Warum Kinder von Sozialhilfeempfängern selbst wieder in der Stütze landen

Von Christian Eckl · 23. Februar 2024 um 16:49

Eine Studie der Wirtschaftswissenschaftlerin Regina Riphahn von der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg hat analysiert, dass Kinder von ALG-II-Empfängern selbst mit höherer Wahrscheinlichkeit wieder in der Stütze landen. Doch die Ergebnisse weichen ab vom Klischee, dass die Höhe von Hartz IV – heute Bürgergelds – ausschlaggebend für diesen Effekt sei. Die Forscherinnen sehen den Grund in mangelnder Bildung des Elternhauses – und damit auch der Kinder.

Das Thema Bürgergeld erzürnt derzeit die Gemüter. Die These der Kritiker lautet: Arbeit lohnt sich im Niedriglohnsektor nicht. Nicht direkt Bürgergeld, aber das Vorgängermodell Hartz IV untersuchte die Wirtschaftswissenschaftlerin Regina Riphahn zusammen mit Jennifer Feichtmayer – sie wollten wissen: ist der Bezug von Sozialhilfeleistungen vererbbar? Ihre Erkenntnisse sind verblüffend – machen aber auch klar: Reformen sollten an einer anderen Stelle ansetzen.

„Aussagen über das erst kürzlich eingeführte Bürgergeld können aufgrund unserer Daten nicht getroffen werden“, sagt die Wissenschaftlerin. Untersucht habe man aber junge Menschen zwischen 25 und 29 Jahren von 1996 bis ins Jahr 2017, die selbst Sozialleistungen bezogen und deren Eltern bereits im Sozialleistungsbezug waren. An Langzeitdaten zu kommen, sei nicht leicht, denn die jeweiligen Familien müssten über lange Zeiträume hinweg durch Befragungen beobachtet werden. Dennoch sei die Arbeit aussagekräftig bezüglich der Gründe, die im Kern dazu führen, dass der Bezug von Sozialleistungen von einer Generation in der nächsten fortgeführt wird.

Das Hartz-IV-System war relativ komfortabel

Riphahn und die Mitautorin identifizierten eben nicht Gründe, die im System liegen. Dabei erkennen sie an, dass bereits das Bürgergeld-Vorgängermodell, das im Volksmund als Hartz IV bezeichnet wurde, relativ komfortabel war wenn sie schreiben: Deutschland liege im Hinblick auf die Ausgestaltung des Wohlfahrtsstaats zwischen den skandinavischen Ländern auf der einen Seite, die für ihren ausgeprägten Sozialstaat bekannt sind, und den USA auf der anderen Seite. „Deutschland hat deutlich niedrigere Armutsquoten nach Steuern und Transfers als in den USA, aber höhere als in Schweden“, zitieren die Studienmacher andere Untersuchungen. Während das deutsche Wohlfahrtssystem vor Armut vergleichsweise gut schütze, „wissen wir noch nicht, ob dieses relativ großzügige System auch in einer intergenerativen Perspektive erfolgreich ist“, heißt es weiter, und ob es die nächste Generation vor „vererbter Abhängigkeit schützt“. Genau das war die Forschungsfrage der Untersuchung..

Die Ergebnisse beschreiben die Forscherinnen aber als deutlich: „Wir finden starke positive Korrelationen zwischen dem elterlichen und dem eigenen Sozialhilfebezug“, heißt es in dem Beitrag. Die Ergebnisse deuten allerdings darauf hin, „dass die starke intergenerationale Korrelation des Sozialhilfebezugs durch den familiären Hintergrund und nicht durch die Erfahrung des elterlichen Sozialhilfebezugs bestimmt wird“.

Der Zweck solcher Wohlfahrtsprogramme sei es, Haushalte aus den dringendsten wirtschaftlichen Schwierigkeiten zu befreien und die nächste Generation zu schützen. Zur gesellschaftspolitisch wichtigen Frage, wie sich der Sozialleistungsbezug eigentlich entwickelt, ordnen die Autorinnen die Funktionsweise der Sozialleistungsprogramme wie Hartz IV ein: „Wenn jedoch Sozialhilfeprogramme dazu führen, dass der Bezug von Sozialhilfe von Generation zu Generation weitergegeben wird, dann funktionieren diese Programme nicht richtig für die jungen Menschen. Stattdessen verursachen sie negative externe Effekte und schaden der nächsten Generation.“ Kern des Ergebnisses: Nicht das System selbst sorgte dafür, dass Sozialhilfebezug in gewissem Umfang vererbbar war. „Wir haben keinen Beleg dafür gefunden, dass das System dazu führt, dass die Kinder im ALG-II-Bezug bleiben.“ Vielmehr seien die Eltern häufig selbst bildungsfern. „Die Kinder haben schlechtere Ausgangspositionen, eine höherwertige Ausbildung zu erhalten.“ Bildung aber sei der Schlüssel zum sozialen Aufstieg, sagt Riphahn.

Vergleichende Zahlen unter den Bundesländern zum Vergleich der Bildungssysteme gebe es übrigens kaum. „Das wird explizit in Deutschland nicht gewünscht“, sagte die Forscherin. Herausgefunden haben die Forscher, dass junge Frauen etwas häufiger selbst in die Sozialhilfe rutschen als junge Männer, wenn die Eltern oder ein Elternteil selbst betroffen war. Übrigens ergab sich kein Unterschied, falls die Väter oder die Mütter Sozialhilfe bezogen haben, heißt es in der Studie.