Vor einem Jahr floh er aus Regensburg: So lief die Jagd nach dem Mörder

99 Stunden. 56 Minuten. 470 Kilometer. Das sind die Eckpunkte der Flucht eines verurteilten Mörders aus Regensburg nach Frankreich. Der Fall sorgte vor genau einem Jahr, im Januar 2023 weltweit für Schlagzeilen. Zum Jahrestag rekonstruieren wir, wie der 40-Jährige entkommen konnte.
• Der große Fluchtplan
Es ist 20.10 Uhr am Abend des 4. Januar 2023. Häftling Robert K. (Name geändert) will gerade Putzwasser im Duschraum der JVA Würzburg wegschütten, da hört er die Stimme von Rachid C., der mit einem Mitgefangenen spricht. Die Männer bemerken Robert K. nicht. Er werde nun bald abhauen, sagt C., der 2011 eine Kiosk-Besitzerin in Nürnberg kaltblütig erdrosselt hat und dafür seit zehn Jahren in Haft sitzt. Robert K. geht zurück in seine Zelle. Um 20.30 Uhr schließt sich die Tür. Einen Tag später kennt ganz Deutschland das Gesicht von Rachid C.
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• Der Sprung in die Freiheit
Es ist eine Verhandlung von vielen: Am 5. Januar 2023 um 13 Uhr wird das Verfahren gegen Rachid C. eröffnet. Er sitzt in Saal 205 des Amtsgerichts Regensburg, weil er im Juli 2021 mehrere Beamte in der JVA Straubing angegriffen hat. Gegen 14 Uhr bittet der Mörder um ein Gespräch mit seinem Verteidiger Moritz Schmitt-Fricke. Die beiden Männer werden in das Anwaltszimmer im Erdgeschoss geführt. C. trägt dabei weder Hand- noch Fußfesseln. Der Kriminelle betritt den Raum zuerst. Mit einem Satz ist er am Fenster, er öffnet es und springt in die Freiheit.
• Die fieberhafte Suche
Um 15.36 Uhr am 5. Januar versendet Polizeisprecher Florian Beck eine E-Mail. Ihr Inhalt hat Sprengkraft. Er bittet die Öffentlichkeit um Hilfe dabei, den entflohenen Mörder Rachid C. zu finden. Blitzschnell verbreitet sich das Bild des Mannes im Internet, während der Schwerkriminelle wie vom Erdboden verschluckt ist. Gegen 15 Uhr steigt ein Helikopter in den Himmel über Regensburg. Er kreist über der Altstadt. Der Prozess gegen C. geht ohne den Angeklagten zu Ende. In Abwesenheit wird er zu einem weiteren Jahr Haft verurteilt. Vor den Toren des Justizgebäudes wird fieberhaft nach Rachid C. gesucht: Polizeifahrzeuge fahren in hohem Tempo durch die Stadt. Die Beamten werden in den kommenden Tagen verstärkt Präsenz zeigen. Das Knattern des Polizeihubschraubers wird zu einem gewohnten Geräusch. Schnell erreichen die Polizei erste Hinweise zum Flüchtigen. Um 17.30 Uhr an diesem Donnerstagabend eilen Polizeikräfte zu einem Gebäude am Bahnhof. Das Haus wird umstellt und durchsucht – vom Mörder allerdings keine Spur.
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• Der Geruch des Mörders
Am 6. Januar schreitet Rauhaarterrier Abby zur Tat. Keine 100 Meter vom Justizgebäude entfernt schnüffelt der Polizeihund um 15.47 Uhr am Dreikönigstag am Schlafgewand des Mörders – und nimmt die Fährte auf. Sie zieht zwei Polizeibeamte über einige Hinterhöfe in Richtung Bahnhof. Ein Ehepaar steht am Fenster und bemerkt die Polizisten. Sie bieten den Beamten an, sie durch ihren Garten zu lassen. Genau diesen Weg hat Rachid C. einen Tag zuvor genommen. Um 14.49 Uhr rannte er durch den Garten des Ehepaars – das hat die Überwachungskamera aufgezeichnet. Die beiden sind in Aufruhr, weil Rachid C. noch immer frei herumläuft. „Wer kann schon sagen, zu was der fähig ist“, sagt der Anwohner.
• Der Tipp aus dem Knast
Später an diesem Dreikönigstag: Die Zellen der JVA Würzburg werden gegen 20.30 Uhr verschlossen – nach wenigen Minuten geht eine Tür wieder auf. Der Gefangene Robert K. wird auf die Besucherebene gebracht. Dort wartet ein Beamter der Kriminalpolizei auf ihn. Zu diesem Zeitpunkt ist der Mörder, den K. zwei Tage zuvor unter der Dusche belauscht hat, bereits 30 Stunden auf der Flucht. Robert K. packt aus. Er erzählt dem Beamten, dass er seine Frau mehrfach mit dem illegalen Knasthandy des flüchtigen Mörders angerufen hat. Der Häftling verschafft dem Beamten die Telefonnummer von Rachid C.
• Die Schlinge zieht sich zu
Sofort beginnt die Polizei damit, das Handy des Flüchtigen zu überwachen. Auch sein Umfeld hören sie ab. Die Beamten stellen fest, dass sich das Handy des Flüchtigen in Richtung Frankreich bewegt – dort lebt die Familie von Rachid C. Am 8. Januar, also 48 Stunden nach der Flucht, entdecken Spezialkräfte ein Fahrzeug auf einer Autobahn in Baden-Württemberg. Darin sitzen Angehörige des Flüchtigen – sie führen die Polizeibeamten geradewegs zu Rachid C.
• Der Zugriff an der Grenze
Das Auto überquert die Grenze nach Frankreich. Spezialkräfte aus dem Nachbarland übernehmen die Verfolgung. Sie bekommen Rachid C. zu Gesicht. Er hat sein Aussehen verändert: Der Bart ist ab, die Haare sind geschnitten. Er sitzt im Auto seiner Schwester. In das Fahrzeug ist er vier Tage zuvor am Regensburger Hauptbahnhof gestiegen. Das Auto haben sie Tage zuvor am Frankfurter Flughafen angemietet. Am 9. Januar um 18.10 Uhr schlagen Spezialkräfte zu. Rachid C. wird im französischen Ort Farébersviller festgenommen. Er leistet keinen Widerstand.
• Die erlösende Nachricht
Um 19.20 Uhr am selben Abend erscheint ein Artikel auf der Internetseite der Mittelbayerischen Zeitung. Der Titel der exklusiven Meldung: „Sie haben ihn: In Regensburg geflohener Mörder ist gefasst.“ Um 19.22 Uhr verkündet auch die Polizei den Fahndungserfolg. Die Nachricht verbreitet sich wie ein Lauffeuer.
• Die Details der Flucht
Am 11. Januar 2023 um 12.30 Uhr sitzt Rachid C. in einem Straßburger Gefängnis. Er wartet auf seine Abschiebung nach Deutschland. Zeitgleich treten die Spitzen der Oberpfälzer Polizei vor die Presse. Viele Fragen bleiben offen. Erst nach und nach kommen Details ans Licht – auch weil sich der Mitgefangene Robert K. an unsere Zeitung wendet. Der Anwohner, durch dessen Garten der Mörder rannte, fasst das Gefühl der Stadt in diesen Stunden zusammen: „Gott sei Dank ist der Spuk vorbei.“
• Die Rückkehr des Mörders
Es ist der 21. Juni 2023 – eine Minute vor 9 Uhr. Die Tür des Aufzugs im ersten Stock des Regensburger Justizgebäudes öffnet sich. Das Rasseln der Fußfessel versetzt die wartenden Journalisten in Hektik. Ihre Kameras fangen den Moment ein, in dem Rachid C. nach 166 Tage, 18 Stunden und 49 Minuten nach dem Sprung aus dem Fenster an den Ort seiner Flucht zurückkehrt. Er ist gegen das Urteil im Januar in Berufung gegangen. Nun muss das Landgericht über den Angriff auf die Vollstreckungsbeamten in der JVA Straubing entscheiden. In der Verhandlung erhebt Rachid C. krude anmutende Vorwürfe gegen Gefängnismitarbeiter. Das Gericht urteilt härter als in der ersten Instanz: C. muss anderthalb weitere Jahre in Haft. Der verurteilte Mörder ist in Revision gegangen. Rund ein Prozent dieser Anträge haben Erfolg. Inzwischen sind alle Ermittlungen abgeschlossen. Nur nahe Verwandte haben dem Mann geholfen – für sie ist diese Unterstützung straffrei.
• Die Folgen der Flucht
Betritt man das Anwaltszimmer, aus dem Rachid C. vor genau einem Jahr geflohen ist, fällt auf: Das Fenster hat keinen Griff mehr. Der Raum ist nun endgültig Advokaten vorbehalten – zuvor durften Angeklagte dort vereinzelt mit ihren Verteidigern sprechen. Für solche Besprechungen ist ein eigener Raum in Planung. Das Gericht hat darüber hinaus die Hinweisblätter für Vorführbeamte überarbeitet. Zudem gilt im Gericht seit dem Vorfall eine strikte Fesselpflicht. Wer an Händen oder Füßen gesichert ist, bleibt das auch – zumindest bis zum Gerichtssaal. Dort muss der Richter darüber befinden, ob der Angeklagte gefesselt bleibt.
Und dennoch: Wenn eine Fußfessel über den Boden des Justizgebäudes schleift, denkt man unweigerlich an jenen Mann, der von der Anklagebank in die Freiheit sprang – für 99 Stunden und 56 Minuten.


