So protestieren Landwirte: Bei minus drei Grad zu nachtschlafender Zeit auf die Straße

Von Isolde Stöcker-Gietl · 9. Januar 2024 um 05:04

Mit Hupkonzerten, Protestplakaten und viel Sitzfleisch haben die Landwirte aus der Region am Montag ihre Protestwoche begonnen. Wir haben auf dem Traktor von Andreas Sußbauer den Konvoi zur Donau-Arena in Regensburg begleitet.

Andreas Sußbauer steigt aus seinem Traktor Fendt 313 und streift sich die gelbe Warnweste über den braunen Parka. Es ist kurz nach fünf Uhr morgens. Das Thermometer zeigt minus drei Grad. Die Nacht war unruhig, sagt der Landwirt aus Nittendorf (Lkr. Regensburg) – und sie war kurz. Sußbauer ist Ordner und Ansprechpartner bei einem der vielen Sammelpunkte für die anrollende Protestwelle der Landwirte in Bayern. „Servus“, „Griaß di“, „Schee, dass da bist“, begrüßt er die nach und nach eintrudelnden Kollegen. Auch ein Speditionsunternehmen fährt mit mehreren Transportern wild hupend auf den Supermarktparkplatz. „Aber bitte weckt’s net gleich alle Nachbarn auf“, beschwichtigt Sußbauer. „Wir wollen nicht die Konfrontation mit der Bevölkerung, wir wollen auf unsere Anliegen aufmerksam machen und dabei ein gutes Bild hinterlassen.“

Folgen Sie uns hier im Liveticker.

Mehr als 200 Versammlungen sind allein in Bayern für diese Woche angekündigt. Die Landwirte wollen ihren Unmut mit der Ampel-Regierung spürbar zum Ausdruck bringen. Diese will die Subventionen streichen. Es geht um Steuervergünstigungen bei Agrardiesel. Pläne für die Kfz-Steuer hat die Regierung bereits zurückgenommen. Den Bauern gehen diese Zugeständnisse aber nicht weit genug. „Bangt der Bauer um die Butter, bleibt der Habeck auf dem Kutter“, hat ein Landwirt im Regensburger Konvoi auf Pappe geschrieben. Die meisten Protestnoten drehen sich um die Zukunft der Landwirtschaft und deren Versorgungsauftrag. Manche zeigen der Berliner Koalition die rote Ampel – einige wenige Teilnehmer in grenzwertiger Art und Weise.

5.15 Uhr. In Nittendorf ist der bayerische Wirtschaftsstaatssekretär Tobias Gotthardt (Freie Wähler) an der Sammelstelle eingetroffen. Es sei ihm wichtig, seine Solidarität mit den Landwirten zum Ausdruck zu bringen. „Mein Anliegen ist, zu zeigen, dass die Landwirte unverzichtbarer Teil der bayerischen Wirtschaft sind und dass wir hier zusammenstehen.“ Ziel müsse sein, so Gotthardt, die Pläne der Ampel-Regierung in Bezug auf die Landwirtschaft ganz zurückzunehmen. „Weil sie einfach unverhältnismäßig sind.“ Gotthardt wird diese Forderung auch bei der Kundgebung in Regensburg wiederholen. Zu der reist er als Beifahrer im Traktor-Konvoi an.

Lesen Sie hier: Daumen hoch von Autofahrern

Aus allen Himmelsrichtungen haben sich die Landwirte am Montagmorgen zu sogenannten Sternfahrten in Bewegung gesetzt. Neben der Großkundgebung in München gibt es in allen Teilen Bayerns Aktionen des Bayerischen Bauernverbandes. In der Oberpfalz in Regensburg und Schwandorf, in Niederbayern in Karpfham und Straubing. Auch auf lokaler Ebene formiert sich publikumswirksam der Protest. Im Landkreis Cham bremsen rund 1000 Teilnehmer den ganzen Tag über den Verkehr auf der Bundesstraße 22 aus. Auch auf der B85 sorgen Traktoren für Behinderungen. „Endlich steht mal wer auf. Mir ist angesichts meiner kleinen Rente auch bang um die Zukunft“, sagt eine ältere Dame, die den Demonstranten in Wackersdorf zuwinkt.

Verkehr kommt teilweise zum Erliegen

Auf der A92 bringen im morgendlichen Berufsverkehr Lastwagen den Verkehr durch sehr langsames Fahren bis hin zu einem kompletten Abbremsen, teilweise zum Stillstand. Die Fahrer müssen, wie auch ein 30-jähriger Lkw-Fahrer auf der A93, mit Anzeigen wegen gefährlichen Eingriffs in den Straßenverkehr rechnen. Die Polizei Passau spricht am Morgen von „massivsten Verkehrsbehinderungen“. Rund 160 Schlepper fordern im Innenstadtbereich die Geduld der Autofahrer. In Ingolstadt bleibt das befürchtete Verkehrschaos aus. Rund 1600 Traktoren sind dort auf den Straßen unterwegs, sagt Präsidiumssprecher Reinhard Kolb auf Nachfrage. Das Polizeipräsidium Oberpfalz bilanziert am Mittag 30 Aktionen mit bis zu 6100 Personen und 6000 Fahrzeugen. In Niederbayern spricht die Polizei von 4000 Personen und 2500 Fahrzeugen auf rund 70 Veranstaltungen.

Lesen Sie hier: Viel Zuspruch im Landkreis Schwandorf

Rund um Regensburg dürfen die Landwirte keine Autobahnzufahrten blockieren. Lediglich an der A93 bei Saalhaupt ist eine getaktete Blockade genehmigt. Auch in der nördlichen Oberpfalz, etwa in Nabburg, finden Blockaden an den Autobahnauffahrten statt. An den Abfahrten wurden sie von polizeilicher Seite verboten. An den Grenzübergängen Neuhaus am Inn (Landkreis Passau) sowie Philippsreut (Landkreis Freyung-Grafenau) haben abgestellte Traktoren und Lkws sowie umherfahrende landwirtschaftliche Fahrzeuge zu kurzzeitigen Verkehrsbehinderungen geführt, teilt die Polizei mit. Grenzübertritte seien aber möglich gewesen. Verkehrsknotenpunkte wie auch das Nadelöhr Pfaffensteiner Tunnel seien für Aktionen sowieso tabu, sagt Landwirt Sußbauer.

Inzwischen ist der Konvoi aus dem westlichen Landkreis Regensburg im Stadtgebiet angekommen. Jetzt geht es nur noch im Schneckentempo, mal mit drei, mal mit fünf Stundenkilometern Geschwindigkeit ruckelnd und schaukelnd von Verkehrsampel zu Verkehrsampel. Die ersten Fußgänger sind unterwegs. Sie winken, strecken den Daumen in die Höhe. Auf der Osttangente schwingen drei Passanten eine Bayernfahne. Und immer wieder hupen Autofahrer freundlich. „Ich denke, das zeigt, dass die Menschen hinter uns stehen“, sagt Sußbauer.

Abgrenzung von Verschwörungstheoretikern

In dieser Kolonne kommt es nur zu einer einzigen Störung. Ein Mitfahrer hat auf seinem Kranaufbau die Berliner Ampel-Koalition an den Galgen gehängt. Sußbauer ist überzeugt: „Das ist keiner von uns.“ Mit solchen Parolen, mit Verschwörungstheoretikern oder Hetzern, wolle die Bauernschaft nichts zu tun haben, sagt er mit Nachdruck. Dann wählt er die Nummer der Polizei und meldet den Vorfall.

Die Gelassenheit, die am Montagmorgen trotz der Blockaden auf den Straßen herrscht, schwappt nicht in die Sozialen Netzwerke über. Da gibt es etwa wütende Posts, weil es Schüler nicht ins Schullandheim schaffen. Andere diskutieren über die Gewinne, die die Landwirte im vergangenen Jahr erwirtschaftet haben. „Ja, wir hatten ein gutes Jahr“, bestätigt Andreas Sußbauer. „Das hat uns finanzielle Spielräume verschafft.“ Eine Neiddebatte müsse sich daran aber nicht entzünden. „Wir kaufen uns ja keine Ferraris von dem Geld, sondern investieren in Maschinen und den Betrieb.“

Lesen Sie hier: Viele Traktoren, wenig Individualverkehr

Der Konvoi hat den zentralen Veranstaltungsort an der Donau-Arena in Regensburg erreicht. Kein Autofahrer hat sich beschwert, kein Rad- oder Fußgänger wütend reagiert. Sußbauer ist mit dieser Art des Protestes überaus zufrieden. Nicht alle Mitfahrer teilen seine Meinung. In der WhatsApp-Gruppe ist manchen der Konvoi etwas zu reibungslos abgelaufen. „Ein bisschen mehr Staus und Behinderungen wären schon schön gewesen“, schreiben sie. Sußbauer lächelt und dreht das Radio in seinem Fendt lauter. Die Spitzenmeldung der Nachrichten sind die Protestaktionen. „Wir werden wahrgenommen, und zwar im positiven Sinn, das freut mich unglaublich!“

Landwirt Andreas Sußbauer hat eine der Sternfahrten angeführt. Er schlägt in der Debatte gemäßigte Töne an: „Wollen ein gutes Bild hinterlassen.“. Foto: Stöcker-Gietl
Markige Sprüche: Diese Landwirte protestieren mit signalgelben Warnwesten im Landkreis Cham. Konvois sorgten dort auf der B 85 für Behinderungen. Foto: Stefanie Bauer