Psychische Probleme, Schwierigkeiten mit Kindern: Hier finden Familien in Neumarkt Hilfe

Die Zahl von Kindern mit psychischen Problemen steigt – auch in Neumarkt. In der psychologischen Beratungsstelle der Caritas hat die Zahl der Fälle im Jahr 2022 um zwölf Prozent zugenommen. Über die Gründe dafür – und was man dagegen unternehmen kann – spricht der Leiter der Institution, Thomas Schnelzer.
Die Beratungsstelle gibt es seit 50 Jahren. Warum sie so wichtig ist, erklärt Leiter Thomas Schnelzer, promovierter Psychologe, Theologe und Psychotherapeut.
Wenn wir auf Erziehungsmethoden vor 50 Jahren blicken – wovon war Erziehung geprägt?
Vom Gegensatz von autoritärer und antiautoritärer Erziehung. Die autoritäre Erziehung wurde zurecht kritisiert und bekämpft. Man hat erkannt, dass die strenge Einforderung von Gehorsam und Regeleinhaltung, die Neigung zu Strafen und das geringe Interesse an den Wünschen und Bedürfnissen des Kindes, gepaart mit einem kalten und kritisierenden Familienklima, dem Kind schadet, vor allem seinem Selbstwertgefühl. Die antiautoritäre Erziehung hat allerdings das Kind mit dem Bade ausgeschüttet. Die Eltern waren zwar wertschätzend, zeigten aber wenig Erwartungen bezüglich Regeln und hatten kein Interesse daran, das Verhalten des Kindes zu bewerten und es zu lenken. Dieses verwöhnende Erziehungsverhalten hat sich auch nicht positiv auf das Selbstwertgefühl ausgewirkt.
Erziehung soll demokratisch sein, nicht autoritär
Was ist mittlerweile anders?
Heute hat man weitgehend verstanden, dass Erziehungsverhalten autoritativ beziehungsweise demokratisch sein sollte. Das bedeutet: Das Verhalten ist akzeptierend und kindbezogen, wohl aber fordernd mit klarer Vermittlung von Verhaltenserwartungen und elterlicher Kontrolle. Gleichzeitig sollen Selbstständigkeit gefördert und der kindliche Wille berücksichtigt werden. Auf diese Weise entstehen Autonomie und Selbstbewusstsein – und eine gute Eltern-Kind-Beziehung, die in der Erziehung vieles leichter macht.
Warum ist das Selbstwertgefühl so wichtig?
Es ist ein ganz wichtiger Faktor, wenn es um psychische Erkrankungen geht. Psychische Störungen haben viel mit einem ramponierten Selbstwertgefühl zu tun. Lob und wertschätzendes Verhalten sind Prävention.
Ist dieser Gedanke schon in allen Köpfen verankert?
Im Grunde ist es schon tief im Bewusstsein. Doch tatsächlich gibt es immer wieder Menschen, denen der Gedanke fremd ist. Die sagen „Wir sind ja auch nicht gefragt worden“. Das hat viel mit der früheren Erziehung zu tun, mit Gehorsam und Befehl.
Schwierigkeiten hatten Eltern vermutlich zu jeder Zeit, doch welchen Herausforderungen begegnen Familien heute besonders?
Wir sehen einen deutlichen Trend dahingehend, dass die Probleme, mit denen sich Eltern, Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene an uns wenden, zunehmend schwerer sind. Mit dem Erteilen von Ratschlägen und bloßer Vermittlung von Informationen ist es schon lange nicht mehr getan. Es zeigt sich seit vielen Jahren eine Verlagerung von körperlichen zu psychischen Störungen. Neben psychischen Problemen wie Angst und Depression beschert uns die Trennungs- und Scheidungsberatung die höchsten Fallzahlen. Denn Trennung und Scheidung sind mit erheblichen psychischen Problemen verbunden. Wir sehen bei Kindern immer wieder psychische Belastungen, die mit Ängsten, Aggressivität und Depressivität einhergehen. Was viele nicht wissen: Ärger und Aggression sind oft eine abgewehrte Depression.
Corona wirkt heute noch nach
Die Zahl von Kindern und Jugendlichen mit psychischen Problemen hat auch durch Corona zugenommen. Wie wirkt die Corona-Zeit noch heute nach?
Vor dem Hintergrund der Corona-Pandemie kam es in der Tat zu einer deutlichen Zunahme depressiver Zustandsbilder, sogenannter Anpassungsstörungen. Dabei handelt es sich um eine emotionale Symptomatik mit Deprimiertheit, Angst, Besorgnis und Anspannung. Letztere zeigt sich darin, dass sich Kinder und Jugendliche nicht nur niedergeschlagen, sondern auch dünnhäutig und gereizt präsentieren: Vieles nimmt man sich mehr zu Herzen als früher, Ärger und Frust lassen junge Menschen nicht selten aneinander aus.
Wenn man auf die Welt und all die Kriege blickt – wie wirken sich Krisen auf junge Menschen aus?
Weltweite Krisen machen etwas mit jungen Menschen. Der Ukraine-Krieg hat bei vielen tiefe Bedrückung und existenzielle Ängste hervorgerufen. Oder auch die Klimakrise, die junge Menschen stark beschäftigt. Hilfreiche Gegengewichte zu diesen Belastungen sind die sogenannten Schutzfaktoren. Damit sind die positiven Einflüsse gemeint, die Resilienz, also psychische Stabilität. Diese Schutzfaktoren müssen gestärkt werden. Dabei sind Gespräche über Sorgen und Ängste in besonderer Weise hilfreich, wenn sie von Echtheit, Wertschätzung und Einfühlungsvermögen getragen sind.
Empathische Gespräche dürften generell der Schlüssel in vielen Fällen sein.
In solchen Gesprächen kann sich ein junger Mensch so öffnen, dass deutlich werden kann, welche Probleme genau bestehen. Denn oft ist das zunächst keineswegs klar. Generell ist bekannt: Gelingt es, über seine belastenden Gefühle zu sprechen, hellen sich diese auf und werden als weniger bedrückend empfunden. Man gewinnt Abstand dazu, distanziert sich.
Manchmal reichen Gespräche mit Familienangehörigen und Freunden aber nicht aus.
Dann stehen wir als Erziehungsberatungsstelle zur Verfügung – und zwar für alle Probleme, die Kindheit, Jugend und junges Erwachsenenalter mit sich bringen können. Zum Erstgespräch erscheinen häufig die Mütter alleine, aber wir können flexibel gestalten, wer an den Gesprächen teilnimmt – je nach Wunsch und Bedarf. Junge Menschen können sich auch von sich aus an uns wenden, das kommt immer wieder vor. Wichtig ist uns: Wir entscheiden nichts über den Kopf eines jungen Menschen hinweg. Aber wichtig ist auch: Ohne die Eltern geht es nicht. Es geht immer darum, ein Problem in Beziehung zu setzen, ich muss das Umfeld einbeziehen.
Ist das allen Eltern klar, dass man Probleme selten losgelöst für sich betrachten kann?
Es wird nicht immer richtig mit Problemen umgegangen, das geschieht aber nicht aus Bosheit oder Desinteresse. Welche Faktoren miteinander zusammenhängen, das weiß man nicht, wenn sich damit nicht beschäftigt. Das weiß im Übrigen zunächst auch ich nicht, dazu braucht es Gespräche. Und ganz selten ist es mit ein, zwei Stunden getan.
Wartezeit von drei Monaten
Oft ist die Wartezeit bei Psychotherapeuten sehr lang.
Im Schnitt ist die Wartezeit bei uns drei Monate, in Krisenfällen geht es aber schneller.
Werden psychische Problemen in unserer Gesellschaft mittlerweile ernst genommen oder noch bagatellisiert? Schämen sich Menschen, wenn sie zu Ihnen in die Beratungsstelle kommen?
Der Umgang mit psychischen Problemen hat sich in den letzten Jahrzehnten verbessert, lässt aber immer noch zu wünschen übrig. Angesichts der allgemeinen Zunahme psychischer Störungen und dem damit einhergehenden auch volkswirtschaftlichen Schaden ist eine Bagatellisierung aber kein Thema mehr. Auch Hilfsangebote sind im allgemeinen Bewusstsein ein wenig selbstverständlicher geworden. Scham hat sich deutlich reduziert, ist aber noch vorhanden. Ich persönlich nehme das allerdings sehr selten wahr. Ein Problem ist nach wie vor, dass zu viele Menschen über psychische Probleme zu wenig wissen. Mit Präventionsveranstaltungen versuchen wir dazu beizutragen, dass sich das ändert.
Die Beratungsstelle:
Jubiläum: Die psychologische Beratungsstelle für Eltern, Kinder und Jugendliche wurde im Jahr 1973 als Erziehungsberatungsstelle gegründet, Träger ist der Caritasverband für die Diözese Eichstätt. Während es früher häufig um eher einfachere Fragen ging – etwa um Taschengeld oder klassische Erziehungsfragen –, geht es heute häufig um gravierende psychische Probleme. Auch wuchs mit dem 1991 eingeführten Kinder- und Jugendhilfegesetz das Aufgabenfeld der Beratungsstelle: Es kamen die Hilfen für junge Erwachsene sowie die Trennungs- und Scheidungsberatung dazu.
Fallzahlen: Im Jahr 2022 nahmen 450 Familien die Beratungsstelle in Anspruch, davon wurden 172 Fälle aus dem Vorjahr übernommen. Das bedeutet eine Zunahme der Fälle gegenüber 2021 um knapp zwölf Prozent. Wissenschaftliche Studien untermauern die Zunahme – die jüngsten Erhebungen des Robert-Koch-Instituts zur Gesundheit von Kindern- und Jugendlichen zeigen, dass die Häufigkeit für psychische Auffälligkeiten bei Kindern und Jugendlichen zwischen drei und 17 Jahren bei fast 17 Prozent liegt.
Struktur: 42 Prozent der Familien kamen aus der Stadt, 58 Prozent aus dem Landkreis. Die meisten Klientinnen und Klienten sind zwischen sechs und 17 Jahre alt. In den meisten Fällen besucht das Kind eine Grundschule, gefolgt von Kindern auf weiterführenden Schulen und Kita-Kindern.
Kontakt: Neben der Beratungsstelle in der Ringstraße in Neumarkt gibt es eine Außenstelle in Dietfurt (Lohmühlenweg 3). Weitere Infos, Erstkontakt und Hilfe unter Telefon (09181) 29740, Mail erziehungsberatung@caritas-neumarkt.de. Die Beratung ist kostenlos, finanziert wird die Beratung von Landkreis, Caritas und Freistaat.
