Theater Regensburg feiert Triumph mit lang verschollener Operette

Von Marianne Sperb · 17. Dezember 2023 um 12:40

„Der Prinz von Schiras“ hat das Zeug zum internationalen Erfolg – und bekommt noch in der Premierennacht seine erste Auszeichnung zugesprochen.

Dieser „Prinz von Schiras“ hat das Zeug zum internationalen Erfolg. Suzanne Beer, Philosophin aus Paris und Tochter des Komponisten Joseph Beer, zeigt sich Samstagnacht, nach der Premiere im Theater am Bismarckplatz, berührt und glücklich, dass das Meisterwerk ihres Vaters nach 90 Jahren zum ersten Mal wieder zu erleben ist. Peter Pany aus Wien vom Musikverlag Doblinger ist sicher: „Diese Operette schafft es ins Repertoire.“ Und Ronnie Bauer, Diamantenhändler aus Melbourne und Enkel des Librettisten Ludwig Herzer, träumt das Märchen, das in Regensburg gerade wahr wird, noch ein bisschen weiter: „Warum sollte diese großartige Musik nicht in der Oper von Sydney zu hören sein?“

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Okzident findet zu Orient

Die Musik ist die große Überraschung des Abends, so reichhaltig, so zeitlos, so mitreißend, so tricky, so vielfältig. Lieder, Arien und Zwischenmusik changieren zwischen Prater-Seligkeit in Wien und verruchtem Cotton Club in New York. Zitiert werden Walzer, Jazz, Tango und Cancan. Okzident findet zu Orient. Die Operette spielt mit den Genres, bedient sich aus Oper, Farce, Melodram, Komödie und symphonischem Singspiel. Das geht ins Ohr und ins Herz und fährt in die Beine. „Der Prinz“ verströmt die edle Süße einer Beerenauslese von Feiler-Artinger, die lange nachschmeckt und elegant besoffen macht. Im Foyer und noch draußen, am Platz, hört man das aufbrechende Publikum hingerissen summen „Du warst mein seliger Traum“, eine der 16 Gesangsnummern, die allesamt Ohrwurmqualitäten haben.

Joseph Beer war ein Wunderkind. Mit sieben – da wusste er nicht, dass es Notenschrift gibt – entwickelte er ein Notensystem, um festzuhalten, was er in seinem Kopf hörte. Später durfte der Hochbegabte an der Akademie Wien vier Klassen überspringen, und er war blutjung, erst 25, als seine erste Operette 1934 in Zürich ihre umjubelte Uraufführung erlebte.

„Der Prinz“ blieb verschollen

Die Nazis stoppten den Siegeszug. Der Jude Joseph Beer flüchtete, erst nach Paris, dann nach Nizza, wo er im Untergrund überlebte, während Familie und Freunde – auch der zweite Librettist Fritz Löhner-Beda – verschleppt und ermordet wurden. Beer wollte von seinen Vorkriegswerken nichts mehr wissen, sprach nicht einmal in der Familie von ihnen und verbot ihre Aufführung. So blieb „Der Prinz“ verschollen, bis er – nach einer Verkettung unwahrscheinlichster Zufälle und mit entscheidender Intervention von Intendant Sebastian Ritschel und Chefdramaturg Ronny Scholz – jetzt erstmals in Deutschland, in Regensburg, auf die Bühne kam.

Operette ist bigger than life, Leben in extremo. Regisseur Sebastian Ritschel reizt das Blatt aus. Bestens gelaunt, mit viel Tempo, Witz und Ästhetik, entrollt er genüsslich die Story um Violet Colton und den Prinzen von Schiras, die auf einem Luxusliner das süße Leben zelebrieren, bis der Angriff eines japanischen Kriegsschiffs die Sause jäh stoppt. Der Plot ist durchgeknallt, aber die Hassliebe von Violet/Prinz glaubt man unbedingt. Die Figuren schillern, zeigen charakterliche Untiefen. Ritschel lotet sie in ihrer ganzen Ambivalenz aus. Violet (die überragende Stimme des Abends: Kirsten Labonte) ist fügsame Frau wie selbstbewusster Vamp, der die Männer nach ihrer Pfeife tanzen lässt. Der Prinz (glänzt als kraftvoll-geschmeidiger makelloser Tenor: Carlos Moreno Pelizari) wirbt demütig um Liebe, kann aber auch anders, als skrupelloser Macho, der Violet als Haremsdame versklaven will. Jasmine (großartig als Schwester des Prinzen: Theodora Varga) schwankt zwischen Familienräson und weiblicher Solidarität. Hofmeister Hassan verkörpert eine Frau (souverän: Fabiana Locke), seine Frau dafür ein Mann (bezirzend: Felix Rabas). Schlüsselrollen spielen außerdem Violets Verlobter Hastings (trockener Humor vom Besten: Michael Haake), Jimmy Winterstein (gekonnt tollpatschig: Paul Kmetsch) und seine Nell (gewinnend und gewitzt: Scarlett Pulwey) sowie ein Vicomte (kehrt als umjubelter Gast auf Regensburgs Bühne zurück: Matthias Störmer).

Ein Happy End? Nur bedingt

Das Philharmonische Orchester, von Generalmusikdirektor Stefan Veselka jederzeit energisch und präzise geführt, beweist Hochform, von hauchzart bis schmissig. Der Opernchor ist stimmlich und schauspielerisch ausgezeichnet drauf. Die Tanzkompanie wirbelt, springt und grätscht über die Bühne, dass es eine Art hat, und stiehlt zeitweise allen die Schau.

Sebastian Ritschel hat noble, zeitlose und äußerst aufwendige Kostüme entworfen. Überall glitzern Pailletten und Samt. Und Kristopher Kempf findet für Luxusliner, Harem und Hazienda eine stimmige Matrix: Seine riesige Präsentbox, von den Werkstätten mit 1000 gepolsterten Silberstoff-Dreiecken belegt, ist eine Reverenz an das Geschenk dieser Operette, die jetzt wieder erlebt werden kann, und passt natürlich auch ganz prächtig in die Weihnachtszeit. Die Geschenkschachtel kommt anfangs als Deck des coolen Luxusliners daher und verwandelt sich später in den Prinzen-Puff, eine schwüle Orgie in Pink, in der der Himmel voller Rosen hängt – bis die Vorhänge fallen und Spiegelwände freigeben, die Violet und Prinz zur Selbstbefragung zwingen. Am Ende, auf Violets Hazienda, ist die Box zerrupft, schnöder Karton kommt zum Vorschein. Die Illusionen sind geplatzt, die Gefühle bloß gelegt. Violet wählt doch noch den charmanten Schurken von Schiras. Ein Happy End? Nur bedingt. Auf der Rückwand steht in Riesenlettern „Happy And“.

„Der Prinz“ im Radio und mit Frosch

Sendung: Deutschlandfunk Kultur strahlt die Premiere von „Der Prinz von Schiras“ aus: am 29. Dezember, 20.03 Uhr. Für die Operette zum Nachhören ist eine CD geplant.

Auszeichnung: Hier küsst der Frosch den Prinzen: Die Redakteure des „Operetten-Boulevards“ vom BR verkündeten noch bei der Premierenfeier, dass die Regensburger Inszenierung den begehrten Operetten-Frosch erhält. Der Preis würdigt Operetten-Mut und ehrt besonders gut gemachte, originelle und zeitgemäße Produktionen.

Violet (Kirsten Labonte) mit ihrem Verlobten Hastings (Michael Haake), im Hintergrund: der Prinz Foto: Marie Liebig
Wird gestreichelt und gebusselt: Der Prinz von Schiras mit seinem Harem. Foto: Marie Liebig
Auf der Hazienda: Die Tanzkompanie wirbelt, springt und grätscht über die Bühne. Foto: Marie Liebig