„Eine Schande“: Hausbesitzerin erzählt, was am Regensburger Bahnhof wirklich vor sich geht

Von Philip Hell · 12. Februar 2024 um 17:00

Das Regensburger Bahnhofsumfeld ist ein Schwerpunkt der Kriminalität. Inzwischen macht die Gegend bundesweit Schlagzeilen. Susanne Krause ist fast jeden Tag dort – sie verwaltet zwei Häuser unmittelbar im Bahnhofsumfeld. Was erlebt sie dort?

„Ich kenne die Albertstraße seit 50 Jahren“, sagt Krause. Die beiden Häuser seien seit vielen Jahrzehnten in Familienbesitz. Insbesondere seit zwei, drei Jahren habe sich das Bahnhofsumfeld allerdings verändert. „Die Kriminalität hat stark zugenommen.“ Gleiches gelte für nächtliche Ruhestörungen. „Das Gefühl, sich ab der Dämmerung nicht mehr sicher zu fühlen, hat es früher nicht gegeben.“ Obdachlose und Trinker habe sie am Bahnhof zwar schon immer gesehen, aber als Gefahr habe sie diese nie empfunden, sagt Krause. „Heute ist das anders.“ Die Drogenszene habe sich im Bahnhofsumfeld etabliert und stark erweitert. Die Hemmschwelle sei gesunken. „Scheinbar haben die Täter wenig Angst, dass ihnen etwas passiert. Die Drogendealer müssen sich nicht mehr verstecken, es wird offen in den Grünanlagen verkauft.“

Eltern sind in Sorge

Diese Erfahrung der Hausverwalterin deckt sich mit Erkenntnissen der Polizei. Die Beamten sprechen von einer Zunahme von Drogendelikten. Auch Streetworker Ben Peter registrierte eine „härtere Szene“ am Bahnhof. Die Polizei kündigte stärkere Kontrollen an.

Immer wieder spricht Krause mit ihren Mietern über die Situation am Bahnhof, diese arbeiten mit Kindern und Jugendlichen. „Sie berichten von besorgten Eltern, die ihre Kinder nicht mehr alleine mit dem Fahrrad oder zu Fuß kommen lassen.“ Einen konkreten Vorfall habe es zwar nicht gegeben, sie wisse allerdings von zwei Mieterinnen, die im Petersweg angegangen und bespuckt worden seien.

Ganz grundsätzlich habe sich das Benehmen am Bahnhof verschlechtert. „Es wird überall uriniert“, sagt Krause. Müll werde liegen gelassen. „Nach Alkohol- und Drogenkonsum sind viele völlig enthemmt.“

Insbesondere zwei Vorfälle haben die Diskussion um das Bahnhofsumfeld neu entfacht. Am 19. Januar soll eine 27-Jährige vergewaltigt worden sein. Inzwischen haben die Ermittler Hinweise darauf, dass das Sexualdelikt frei erfunden war. Gegen die junge Frau wird ermittelt. Am 27. Januar soll eine 29-Jährige unweit des Ernst-Reuter-Platzes missbraucht worden sein. Die Ermittlungen laufen, zwei tatverdächtige Tunesier sitzen in Haft.

Stadt plant Beleuchtung für den Park

Seit diesen Vorfällen wird in der Stadt diskutiert, wie man die Situation in den Griff kriegen könnte. Auch Krause fordert: „Es braucht ein Konzept und Taten. Zeit zum Überlegen gab es genug.“ Sie hat konkrete Vorschläge: „Der Park sollte nachts dringend beleuchtet werden.“ Das hat die Stadt bereits in Planung. Wie die Pressestelle mehrfach mitteilte, arbeite man gemeinsam mit der Polizei an einem Beleuchtungskonzept, das auf den geplanten Ausbau der Videoüberwachung angepasst ist. Diese Maßnahme begrüßt Krause. Darüber hinaus fordert sie die Installation von weiteren Notrufsäulen. So eine Anlage steht bereits unmittelbar am Interims-ZOB. Auch die Stadt möchte womöglich mehr solcher Notrufsäulen aufstellen, wie Sprecherin Juliane von Roenne-Styra auf Anfrage mitteilt. Entsprechende Maßnahmen prüfe man gerade.

Die Sicherheitsbehörden haben angekündigt, im Bahnhofsumfeld präsenter sein zu wollen. Das hat Krause bereits registriert. Nur hätten Polizei und Ordnungsamt die Lage im Sommer nicht mehr im Griff. Tatsächlich registrierte die Polizei insbesondere seit vergangenem Sommer mehr Straftaten am Bahnhof. Die Beamten betonten, weiterhin am Bahnhof präsent sein zu wollen. Demnächst soll erneut eine Reiterstaffel zum Einsatz kommen. Auch Sozialarbeiter Ben Peter bemerkt seit dem vergangenen Sommer eine Gruppe, die besonders auffällig ist.

Krause bringt darüber hinaus einen weiteren Vorschlag für mehr Sicherheit aufs Tableau: Sie fände es gut, den Aufenthalt in den Grünanlagen am Bahnhof ab 22 Uhr nicht mehr zu gestatten. „So hätte die Polizei eine Handhabe, den Park nachts zu räumen.“

Polizei kann Fläche räumen

Für die Stadt ist das keine Option, wie Sprecherin von Roenne-Styra sagt: „Für eine große, über viele Wege zugängliche, nicht umzäunte Grünanlage ein Betretungsverbot für die gesamte Öffentlichkeit auszusprechen, ist aus Sicht der Stadt nicht verhältnismäßig – und auch schwer zu kontrollieren.“ Die Polizei könne jedoch Aufenthaltsverbote je nach Sicherheitslage aussprechen und Flächen räumen lassen, wenn die Beamten das als notwendig erachten.

In Krauses Augen steht jedenfalls fest, dass die Probleme in der Gegend nicht länger hingenommen werden dürften. „Das Bahnhofsumfeld ist eine Schande geworden.“