Warum Feuerwehren im Landkreis Regensburg von Corona profitieren

Von André Baumgarten · 14. Dezember 2023 um 05:00

Unerwartete Zahlen im Landkreis Regensburg: Ausgerechnet in der Pandemie ist die Zahl der Aktiven im Ehrenamt gestiegen. Kreisbrandmeister Scheuerer ist zufrieden. Doch Corona hatte auch eine Schattenseite – vor allem Freizeitunfälle forderten die Feuerwehren bei Einsätzen.

Das ist eine positive Überraschung: Es gibt immer mehr aktive Männer und Frauen, die sich im Ehrenamt engagieren. Die Feuerwehren im Landkreis Regensburg sind die großen Profiteure von Corona. Alle Befürchtungen, dass die Auflagen und Einschränkungen während der Pandemie ein erhebliches Minus bescheren würden, haben sich nicht bestätigt. „Wir sind auf einem wirklich guten Weg“, sagt Kreisbrandrat Wolfgang Scheuerer. Doch es gibt eine Schattenseite: Weil die Menschen durch Corona viel mehr daheim waren, stiegen die Einsatzzahlen – vor allem bei Freizeitunfällen waren die Ehrenamtler oft gefordert.

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Scheuerer ist qua Amt Chef von 175 Feuerwehren quer durch den Landkreis. Vor drei Jahren opferten dafür nur noch 6946 Aktive ihre Freizeit im Ehrenamt. Nach Corona sind es 145 mehr. Auffällig: Zwei Drittel davon sind Frauen, die aktiv Dienst am Nächsten leisten. Der Anteil des weiblichen Geschlechts in den Landkreis-Feuerwehren lag damit bei rund 18 Prozent. Ganz deutlich ging es beim Nachwuchs nach oben: Zu gut 1800 Jugendlichen sind fast 1100 ganz Kleine in aktuell 53 Kinderfeuerwehren dazugekommen – ein sattes Plus von 65 Prozent seit dem Jahr 2020.

Dass durch fehlende Kontakte die wichtige Bindung zu Verein und Mannschaft verloren geht, war laut Scheuerer vor zweieinhalb Jahren die größte Angst. „Damals wären wir schon froh gewesen, unsere Zahlen halten zu können.“ Alle Auflagen hätten schließlich auch für das Ehrenamt gegolten. Feuerwehren lebten neben Einsätzen aber vor allem von Treffen, der Kameradschaftspflege und natürlich Ausbildung. Also seien Konzepte entwickelt worden, um die Lehrgänge für Atemschutz oder auch Maschinisten nicht einstellen zu müssen.

Konzepte für Übungen und Weiterbildung

Die Feuerwehren übten in Kleingruppen, zogen sich im Freien für Übungsstrecken wie beim Atemschutz in Neutraubling um. „Das hat gut funktioniert“, zieht der Kreisbrandrat Bilanz. Bei nicht selten gefährlichen Einsätzen zähle Teamarbeit, was eben großes Vertrauen voraussetze. Dass der eine oder andere sagen könnte, „ach, es geht auch ohne mich“, geschah nicht. Daher liegen die Landkreis-Feuerwehren wieder bei knapp 7100 Aktiven, „auf die wir das ganze Jahr zugreifen können – die Benchmark, die wir immer halten müssen“. Immer mehr Einsätze und bis 2020 sinkende Zahlen bei Ehrenamtlichen hätten zu immer größeren Belastungen Einzelner geführt. Scheuerer weiß, wovon er spricht: Der 64-Jährige ist seit mehr als 37Jahren Feuerwehrmann mit Leib und Seele. Seit 2014 hat er als Kreisbrandrat das höchste Amt im Landkreis inne.

„Ich tue das aus Überzeugung, Idealismus und einem Helfersyndrom“, sagt er. Nun sind die letzte 300 Tage angebrochen, die er als KBR im Dienst ist – mit 65 Jahren ist nämlich per Gesetz Schluss. Die Stunden, die er für das Ehrenamt investiert hat, ließen sich nicht zählen. Etwa 150 Mal im Jahr wird Scheuerer bei größeren Einsatzlagen alarmiert und rückt aus. Seine Arbeit im Landratsamt, wo er seit Oktober 2015 angestellt ist, bliebe da auf der Strecke – zudem „viel Freizeit und das Privatleben“.

Mit dem, was er als Kreisbrandrat erreichen konnte, ist der 64-Jährige zufrieden. Wenn er im September scheidet, „ist so weit alles umgesetzt, was für die Feuerwehren im Landkreis von Vorteil ist“. Scheuerer nennt als Beispiel das Wechselladerkonzept – in Regenstauf, Neutraubling und Schierling seien Standorte für Spezialausstattung wie Atem- und Strahlenschutz, Sandsäcke oder für schwerste technische Hilfeleistungen etabliert, die landkreisweit zum Einsatz kommen. Dazu zähle auch die „UG Örtliche Einsatzleitung“, eine 2017 beschaffte rollende Einsatzzentrale voller Hightech und EDV.

Hilfsfristen in Bayern machen den Unterschied

Wie wichtig das ist, zeigen laut Scheuerer nackte Zahlen. Andere Bundesländer definierten die Hilfsfrist mit „so schnell wie möglich“; in Skandinavien liege sie beispielsweise bei bis zu 30 Minuten. Bayerns Feuerwehren dagegen müssen binnen zehn Minuten am Einsatzort sein. Das sei nur mit kurzen Wegen und Kleinteiligkeit, also Ehrenamtlichen und Gerät in allen Teilen des Landkreises, zu erreichen. „In der Regel ist das unser Anspruch“, so Scheuerer. Das rette Leben – kämen Patienten in maximal einer Stunde in eine Klinik, seien die Heilungschancen am größten.

Zur Einhaltung der Hilfsfrist trägt bei, dass intensive Nachwuchsarbeit betrieben wird. So auch im Landkreis: In immer mehr Kinderfeuerwehren könne bereits Sechsjährigen beigebracht werden, „wie wichtig es ist, sich zu engagieren“, sagt Scheuerer. Das Konzept komme gut an. Immer häufiger kämen auch Quereinsteiger, die den Stellenwert erkennen und sich einbringen wollen. „Das Ehrenamt funktioniert in Bayern noch“, ist der Kreisbrandrat überzeugt. Stelle jeder nur eine einzige Stunde bereit, sei letzten Endes allen geholfen.

Erster Urlaub ist fix geplant

„Wir haben miteinander sehr viel bewegt“, sagt Scheuerer. Für ihn gebe es nach über neun Jahren als Kreisbrandrat „kein Thema, was offen ist“. Auf den Abschied blickt der 64-Jährige mit einem lachenden und einem weinendem Auge: „Es ist gar nicht schlecht, wenn man aufhören muss.“ So bliebe in Zukunft mehr Zeit für Ski oder Motorrad fahren oder Steirische Harmonika. „Aber was mir am meisten abgehen wird, sind die Leute.“ Der erste Urlaub als Feuerwehr-Pensionist ist für Oktober in Südtirol geplant. „Kalten Entzug kriege ich nicht hin“, gibt Scheuerer offen zu. „So ist etwas Zeit, um sich zu finden.“

Das Spezialfahrzeug für „Örtliche Einsatzleitung“ war beim Brand in Thalmassing ebenfalls gefragt. Voller Hightech und EDV sorgt es dafür, dass Großlagen reibungslos abgearbeitet werden können. Foto: Baumgarten
Kreisbrandrat Wolfgang Scheuerer (3.v.re., vorn) ist mit der aktuellen Lage bei den Landkreisfeuerwehren hochzufrieden. Foto: Baumgarten