Krieg und Krisen: Kinder stark durch schwierige Zeiten bringen – Neumarkter Expertin gibt Tipps

Das Wort ist vielen Menschen erst seit der Pandemie ein Begriff: Resilienz. Denn: Krisen lösen verstärkt psychische Erkrankungen aus – im Fall von Corona traf es vor allem Kinder und Jugendliche. Melanie Wolters ist promovierte Therapeutin in Neumarkt und beschäftigt sich mit dem Thema.
Grundsätzlich versteht man unter Resilienz die psychische Widerstandskraft bei Schicksalsschlägen, Schock-Traumatisierung und in Krisensituationen. Die Bandbreite ist riesig: Während in der einen Familie die ganze Familie ins Bodenlose fällt, wenn das Kaninchen stirbt, kamen andere Menschen psychisch unbeschadet aus dem KZ, erklärt Wolters.
Warum das so ist, wurde nach dem Krieg in den USA erforscht. Bei denen, die eine Krise ohne psychische Folgen gepackt hatten, stellte sich heraus, dass diese besonders gute Beziehungen zu anderen Menschen hatten. „Sie hatten immer jemanden an ihrer Seite.“ Außerdem entdeckte man bei ihnen den so genannten „sense of coherence“ – also die Tatsache, dass sie sich erklären konnten, warum die Situation so war wie sie war. Zudem wiesen diese Menschen ein gutes Selbstwertgefühl und eine gewisse genetische Veranlagung auf. Diese dürfte aber eine untergeordnete Rolle spielen, so Wolters.
Resilienz kann man lernen
Das wiederum bedeutet, gerade für Familien mit Kindern: Resilienz kann man lernen – indem man gute soziale Beziehungen führt, Kindern ein positives Selbstwertgefühl vermittelt und mit Stress richtig umgeht. Etwa, wenn man mal den Bus verpasst – da gibt es auf der einen Seite Menschen, die fast in Panik geraten, auf der anderen die, die gelassen sagen, dass sie dann eben den nächsten nehmen. „Wenn die Eltern gechillt sind, werden die Kinder ähnlich reagieren.“
Grundsätzlich lässt sich Resilienz dadurch trainieren, indem man lernt, seine Gefühle zu erkennen und dadurch steuern zu können. „Ob sie Scham oder Angst, Stolz oder Wut, Frust oder Trauer spüren, das können schon Kinder sagen“, so Wolters. Und genau dies differenziert wahrzunehmen und auszudrücken, sei das Training. Wichtig dabei sei die Erkenntnis: Jeder Mensch steuert seine Gefühle selbst. Es gelte der Grundsatz „Ich habe Gefühle“ und nicht „Die Gefühle haben mich.“
Gefühle in Worte fassen und einordnen
Bei Kindern sei es wichtig, nachzufragen, wenn sie über ihre Gefühle vielleicht nur einsilbig sprechen – denn dadurch lernen sie automatisch, ihre Gefühle in Worte zu fassen und einzuordnen. „Gefühle sind keine Reaktion“, sagt Wolters. Sie würden aktiv produziert. Maßgeblich für Resilienz sei eine gute Beziehung zu einer Bezugsperson, etwa Mama, Papa oder Oma.
Als Vorreiter der „positiven Psychologie“ gilt der promovierte US-Psychologe Martin Seligman. Seine Methodik war in den USA auch bei der Armee gefragt, wo man Soldaten – nach dem Vietnam-Debakel – vor einem Kriegseinsatz mit mehr psychischer Widerstandskraft ausstatten wollte. Diese Idee hält Wolters für geradezu obszön. „Es ist eine klare Instrumentalisierung von etwas Positivem.“
Resilienz nicht instrumentalisieren, um Stresslevel hoch zu halten
Problematisch findet sie es daher auch, Menschen, die durch die Pandemie harte Zeiten erlebt haben, aufzufordern, ihre Resilienz zu trainieren. „Das ist der Hebel am falschen Ort. Ziel muss sein, Stress und Belastung herunterzuschrauben.“ Ähnliches erlebe sie auch bei Führungskräften: Zu oft gehe es darum, Resilienz zu erlernen, um die Belastung hoch halten zu können – der falsche Ansatz. Stress an und für sich sei nicht negativ, chronischer Stress aber sehr wohl.
Dass sich Schule und Stress oft nicht ausschließen, ist Wolters bewusst. Hier rät sie Eltern, womöglich auf den höchsten Bildungsabschluss für ein Kind zu verzichten, um dafür dessen psychische Gesundheit zu erhöhen – gleichwohl die normativen Zwänge der Gesellschaft „unglaublich hoch“ seien. Eine dauerhafte Überforderung von Kindern sei jedoch problematisch.
Die Familienmesse:
Termin: Mit Familienthemen beschäftigt sich die Infomesse Familienbildung des Landkreises am Samstag, 7. Oktober, ab 10 Uhr im Landratsamt. Es gibt Infostände, 30-minütige Vorträge und Rahmenprogramm. Der Eintritt ist frei.
Themen: Therapeutin Melanie Wolters greift zwei Themen auf: Um 11 Uhr spricht sie für Eltern mit Kindern ab fünf Jahren über AD(H)S, um 13.30 Uhr geht es für Eltern mit Kindern bis 18 Jahren um das Thema „Resilienz – oder wie Kinder aus Krisen Kraft ziehen können“.
