„Klima muss sich lohnen“: Experte verblüfft in Regensburg mit provokanten Aussagen

Von Christian Eckl · 26. Januar 2024 um 14:28

Der Referent hatte eine provokante Frage im Gepäck: „Klima muss sich lohnen. Ökonomische Vernunft für ein gutes Gewissen?“, so lautete die Frage. Es ist auch der Titel eines Buches, das Achim Wambach veröffentlicht hat. An der Universität Regensburg verblüffte der Wirtschaftswissenschaftler am Mittwochabend seine Zuhörer.

Wambach ist Präsident des Zentrums für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW). Er berät die Bundesregierung und hat in Oxford in Physik promoviert, bevor er auf mehrere Lehrstühle als Wirtschaftswissenschaftler berufen wurde. Am Mittwochabend war er zu Gast an der Universität Regensburg und referierte auf Einladung des Vereins Roots Lecture über sein Buch.

Landwirtschaft „ein echtes Sorgenkind“

„Wir sehen harte Kämpfe in der Politik“, sagte Wambach gleich zu Beginn seines Vortrags. Die Gesellschaft ringt um Lösungen und darum, wie der Klimawandel bekämpft und wer dafür zahlen muss. Seine Diagnose des Moments: „Die Industrie hat echte Baustellen wie etwa die Elektromobilität.“ Die Autoindustrie ist das Rückgrat der deutschen Wirtschaft. Überholen uns die Chinesen oder der US-Investor Elon Musk mit seinen Teslas, dann geht das zulasten unseres Wohlstands. Dass die Europäer aber anders als die Amerikaner schon einen marktwirtschaftlichen Weg gefunden haben, das erläuterte Wambach eindrücklich.

Denn in Europa gibt es den Zertifikatehandel. In diesem sind bereits Sektoren wie Flugverkehr, Energiegewinnung und auch die Industrieproduktion organisiert – etwa 40 Prozent der CO2-Emissionen in der EU. Noch nicht erfasst sind die Sektoren Gebäudebau, der Individualverkehr und die Landwirtschaft, „ein echtes Sorgenkind“, wie Wambach anmerkte. Denn ein erheblicher Anteil der Emissionen komme aus dem Sektor. „Wenn wir Verschmutzung teurer machen“, so Wambachs Erläuterung, „dann wird sauberes Verhalten billiger“.

Und der Wissenschaftler erläuterte auch manche Zusammenhänge, die landläufig wenig bekannt sind. Seine provokante Aussage: „Wenn ich innereuropäisch oder innerdeutsch fliege, dann verhalte ich mich nicht umweltschädlich.“ Denn der Flugverkehr in Europa sei vom Zertifikatehandel erfasst. Wer fliegt, zahlt dafür – die Summe der Zertifikate wird geringer und andere Akteure auf dem Markt können dadurch weniger klimaschädlich produzieren oder konsumieren.

Zwei Appelle im Gepäck

Wambach erläuterte auch den Wasserbetteffekt. Und der geht so: Umso mehr Menschen sich in der Region eine Solaranlage aufs Dach setzen und sich damit eigentlich klimaschonend verhalten, desto mehr Zertifikate bleiben für umweltbelastende Produktion übrig. „Wenn Sie sich also eine Solaranlage aufs Dach setzen“, so Wambachs provokante Aussage, „dann tun sie das nicht für den Klimaschutz, sie sollten es aus wirtschaftlichen Gründen machen“ – die Solaranlage auf dem Dach lohnt sich. Ob die Tomate, die im Gewächshaus in Deutschland produziert wurde, tatsächlich klimaschonender ist als die in Spanien gewachsene, auch das hinterfragte der Wissenschaftler. Eine weitere Erkenntnis: Europa hat es geschafft, durch den Zertifikatehandel das Wachstum des Bruttoinlandsprodukts zu entkoppeln von den CO2-Emissionen. Die weltweiten Probleme entstehen in Indien, China und anderen asiatischen Ländern.

Wambach hatte zwei Appelle für das erstaunte Publikum dabei: „Innovationen“, so sein Credo, dorthin sollte das Geld für den Klimaschutz fließen. Und bei Produkten aus China sollten sich die Europäer überlegen, wie sie die Produkte dann teurer machen, wenn sie CO2-intensiv produziert werden. „Wenn der Klimaschutz nur ein europäisches Problem wäre, dann hätten wir ihn längst im Griff“, so seine These.

Armin Wambach ist Präsident des Zentrums für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW)