Italiener (33) rauscht durch Rettungsgasse – Helfer klagen über Rücksichtslosigkeit

Von André Baumgarten · 21. Dezember 2023 um 10:00

Vorn stirbt ein Mensch, hinten will ein Mann den Stau umfahren. Nach dem tödlichem Lkw-Unfall auf der A3 bei Rosenhof fährt ein Auto hinter Einsatzkräften durch die Rettungsgasse – das sagen die Retter dazu.

Während die Retter einen tödlichen Unfall abarbeiten, hat ein 33-Jähriger wohl nur seine Termine im Kopf. Er heftet sich an das Heck eines Feuerwehrautos und versucht, durch die Rettungsgasse den Stau zu umgehen.

„Das ist ein absolutes No-Go“, schimpfen Einsatzkräfte. Erlebt haben sie Vergleichbares auf A3 oder A93 bisher noch nie. Die Polizei dagegen spricht von einer „verdammt hohen“ Dunkelziffer. Die Feuerwehren kämpfen indes mit immer mehr Rücksichtslosigkeit bei ihren Einsätzen.

Am 4. Dezember übersah ein Lkw-Fahrer auf der A3 bei Rosenhof ein Stauende. Das Fahrzeug des 58-Jährigen rammte einen 40-Tonner und schob diesen auf drei weitere Lastwagen. Die Autobahn musste gesperrt; ein Großaufgebot an Rettern eilte zur Unfallstelle. Für den Verursacher kam jede Hilfe zu spät, er starb vermutlich beim Aufprall. Einen Mann schien das wenig zu interessieren – während andere im Stau warteten, nutzte der Italiener mit Wohnsitz in Baden-Württemberg die Gelegenheit und folgte einem der nachalarmierten Einsatzfahrzeuge. „Die genauen Gründe sind uns nicht bekannt“, so ein Sprecher der Regensburger Verkehrspolizei.

Der 33-Jährige flog auf, weil der Fahrer im Feuerwehrauto den Firmenwagen hinter sich bemerkte, der illegal die Rettungsgasse nutzte. Also griff die Polizei an der Abfahrt Rosenhof zu. An der Stelle, wo der Verkehr von der A3 abgeleitet wurde, endete die Fahrt des Mannes. Ihn erwarten ein Bußgeldbescheid von 240 Euro, dazu zwei Punkte in Flensburg sowie ein einmonatige Fahrverbot. Denn die Rettungsgasse ist für Autofahrer tabu – sie ist per Gesetz nämlich Polizei, Rettungsdienst, Feuerwehr oder Abschleppern vorbehalten.

Gaffer sind und bleiben großes Problem

„Die Rettungsgasse soll dafür sorgen, dass wir schneller zum Einsatzort kommen“, sagte Andreas Staudinger. Er ist Kommandant der Feuerwehr Barbing, die an jenem 4. Dezember im Einsatz war – das 24. Mal seit Jahresbeginn. In gut einem Viertel aller Alarme rückten die Ehrenamtlichen zur Autobahn aus. Seien es bisher 50 bis maximal 70 Einsätze, wurde die Barbinger Wehr in diesem Jahr bereits 103 Mal alarmiert. Mit Gaffern habe man dabei aber häufiger zu kämpfen. „Das ist verstörend, weil wir nichts dagegen tun können“, so Staudinger. Und im schlimmsten Fall provoziere das Unfälle.

Das bestätigte auch Thomas Mederer. Das Hinschauen lasse sich aus Sicht des Regenstaufer Feuerwehr-Kommandanten mit natürlicher Neugier begründen – Videos oder Fotos machen, hingegen nicht. „Das zeugt von fehlendem Respekt; auch für Einsatzkräfte, die ihre Freizeit opfern, um zu helfen.“ Auch Mederer hat es nie erlebt, dass „uns jemand in der Rettungsgasse gefolgt wäre“. Zumal spätestens an der Unfallstelle auch Schluss wäre und so womöglich die Retter blockiert würden. Unverantwortlich sei das. „So jemandem gehört der Führerschein genommen.“

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So selten, wie Feuerwehrler das erleben, scheint es nicht zu sein. 53 Verstöße gegen Rettungsgassenpflicht und Behinderungen von Einsatzfahrzeugen zählte das Polizeipräsidium seit 2021. Genauso wird unberechtigtes Fahren in einer Rettungsgasse geahndet. „Die Dunkelziffer wird verdammt hoch sein“, erklärte ein erfahrener Verkehrspolizist. Doch es gibt eine ganz große Einschränkung: Wie die Rettungskräfte sei die Polizei mit wichtigeren Dingen beschäftigt. Die Verfolgung solcher Zwischenfälle müsse daher „nebenbei laufen“. So wie aktuell auch auf der A3 – eine unterstützende Streife von der Polizeiinspektion Wörth nahm sich am 4. Dezember des 33-Jährigen an.

Polizisten hören „die tollsten Ausreden“

Wie weit der Mann hinter dem Feuerwehrauto herfuhr, ist unklar. Der Verkehr staute sich nach dem tödlichen Crash von fünf Lastwagen bis zur Donaubrücke bei Wörth zurück. Werden Autofahrer bei sowas ertappt, kommen „meistens die tollsten Ausreden wie Zahnarzt- oder Frisör-Termine“, schilderte der Polizist aus dem Alltag. Da sei so ziemlich alles mit dabei – außer Einsicht.

Behindern der Einsatzfahrzeuge oder fehlende Rettungsgasse seien das Eine – Fälle, wo auf Autobahnen rückwärts gefahren, gewendet und zur nächsten Abfahrt zurückgefahren werde, gebe es auch. Solche Extremfälle sind laut Verkehrspolizei eine Straftat und keine Ordnungswidrigkeit. Im Strafgesetzbuch sind dafür Geldstrafen oder bis zu fünf Jahren Gefängnis vorgesehen. Doch auch hier gilt: „Wir sehen nicht oder seltenst, was ganz hinten in einem Stau passiert.“ Eine ernsthafte Kontrolle und die entsprechende Ahndung sei daher nahezu unmöglich.

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Ehrenamtliche Retter beschäftigt neben Uneinsichtigen und Gaffern etwas anderes sehr: die massiv steigende Rücksichtlosigkeit. Damit hadert, wie seine Kollegen in Barbing, auch Mederer. Zum Teil werde mit Vollgas an Unfallstellen auf der Autobahn vorbei gerast, schilderte der Kommandant der Regenstaufer Wehr aus dem Alltag. „Man geht ganz automatisch einen Schritt zurück“ sagte er, „und hat immer ein Auge auf dem Verkehr“. 46 Mal wurden er und sein Team 2023 auf die A93 gerufen; wie in Barbing gut ein Viertel aller Alarme.

Auf jedem Autobahnparkplatz könne man testen, wie es sich anfühlt, wenn Autos „mit 130 Sachen oder noch mehr vorbeirauschen – nur das uns da eineinhalb Meter trennen im Einsatz“. Was sich die Retter wünschen: Früh den Fuß vom Gas nehmen und mehr Verständnis für alle, die ihre Freizeit opfern, um anderen zu helfen. „Ein ganz kleines bisschen mehr Respekt wäre wirklich schön.“