Lange Schlangen im Industriegebiet: „Watschn“ der Bauern trifft Berufsverkehr hart

Die Proteste der Landwirte gehen weiter. Nach mehreren Kundgebungen und Sternfahrten haben die Bauern auch im Landkreis Schwandorf weitere „Nadelstiche“ angekündigt. Ein solcher traf am Montag das Wackersdorfer Industriegebiet – mitten im Berufsverkehr.
Halb sechs Uhr morgens, Industriestraße. An der zentralen Zufahrt zum Industriegebiet in Wackersdorf fließt der Verkehr zäh wie Kaugummi. Scheinwerfer und Warnblicker fluten die Dunkelheit, immer wieder sind kleinere Hupkonzerte zu hören. Mehrere Bulldogs sammeln sich an den Kreisverkehren und verengen die Fahrbahn.
Alle Infos zum Protest im Gewerbegebiet finden Sie auch in unserem Liveticker.
Für die vielen Lastwagen, die an diesem Morgen auf dem Weg zu BMW, Gerresheimer, Sennebogen und Co. sind, gibt es kein Durchkommen. Alle vier Zufahrten zum Industriegebiet sind betroffen. Die Autos versuchen sich durch die Lücken zu schlängeln, kommen aber nur sehr langsam vorwärts. Am Fahrbahnrand stehen Peter Schießl und seine Kollegen in Warnwesten, ratschen und schauen dem Verkehr beim Stocken zu.
Landwirte verteilen Zettel unter den wartenden Verkehrsteilnehmern
Wieder einmal sind die Landwirte im Landkreis auf die Straße gegangen, um auf ihre Lage aufmerksam zu machen. Diesmal nehmen sie die Automobil- und Maschinenbaubranche mit in den Fokus. „In den Handelsabkommen werden für diese die roten Teppiche zu den Weltmärkten ausgerollt. Zeitgleich werden die Interessen der Landwirte geopfert, unsere Produkte am Weltmarkt verramscht“, sagt Schießl vor Ort. Der Landwirt aus Fuhrn ist Organisator der Demo, an der zu Beginn etwa 50Fahrzeuge teilnehmen. Bis zum Ende gegen 18 Uhr sollten es etwa 200 sein.
„Uns geht es nicht darum, die Leute auszubremsen, sondern zu informieren“, erklärt der Organisator. Deswegen haben die Protestler auch Zettel ausgedruckt, die sie an die wartenden Verkehrsteilnehmer verteilen. „Wir Bauern sind sauer! Und bitten um Verständnis. So geht es nicht weiter“, ist darauf zu lesen. Darunter eine Erklärung, warum man sich zur Aktion im Industriegebiet entschlossen hat.
Dass die Ampel-Regierung trotz ihrer Proteste an den geplanten Subventionskürzungen weiter festhält, bezeichnet Schießl als eine „Watschn“. Nun schlage man zurück. Und die Watschn der Landwirte sitzt am Montagmorgen durchaus. Es staut sich, kilometerlang. Von einem Kreisel zum anderen, teilweise bis zur Autobahn. Manche Beifahrer steigen in der Schlange aus und gehen die restlichen Meter zu Fuß. 25 Minuten lang verengen die Landwirte an den neuralgischen Punkten die Straße, dann öffnen sie diese wieder kurz, dass auch die Lastwagen freie Fahrt haben. So geht es den ganzen Tag weiter – und so war es im Vorfeld mit der Polizei abgesprochen.
Protestteilnehmer halten sich an die Vorgaben
Diese hat den Verkehr indes voll im Griff. Mittendrin ist Einsatzleiter und stellvertretender Chef der Polizeiinspektion Schwandorf, Florian Meier. Er sucht das Gespräch mit den Verkehrsteilnehmern, greift ein, wenn es nötig ist. „Der Verkehr fließt, wenn auch zäh. Vor allem im Bereich der Industriestraße kommt es zu teils erheblichen Einschränkungen. Alle Protestteilnehmer halten sich aber an die vereinbarten Vorgaben“, so Meier am Vormittag. Unterstützt in Sachen Stauabsicherung werden die Einsatzkräfte der Polizei auch kurzfristig von den Freiwilligen der Feuerwehr Wackersdorf.
Die Auto- und Lastwagenfahrer scheinen sich von den Verkehrsproblemen indes nicht aus der Ruhe bringen zu lassen – im Gegenteil. Immer wieder drücken sie selbst auf die Hupe und zeigen den Daumen nach oben. Vereinzelt ernten die Landwirte aber auch Kopfschütteln. Wie zum Beispiel bei Simone. Sie steht mit ihrem Auto mitten im Kreisel direkt unterhalb der Kartbahn. Die Verfahrensmechanikerin bei Gerresheimer wollte eigentlich um 6.45Uhr das Arbeiten anfangen. Für die Proteste hat sie durchaus Verständnis, aber es geht mittlerweile einfach zu weit, sagt sie.
Pendler haben Puffer eingeplant
Luca Rzychon ist dagegen tiefenentspannt. Er arbeitet als Industriekaufmann bei der System Logistics GmbH (Krones). Er hat Gleitzeit zwischen 7 und 8 Uhr und sei so losgefahren wie immer. „Ob ich jetzt zehn Minuten früher anfangen kann oder später ist mir egal, solange ich es noch pünktlich in die Arbeit schaffe“, sagt er. Dass er hier an der Industriestraße warten muss, macht ihm nichts aus. Er habe Verständnis für die Situation der Landwirte. „Da sollte man sich solidarisch zeigen.“
So sieht es auch Nicole Schweiger. Die Produktionsplanerin bei SCS-Tec wurde von ihrem Arbeitgeber im Vorfeld informiert und hat einen Puffer eingeplant.
Bei den Lastwagenfahrern ist die Stimmung ebenfalls gut, und das, obwohl gerade sie von den Blockaden betroffen sind. Seit 20 Minuten steht beispielsweise Heinz im Stau. Mit einem Lächeln sieht er aus dem Fenster seiner Fahrerkabine und raucht eine Zigarette. Er arbeitet bei einer Speditionsfirma aus Mittelfranken, wollte eigentlich zur Eckart GmbH fahren. „Die Bauern haben doch recht", sagt er. In Deutschland gehe es schon seit Jahren bergab. „Alles wird teurer, aber die Gehälter steigen nicht“, schimpft er auch mit Blick auf sein eigenes Gehalt. „Wenn es sein muss, stehe ich gerne den ganzen Tag hier.“
Auch Arthur Beier freut sich über die Aktion, hupt und streckt den Daumen aus dem Fenster. „Super!“, lautet sein kurzes Fazit. Eigentlich muss er auf die Autobahn Richtung Dingolfing. Die Verzögerungen stören ihn aber nicht.
Keine weitreichenden Auswirkungen bei BMW
Für die vielen im Industriegebiet angesiedelten Firmen ist der Protest indes ebenfalls eine besondere Situation. Man habe diese aber gut gemeistert, sagt beispielsweise BMW-Sprecher Dominik Hämmerl gegen Mittag auf Nachfrage. Der Konzern habe, wie viele andere auch, am Sonntagabend noch vom Streik erfahren und konnte sich kurzfristig drauf vorbereiten. Die Arbeit im Werk läuft planmäßig. Man sei auch mit den Logistikpartnern stets in engem Austausch gewesen. Es sei zu keinen eklatanten Verzögerungen im Betriebsablauf gekommen. Für den Fall, dass ein Angestellter durch den Protest zu spät zur Arbeit gekommen ist, werde man hinsichtlich der Stundenkonten individuelle Lösungen finden. „Das hat bisher auch immer gut geklappt", so Hämmerl.
Wackersdorfs Bürgermeister Thomas Falter (CSU) wird währenddessen kurzerhand zum Vermittler. Mit Organisator Schießl steht er telefonisch in Kontakt, der zwischenzeitlich um ein Treffen mit den Firmenchefs vor Ort gebeten hat. Die Landwirte stellen gar eine Verkürzung ihres Protests in Aussicht, wenn ihre Sorgen bei den „entsprechenden Stellen“ Gehör finden.
Doch dazu kommt es trotz aller Bemühungen des Rathauschefs nicht. „Die Firmen haben signalisiert, dass sie sich in politische Diskussionen nicht einmischen möchten“, so Falter. Deshalb bleibt der Protest der Landwirte bis 18 Uhr bestehen – und trifft damit auch den Feierabendverkehr.



