Klimaschutz: Regensburg steht bei Gebäudesanierung vor 500-Millionen-Euro-Frage

Von Juliana Ried · 19. Januar 2024 um 17:45

Eine aktuelle Analyse des Gebäudebestands der Regensburger Stadtverwaltung zeigt: Die Sanierungskosten sind enorm. Dabei sollen die städtischen Liegenschaften 2030 klimaneutral sein.

Die Stadt hat sich Klimaziele gesetzt, die ehrgeiziger sind als die der Bundesregierung – und die jetzt aus Sicht so manchen Stadtrats unerreichbar wirken. So soll die Stadtverwaltung im Jahr 2030 klimaneutral sein. Doch eine aktuelle Analyse zeigt: Alleine die Sanierung aller klimarelevanten städtischen Liegenschaften würde Jahrzehnte dauern und geschätzt 505 Millionen Euro kosten. Zum Vergleich: Das komplette Investitionsprogramm der Stadt für 2023 bis 2027 ist 817 Millionen Euro schwer.

Am Mittwoch legt die Stadtverwaltung die Bestandsanalyse samt Sanierungsstrategie dem Umweltausschuss des Stadtrats vor. Die Stadt betreut rund 400 Liegenschaften. 95 hat sie als klimarelevant ausgemacht. Um diese so zu sanieren, dass sie klimaneutral sind, prognostiziert die Stadt einen Kostenrahmen von circa 505 Millionen Euro – plus beziehungsweise minus 40 Prozent.

Sechs Sanierungsmaßnahmen kosten 131 Millionen Euro

Mittels einer Liste von 20 Gebäude(-komplexen), die das größte Einsparpotenzial aufweisen, und einer Nutzwertanalyse schnürte die Stadt ein „Sanierungspaket A“: Diese sechs Liegenschaften sollen vorrangig behandelt werden, weil hier mit dem investierten Aufwand Maßgebliches erreicht werden könne: nämlich eine CO2-Einsparung von rund 26 Prozent der Ersparnis, die alle klimarelevanten Liegenschaften bringen würden. Dazu zählen das Albertus-Magnus-Gymnasium, das als drittes Rathaus vorgesehene ehemalige Rewag-Gebäude, die Realschule am Judenstein, die Berufsschulen I und II, die Albert-Schweitzer-Realschule und das Historische Museum. Als Gesamtinvestition veranschlagt die Stadt dafür rund 131 Millionen Euro, als Umsetzungszeitraum die Jahre 2025 bis 2035, jedoch unter Vorbehalt. Zwei Maßnahmen seien derzeit weder im aktuellen Investitionsprogramm noch in der Arbeitsplanung der Verwaltung enthalten, heißt es in der Beschlussvorlage für den Stadtrat. In den Jahren bis 2045 würde dem Fahrplan zufolge die Planung und Umsetzung weiterer Sanierungspakete folgen.

Die Frage nach der Finanzierung beantwortet die Vorlage nicht. Stadtsprecherin Juliane von Roenne-Styra sagt dazu, gegebenenfalls müssten andere Maßnahmen zurückstehen, Fördermöglichkeiten müssten individuell geprüft werden. Prinzipiell sei die Sanierung von Liegenschaften nur „ein Baustein von vielen“ auf dem Weg in die Klimaneutralität.

Soll die Stadt Regensburg ihre Klimaziele anpassen?

Die vier größten Fraktionen im Stadtrat loben die Bestandsanalyse einhellig als gut bis hervorragend. In der Frage, mit wie viel Nachdruck die Stadt ihre Ziele bei der Gebäudesanierung verfolgen soll, gehen die Meinungen allerdings weit auseinander.

Michael Lehner, CSU-Stadtrat und Chef der größten Fraktion im Stadtrat, sagt: „Man muss einfach überlegen, ob man sich das alles leisten kann, in der jetzigen Zeit.“ Die Stadt habe sich ihre Klimaziele vor dem Krieg in der Ukraine und der darauf folgenden Baukrise gesteckt. Jetzt gelte: „Vielleicht muss man Ziele nach hinten ziehen.“ Die Stadt dürfe nicht zusätzliche Schulden aufnehmen, „dass man das fünf Jahre eher fertigkriegt“.

Sein Koalitionspartner Thomas Burger (SPD) dagegen sagt, das Ergebnis der Untersuchung sei „bitter“, aber kein Grund, den Kopf in den Sand zu stecken. „Mein Anspruch wäre, dass wir das Ziel lassen und schauen, wie wir etwas schneller dahin kommen.“ Vielleicht könne die Stadt sich ihren eigenen Vorgaben schneller annähern, wenn sie die Sanierungsstandards etwas senke. Was die Finanzierung angehe, müssten auch Bund und Land die Kommunen entsprechend ausstatten.

„Bitter“ findet auch Grünen-Fraktionschef Daniel Gaittet den Tenor der Bestandsanalyse, auf die die Grünen mehrfach gedrängt hatten. „Im Prinzip beweist die Vorlage, dass die Klimaziele der Stadt mit dem aktuellen Investitionsprogramm der Stadt nicht zu erreichen sind.“ Das Thema sei lang verschlafen worden, jetzt sei es politisch wichtig, „die Flinte nicht ins Korn zu werfen“. Es geht um jedes Zehntel Grad“, sagt Gaittet mit Blick auf die Erderwärmung. Zudem zahlten sich die Investitionen langfristig auch finanziell aus.

Brücke-Stadtrat Thomas Thurow wiederum ist der Ansicht, die Stadt werde die Ziele anpassen müssen. „Das ist nie erreichbar. Selbst wenn wir es finanziell im Kreuz hätten, ginge es kapazitätsmäßig nicht.“ Das sei zwar „dramatisch“ angesichts der Folgen des Klimawandels. Aber die Kommunen würden hier alleingelassen. Sie dürften keine Sondervermögen anlegen wie der Bund.

Klimaziele

Bund: Bundesziel ist die Reduktion der Treibhausgasemissionen um 65 Prozent bis 2030 im Vergleich zu 1990. Bis 2045 muss Deutschland Treibhausgasneutralität erreichen, also ein Gleichgewicht zwischen Emissionen und deren Abbau.

Stadt: Die Stadt hat dasselbe Reduktionsziel, will allerdings die Klimaneutralität der Stadtverwaltung und der Gesamtstadt bis 2035 erreichen.

Michael Lehner ist CSU-Fraktionschef. Foto: Tino Lex
Daniel Gaittet ist Fraktionschef der Grünen.