Teufelskreis ADHS: So können Neumarkter Familien ihn durchbrechen

Das Kind ist ständig unruhig und unkonzentriert: Bei Eltern löst das schnell die Furcht vor der Diagnose ADHS aus. Doch ein herumzappelndes Kind hat nicht automatisch ADHS – und selbst wenn, lässt sich mittlerweile gut mit der Krankheit umgehen. Wie, das erklärt Melanie Wolters, promovierte Therapeutin aus Neumarkt.
Sie spricht bei der Familienmesse des Landkreises am Samstag, 7.Oktober, im Landratsamt. Wenn Eltern den Verdacht haben, ihr Kind habe ADHS (Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung), empfiehlt Wolters, die eigene Wahrnehmung systematisch zu überprüfen, wenn man auf besondere Aktivitäten und Konzentrationsstörungen achtet. Denn: Es kann passieren, dass die besondere Fokussierung auf das Verhalten des Kinds wie eine Lupe – und das Verhalten dann erst recht auffällig wirkt.
Häufig ein Problem: Die Erwartungen der Eltern decken sich nicht mit dem Verhalten des Kinds, etwa beim Thema Aufmerksamkeit. Dass bei kleinen Kindern die Aufmerksamkeitsspanne niedrig sei, sei völlig normal, so Wolters. „Man muss sein eigenes Normalitätsverständnis hinterfragen“, sagt die Therapeutin. Dabei gelte der Grundsatz: „Mein Normal muss nicht das Normal des anderen sein.“ Zur Einordnung: Wenn Kinder eingeschult werden, sind sie alle sechs Jahre alt – ihr Entwicklungsstand bewegt sich aber im Alter zwischen drei und neun Jahren.
ADHS in den meisten Fällen genetisch verankert
So wichtig es ist, mit ADHS richtig umzugehen, so problematisch ist es, eine mögliche Diagnose ADHS herbeizureden. Wenn Eltern etwas problematisierten, was nicht das sei, „dann wird es erst zum Problem. Das hat Gefahrenpotenzial.“ Denn: „Kinder machen dann die Erfahrung, dass sie ein Problemkind sind, zu unkonzentriert, zu faul, zu dumm.“
Wenn Eltern sich Sorgen machen, sollten sie einen Experten, am besten einen Kinder- und Jugendpsychotherapeuten oder den Kinderarzt kontaktieren – auch um andere Grunderkrankungen auszuschließen, sagt Wolters. Statistisch gesehen sei ADHS in den meisten Fällen genetisch verankert. Wie die Veranlagung sich auswirkt, kann man aber beeinflussen. „Man kann ADHS nicht verhindern, aber entschärfen“, so Wolters.
Dazu gehört in ihren Augen vor allem eine gute Beziehung zu einer Bezugsperson, meist den Eltern. „Die Bezugsqualität hat entscheidenden Einfluss.“ Damit es gut läuft, rät Wolters, die Beziehung zum Kind isoliert von dessen Verhalten zu betrachten. Das bedeutet: Dem Kind gerade in Momenten, in denen es sich nicht so verhält wie erwünscht, zu sagen: „Ich hab dich lieb, so wie du bist – aber das, was du gerade tust, gefällt mir nicht.“ Dies stärke die Beziehung. Schaden hingegen nehme die Beziehung, wenn sie abhängig vom Verhalten gemacht werde.
Autogenes Training, Yoga, Stressmanagement
Hilfe erfahren Kinder mit ADHS auch durch Stressmanagement-Training, autogenes Training oder Yoga. Diese Methoden helfen, ADHS zu regulieren – die Krankheit verschwindet dadurch aber nicht.
Gerade wenn es um ADHS geht, geht es auch immer um die Frage der Medikation. Sie finde es – je nach Fall – durchaus legitim, Medikamente anzuwenden, weil die sozialen Nebenwirkungen von ADHS häufig drastisch seien, sagt Wolters. Kinder werden zu Außenseitern, die Beziehungsqualität leidet, das Selbstbild kann Schaden nehmen, der ganze Tag bedeutet nichts als Stress. „Dann sind Medikamente ein Segen. Ein Fluch sind sie dort, wo sie als alleinige Maßnahme eingesetzt sind“, sagt die Therapeutin. „Medikamente wirken schnell, aber nicht nachhaltig. Therapeutische Behandlung wirkt nicht schnell, aber nachhaltig.“
Dass heute mehr ADHS-Diagnosen gestellt werden als vor zehn Jahren macht Wolters auch daran fest, dass nach der Krankenkassenlogik für jede Behandlung eine Diagnose nötig sei. Durch das „Eintrittsticket Diagnose“ werde ADHS vermehrt statistisch erfasst und lenke auch die Aufmerksamkeit auf das Thema.
Soziale Einflüsse als Verstärker: Bewegungsarmut, Medienkonsum
Psychische Grunderkrankungen habe es aber schon immer gegeben, sagt Wolters – sie würden stets durch soziale Einflüsse verstärkt. Im 19. Jahrhundert zum Beispiel die „Hysterie bei Frauen“, hinter der eine tatsächliche Erkrankung steckte, die Männer aber als Übertreibung abtaten, erkrankte Frauen reihenweise in Nervenheilanstalten steckten und einen Beweis darin sahen, dass Frauen nicht gefestigt und wankelmütig seien.
Diese soziohistorischen Bedingungen spielen auch bei ADHS eine Rolle – sie begünstigen die Krankheit, wenn eine genetische Veranlagung vorliegt. Im Fall von ADHS sind es Bewegungsarmut, Medienkonsum, zeitlich ständig am Limit zu sein und wenige Momente zum Innehalten zu haben. Denn: Das vegetative Nervensystem braucht Zeit, sich auszuruhen und runterzufahren.
Statt gelangweilt aus dem Fenster zu kucken, greifen viele Menschen aber eher zum Handy und schauen Tiktok – dort können sie auch auf zahlreiche Videoschnipsel zum Thema ADHS stoßen. In Mini-Sequenzen schildern meist junge Mädchen, woran sie gemerkt haben, dass sie ADHS haben, wie es ihnen damit geht oder was sie durch ADHS besser können.
Krankheit nicht den Alltag dominieren lassen
Dass sich die Jugendkultur ADHS angeeignet habe, könne durchaus sein, sagt Wolters. Es sei jedoch generell problematisch, „wenn etwas durch den Durchlauferhitzer“ geht. Wie für alle psychischen Erkrankungen gelte auch für ADHS: Die Menschen haben gerne eine Erklärung. Wenn man einen Namen habe, bedeute das, eine Krankheit behandlen zu können. So erleichtert manche Eltern auch sein mögen, liegt darin aber auch ein Problem: Niemand mit einer Diagnose sei von seinem eigenen Tun freigesprochen, sagt Wolters. „Ich lasse mich behandeln“ sei der falsche Ansatz – stattdessen müssten die Betroffenen selbst handeln.
Eltern, die zu ihr kommen, rät sie, dass die Familien ihren Alltag nicht komplett rund um die Krankheit organisieren und die Nebenwirkungen in Schach halten. Und dass sie akzeptieren, dass die Situation und ihr Kind sind, wie sie sind und damit umzugehen lernen. „Ich vergleiche das gern damit: Wenn mein Kind keinen linken Arm hat, kann es auch keine Wasserkiste in den dritten Stock tragen.“
Die Familienmesse:
Termin: Mit Familienthemen beschäftigt sich die Infomesse Familienbildung des Landkreises am Samstag, 7. Oktober, ab 10 Uhr im Landratsamt. Es gibt Infostände, 30-minütige Vorträge und Rahmenprogramm. Der Eintritt ist frei.
Themen: Therapeutin Melanie Wolters greift zwei Themen auf: Um 11 Uhr spricht sie für Eltern mit Kindern ab fünf Jahren über AD(H)S, um 13.30 Uhr geht es für Eltern mit Kindern bis 18 Jahren um das Thema „Resilienz – oder wie Kinder aus Krisen Kraft ziehen können“.