Mehr als 90 Prozent fossile Energie: Wie weit hinten ist Regensburg beim Klimaschutz?

Von Juliana Ried · 25. Januar 2024 um 10:00

Ein Bericht der Regensburger Energieagentur zeigt: In der Stadt werden viel zu wenig Ökostrom und grüne Wärme erzeugt. Die Wirtschaft macht aber große Fortschritte.

Eine Generaldebatte über die Frage, ob und wie Regensburg seine ehrgeizigen Klimaziele erreichen kann, hat am Mittwoch der Umweltausschuss des Stadtrats geführt. Der Klima-Plan der Stadt gehe nicht auf, warnte die Opposition – und Stimmen aus der Koalition gaben ihr recht. Zwar weist der jährliche Monitoringbericht der Energieagentur, der auf der Tagesordnung stand, Fortschritte aus. Doch er zeigt auch, dass Regensburg acht Jahre vor der Zielmarke 2030 weit weg ist von ihr.

Das Ziel lasse sich nur mit „drastischen Maßnahmen“ in den Jahren 2029 und 2030 erreichen, hieß es schon in der Beschlussvorlage für die Stadträte. Die Stadt will, wie der Bund, ihre Treibhausgasemissionen bis 2030 um 65 Prozent im Vergleich zu 1990 reduzieren, außerdem soll bis dahin die Stadtverwaltung klimaneutral sein. Ludwig Friedl, Geschäftsführer der Energieagentur, fasste die Entwicklung seit 1990 so zusammen: „Wir sind knapp über der Hälfte und liegen bei 45 Prozent.“ Friedl berichtete über den Stand 2022, denn dafür liegen die Daten vor. In diesem Jahr lag der Anteil der in der Stadt erzeugten erneuerbaren Energie am Gesamtverbrauch bei 9,5 Prozent, 0,7 Prozent mehr als im Vorjahr. Im Umkehrschluss bedeutet das laut Friedl: „Wir sind immer noch zu über 90 Prozent fossil versorgt.“

Sechs Prozent weniger Treibhausgase

Als positiv hob er hervor, dass Regensburg bei den Treibhausgasemissionen auf den richtigen Korridor einschwenkte. 1,18 Millionen Tonnen Treibhausgasemissionen stehen in der Bilanz für 2022, sechs Prozent weniger als im Vorjahr. Allerdings geht Friedl davon aus, dass dieser Rückgang zumindest zum Teil auf die schwächere Wirtschaft zurückzuführen ist. Andererseits wiesen Unternehmen die größten Erfolge bei der CO2-Reduktion vor.

In Regensburg stünden hier große Schritte an. So läuft die Investorensuche für die erneuerbare Energieversorgung für die Firmen im Südosten, darunter BMW, Osram und Schneider Electric. Geplant ist unter anderem eine circa 2500 Quadratmeter große Halle mit Großwärmepumpen, die auch Abwasser aus der städtischen Kläranlage nutzen soll. Die Unternehmen Continental, Siemens, Vitesco Technologies und Aurelis wollen in ihrem Energieareal Ost zunächst einen Solarpark errichten. Das Energieareal West ist teilweise umgesetzt, genutzt wird hier Abwärme von Infineon. Nun geht es laut Friedl darum, mit Rewag und Bayernwerk ein Wärmenetz nach Prüfening „auszurollen“. Zukunftsweisend sei die Mitgliedschaft in der regionalen Wasserstoffallianz, die sich für eine Pipeline nach Regensburg einsetzt.

Die Wirtschaft hat den größten Anteil am Energieverbrauch: Gewerbe, Handel, Dienstleistungen und Industrie verbrauchten 51 Prozent, Private 32 Prozent, die Stadt nutzte ein Prozent und andere öffentliche Einrichtungen benötigten 16 Prozent. Die meiste Energie floss mit 55 Prozent in die Wärmeerzeugung, 25 und 20 Prozent machten Strom und Verkehr aus.

Grünen-Stadträtin Yasmin Hopp warf der „grauen Koalition“ vor, nicht genug Tempo gemacht zu haben: „Wir sehen zum ersten Mal, dass die Stadt ihre selbstgesteckten Klimaziele nicht erreichen wird“, sagte sie, und forderte einen Planungsstopp für „rückwärtsgerichtete Projekte“ wie Parkhäuser und die Sallerner Regenbrücke. ÖDP-Fraktionsschefin Astrid Lamby hält die Klimaziele mindestens für sehr schwer erreichbar: „Ich glaube, dass die Kurve, die wir uns vorgenommen haben, nicht zum Ziel führt.“ Die letzten Schritte seien die schwierigsten. Auch sei der Verkehr eine „Riesen-Baustelle“, die Stadtbahn unbedingt nötig. Brücke-Stadtrat Thomas Thurow äußerte die Befürchtung, „dass wir irgendwann an die Grenzen stoßen“, weil Geld und Personal fehlten.

FDP: Koalition ist nicht schuld

Horst Meierhofer (FDP) verteidigte die Koalition. Er sagte: „Ich gehe auch davon aus, dass wir 2030 nicht klimaneutral sein werden.“ Daran sei aber weder die „graue Koalition“ schuld noch die Ampel in Berlin. Dass liege vielleicht daran, „dass man zu viel versprochen hat, als es noch weit weg war“. Enorme Summen seien nötig – und die Bürger müssten mitziehen. Umwelt-Bürgermeister Ludwig Artinger (Freie Wähler) forderte ebenfalls: „Man muss sich vielleicht einmal bei dem Thema ein bisschen ehrlich machen.“ Dennoch sei es richtig, dass sich die Stadt ehrgeizige Ziele setze, „dass man alles tut, was in unserer Macht steht“. Tatsächlich seien ja „gigantische Projekte“ am Anlaufen. SPD-Fraktionschef Thomas Burger verwies darauf, dass die Stadt nicht alles selbst in der Hand habe. „Nichtsdestotrotz müssen wir Tempo machen.“ Die CSU-Stadträte äußerten sich nicht zum Thema.