den Namen Baumer trug.

Ganze Busse aus Berlin

Anna Heinz‘ Mutter Kreszenz Baumer heiratete Josef Vogl aus Niederpremeischl, dieser zog nach Bernried, und das Gasthaus bekam im Jahr 1903 seinen neuen Namen. Das Paar hatte sechs Kinder. Als Josef Vogl mit nur 49 Jahren verstarb, führte seine Frau das Gasthaus, bis einer der Söhne, der ebenfalls Josef hieß, dieses mit 22 Jahren gemeinsam mit seiner Frau Franziska übernahm.

Früher, erzählt Peter Vogl, hatten seine Eltern neben dem Gasthaus noch eine Landwirtschaft und eine Metzgerei mit einem kleinen Laden. Die Landwirtschaft gaben sie schließlich auf, um sich dem Fremdenverkehr widmen zu können. 1968/69 bauten sie um, es entstanden erste Zimmer für Urlaubsgäste, und 1971 ein zweites Mal. Diesmal wurden neue Fremdenzimmer auf dem Dachboden geschaffen, jedes mit einer eigenen Dusche – etwas sehr Innovatives zu dieser Zeit. Und die Urlaubsgäste waren begeistert: Aus Berlin kamen ganze Busse mit 60 Leuten nach Bernried, die Gäste sind drei Wochen geblieben und immer wieder gekommen, weil es ihnen so gut gefallen hat – einige zog es 25 Jahre lang hierher. Sein Vater Josef, erzählt Peter Vogl, war es auch, der mit der Festküche begonnen hat. Übernommen hat diese sein Bruder, der in dritter Generation ebenfalls Josef heißt, und noch immer alljährlich die Gäste auf dem Rötzer Heimatfest bestens versorgt.

Vor allem als Vereinsheim des SV Bernried ist Peter Vogl das Gasthaus in Erinnerung geblieben. Mindestens 50 Pokale der Fußballer waren im Gasthaus ausgestellt, weiß er noch. Die Jugend aus dem Dorf war immer gut vertreten, es gab einen Kicker, einen Billardtisch und einen Flipper, außerdem wurde viel und bis in die Nacht hinein Karten gespielt.

„Im Wirtshaus war immer etwas los“, sagt auch Anna Heinz. Als es den Tanzboden im ersten Stock noch gab, hatte man alle 14 Tage Musik, und auch Hochzeiten mit 80 oder 100 Leuten. Erst als der Saal den Fremdenzimmern gewichen war, waren Hochzeitsfeiern aus Platzgründen nicht mehr möglich. Damals sei es üblich gewesen, nicht so viel zu Hochzeiten zu schenken wie heute, da die Gäste noch ein sogenanntes Mahlgeld bezahlen mussten und nur die Getränke frei waren, weiß die 89-Jährige, die immer noch – mittlerweile passives – Mitglied der Damenturnriege des Sportvereins ist.

„Es war ein gutes Wirtshaus“, fügt sie hinzu. Das Bier war von der Brauerei Erhardt in Schönthal, die es heute nicht mehr gibt. Zu essen gab es Presssack, Leber- und Blutwürste aus der Metzgerei. Auch als Kinder mussten sie schon beim Schlachten mithelfen. Mittags und abends wurde dann auch oft richtig ausgekocht. Bei der Kirwa gab es immer etwas besonders Gutes, gerne Fisch.

Die Lebensmittel wurden im Eiskeller gelagert, der schon seit einigen Jahren weggerissen ist. Schon die Kinder holten im Winter das Eis aus dem Weiher und luden es auf den Wagen. Mit Holzschlegeln ausgerüstet zerschlugen sie die Platten, die für die Kühlung der Lebensmittel benötigt wurden.

Versammlungen nicht nur des SV, auch der Bernrieder Feuerwehr, außerdem Feiern zu Geburtstagen, Kommunionen sowie Weihnachten und Trauermahle fanden nach dem Umbau weiterhin im Gasthaus statt.

Gasthaus bis 2015 geöffnet

Wenn es auch keine Hochzeitsfeiern mehr gab, das Brautstehlen gab es noch lange: Als Peter und Sabine Vogl 2013 geheiratet haben, fand die kirchliche Trauung in der Filialkirche Bernried statt, die standesamtliche in Rötz und die Feier im Fürstenkasten. Zum Brautstehlen war man daheim im Gasthaus Vogl.

2015 verstarb Josef Vogl senior mit 74 Jahren. Bis zuletzt hatte er sein Gasthaus betrieben, erzählt Peter Vogl. Er selbst, wie auch seine beiden Brüder Norbert und Josef, der die Festküche weiterführt, hatten andere berufliche Wege eingeschlagen, darum schloss das Gasthaus Vogl 2015 seine Türen und stand seither leer. Seine Mutter Franziska, die vor zwei Jahren verstarb, war noch ins neue Haus mit umgezogen.

Nun, da das Gasthaus abgerissen ist, schwingt dennoch viel Wehmut mit, sagt Peter Vogl. Immerhin hat er 42 Jahre seines Lebens darin gewohnt. Als Bürgermeister Dr. Stefan Spindler wegen der Dorferneuerung auf ihn zugekommen sei, war es für ihn trotzdem keine Frage, die Scheune auf der gegenüberliegenden Straßenseite wegreißen zu lassen und das Grundstück zur Verfügung zu stellen, sagt er.

Ohne diese Fläche wäre der Bau des neuen Gehsteigs entlang der Ortsdurchfahrt nicht möglich. Da die Scheune weichen musste, benötigte Peter Vogl allerdings eine neue Fläche für ein Lagergebäude – und diese entsteht nun auf dem Grundstück des alten Gasthauses. Ausgeräumt worden ist es schon vor ein paar Tagen, einige alte Marienbilder und Zeitungen hat das Ehepaar als Erinnerungen aufgehoben.

Trotz aller Wehmut: Auf das neue Bild, das nach dem Abschluss der Bauarbeiten für Bernried entstehen wird, freuen auch sie sich schon jetzt.

Sabine und Peter Vogl vor der Eingangstür des ehemaligen Gasthauses, mit dem sie viele Erinnerungen verbinden
Eine ungeöffnete Flasche Bier fand sich beim Ausräumen, die 45 Jahre alt sein dürfte.
Durch das über 120 Jahre alte Fenster sieht man am Morgen den Abrissbagger warten.
Die Scheune schräg gegenüber ist bereits im September 2023 weggerissen worden, um Platz für den Gehsteig zu schaffen.