Nach Wärme-Stopp in Wenzenbach: Kranke Kinder und Haarwäsche per Kochtopf

Teure Elektroheizungen, abenteuerliche Körperhygiene und kranken Kinder – damit müssen die Anwohner vom Roither Berg in Wenzenbach (Lkr. Regensburg) nach dem Wärmestopp klarkommen.
„Eigentlich wohnen wir wahnsinnig gern hier. Im Sommer fühlt man sich fast wie in einem Urlaubsort“, sagt der junge Hauseigentümer vom Roither Berg in Wenzenbach. Der Grund für sein einschränkendes „Eigentlich“ liegt auf der Hand: Momentan ist Winter – und dessen kalte Seite bekommen zahlreiche Bewohner des Neubaugebiets unangenehm zu spüren, seit die Energieversorgung Wenzenbach (EVW) am vorvergangenen Donnerstag die Wärmelieferung eingestellt hat.
Zusammen mit einem Nachbarn und einer Nachbarin sitzt der Hausherr am Freitagvormittag in seinem Wohnzimmer, das er momentan mit einem mobilen Elektro-Heizkörper einigermaßen warm hält. Drei Stück hat er davon angeschafft, jeder kostet knapp 300 Euro. Zum Treffen mit der MZ wollte eigentlich noch ein vierter Betroffener kommen, doch der scheut inzwischen den Gang an die Öffentlichkeit. Auch das verbliebene Trio ist vorsichtig, will lieber anonym bleiben und sich nur von hinten in Winterklamotten fotografieren lassen.
„Wir sind mittlerweile sehr eingeschüchtert. Man will ja nicht der nächste sein, der eine Anzeige kassiert und dann auch noch Prozesskosten zahlen muss“, erklärt der Hauseigentümer. Er weiß, mit welch harten Bandagen sich die EVW und ihre Kunden mitunter beharken, juristische Auseinandersetzungen stehen an der Tagesordnung. Eine solche will er sich sparen – nicht zuletzt deshalb, weil eine junge Familie mit laufender Baufinanzierung in der Regel kein Budget für derartige Zusatzausgaben hat.
Bislang „redliche Kunden“
Was die aktuelle Eskalation für die drei Nachbarn besonders grotesk macht: Sie haben ihre Häuser schlüsselfertig von einem Bauträger gekauft und waren lange Zeit der Auffassung, dass sich ihr Kontakt zur EVW auf Wärmebezug und das Leisten von Abschlagszahlungen beschränkt. „Klar haben wir mitbekommen, dass viele Hausbesitzer am Roither Berg im Clinch mit der EVW liegen. Doch wir haben gedacht, das betrifft uns nicht. Weil wir alle relevanten Verträge mit dem Bauträger abgeschlossen haben, sind wir davon ausgegangen, dass für uns alles passt“, erzählt ein Nachbar.
Gemäß dieser Annahme hätten sie auch dann großzügig darüber hinweggesehen, wenn sie die von der EVW ermittelte Höhe der Abschlagszahlung für nicht transparent hielten oder keine detaillierte Jahresabschlussrechnung bekamen. „Wir haben trotzdem immer alles bezahlt.“ Dieses Verhalten brachte den Nachbarn bei der EVW den Status „Redliche Kunden“ ein, in Abgrenzung zur streitlustigen Klientel. Doch als die EVW im Januar unvermittelt einen Baukosten-Zuschuss über 14000 Euro einforderte, war es vorbei damit – jetzt zahlten auch die langmütigen Bauträger-Schützlinge nicht mehr.
Unter der jetzt erfolgten Einstellung der Wärmeversorgung leiden sie zudem noch ein Stückchen anders: Sie verfügen über keine Heizschwerter, mittels derer sie vorübergehend Wärme erzeugen könnten. „Unser Bauträger hat uns zwar bestätigt, dass er der EVW im Jahr 2021 Heizstäbe für unsere Häuser überlassen hat. Die wurden aber nie eingebaut“, schildert der Hauseigentümer das zusätzliche Dilemma.
So muss er sich jetzt mit den bereits erwähnten mobilen Elektro-Heizkörpern behelfen. Bei der Körperhygiene wird’s bisweilen abenteuerlich, Haare waschen mit warmem Wasser aus dem Kochtopf haben die Nachbarn ebenso schon ausprobiert wie Duschen mit Thermoskannen. Praktikabler ist jedoch ein Warmwasser-Asyl bei Verwandten, Freunden oder in der Schulturnhalle.
„Wir sind Dusch-Nomaden“
„Wir sind zu Dusch-Nomaden geworden“, sagt der Nachbar, der diese Kuriosität aus zwei Gründen nicht mehr witzig finden kann: Erstens leiden die zahlreichen Kinder am Roither Berg besonders unter dem Wärme-Stopp, die Liste der Krankheiten reicht von der obligatorischen Erkältung über Bronchitis bis zum Verdacht auf Lungenentzündung.
Zweitens ist kein Ende der Misere abzusehen. Weil die Versorgung mit Fernwärme nicht reguliert ist, sind der Politik die Hände gebunden. Wer es sich daher (noch) leisten kann, wechselt die Technologie. „Nahezu täglich stellt am Roither Berg ein weiterer Hauseigentümer auf Luftwärmepumpe um“, beobachten die Nachbarn. Mit jedem „Abtrünnigen“ aber wird die bestehende EVW-Anlage weniger rentabel. „Das ist schade, weil wir grundsätzlich gern dabeibleiben würden. Aber leider ist derzeit im Hinblick auf eine tragfähige Lösung kein Land in Sicht.“