Die Operetten-Sensation: Theater Regensburg bringt verschollenes Werk auf die Bühne

„Der Prinz von Schiras“ wurde bei der Uraufführung 1934 bejubelt. Nur vier Jahre später musste Komponist Joseph Beer fliehen. In Regensburg ist die verschollene Operette jetzt erstmals wieder zu erleben.
Im Neuhaussaal ist am Sonntag kaum ein Platz frei. Einige hundert Menschen wollen hören und sehen, was es mit der geheimnisvollen Operetten-Entdeckung auf sich hat, mit der das Theater Regensburg nun zum großen Aufschlag ausholt. 90 Jahre nach der Uraufführung 1934 in Zürich findet „Der Prinz von Schiras“ erstmals wieder auf eine Bühne, und damit es so weit kommen konnte, mussten ein paar äußerst unwahrscheinliche Dinge zueinander finden.
„Wir sind Jäger, die viel Lebenszeit in Antiquariaten verbringen“, sagt Intendant Sebastian Ritschel, der die Operette auch inszeniert, im Neuhaussaal, und meint damit sich und Chef-Dramaturg Ronny Scholz. Seit Jahren suchten sie nach Noten von Joseph Beer, dem Schöpfer des Sensationserfolgs „Polnische Hochzeit“, die den jungen Komponisten 1937 über Nacht weltberühmt gemacht hatte. Zu Beers Erstling aber, „Der Prinz von Schiras“, fehlten alle Quellen – bis Ritschel und Scholz beim Stöbern in einem Spezialgeschäft ein schmaler roter Band in die Hände fiel: der Original-Klavierauszug von 1930.
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Die zwei Musikwissenschaftler nervten viele Verlage, speziell Ricordi, wo es hieß: Leider, es finde sich zu dem Werk nichts mehr. Sie beschlossen endlich, den „Prinzen“ nur auf Grundlage der Klavier-Noten re-orchestrieren zu lassen. Mit dem Wiener Musikverlag Doblinger und mit dem Rückhalt von Joseph Beers Töchtern Suzanne in Paris und Béatrice in Philadelphia erstritt man bei Ricordi die Rechte an der Operette und mit der Rekonstruktion war bereits ein Experte beauftragt, als ein überraschender Anruf aus den USA kam: Ricordi hatte die Originalnoten doch noch irgendwo in den Tiefen des Archivs entdeckt. Der Weg zur Rettung eines Musik-Juwels, mit dem Theater Regensburg als Editor, war frei.
Publikum ertobt sich das Lied vier Mal in Folge
„Du warst der selige Traum, den es nur einmal gibt“: Als Tenor Carlos Moreno Pelizari bei der Matinee mit samtig-leidenschaftlicher Stimme seine Violet anschmachtet, bekommt er zwar keine 17 Minuten Applaus, und er muss das Lied auch nicht vier Mal in Folge singen, wie es sich das Publikum bei der Wiener Premiere ertobt und ertrampelt hatte, aber: Die Herzen im Saal fliegen ihm zu und ein hartnäckiger Ohrwurm ist gesetzt. Könnte gut sein, dass es so kommt wie Ronny Scholz vermutet: „Mit der Aufführung in Regensburg wird das ein Weltschlager.“ Joseph Beer war ganze 24, als er „Der Prinz von Schiras“ komponierte, an der Seite zwei ziemlich geniale Librettisten: Ludwig Herzer, der nach Feierabend als Gynäkologe Lieder etwa für „Das Land des Lächelns“ schrieb, und Star-Texter Fritz Löhner-Beda. Welche Werke die Musikwelt Joseph Beer später noch hätte verdanken können, lässt sich nur vermuten. Aber die wenigen Takte am Klavier und das Duett, das Carlos Moreno Pelizari und Kirsten Labonte am Sonntag singen, geben eine Ahnung, wie enorm die Bandbreite der Einflüsse war und wie souverän und tricky der Komponist sie gegeneinander ribbelte und verschmolz – von Léhar und Puccini bis Jazz, Tango und Cancan. „Unglaublich“, nennt Generalmusikdirektor Stefan Veselka die komplexe Musik, die einem in die Beine fährt. „Diese Leichtigkeit“, sagt er, „ist nur schwer zu erzeugen.“
„Oper mit ein bisschen -ette“
Irrer als die abenteuerliche Entdeckung ist vielleicht nur noch die Story um den Prinzen und seine Violet, die Liebesirrungen und -wirrungen folgen, untergraben von allerhand operettenuntypischen charakterlichen Untiefen. „Verhandelt wird Oper mit ein bisschen -ette“, wortspielt Ronny Scholz.
Ausstatter Kristopher Kempf entwirft als Matrix eine hausgroße Präsentschachtel, die erst Luxusliner ist, dann puffiger Harem unterm Rosenhimmel und schließlich Hazienda in Alabama. Das Theater zieht alle Register, mit Orchester, Chor, Tanzcompany und zehn Solisten. Der BR schneidet die Premiere mit, der Deutschlandfunk strahlt sie aus und 2024 soll eine CD erscheinen.
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Der Ruhm von Joseph Beer währte kurz. Der Sohn eines Bankiers, 1908 in Österreich-Ungarn (heute Ukraine) geboren, flüchtete 1938 vor den Nazis nach Paris und tauchte, als die Deutschen auch in Frankreich einmarschierten, als Jean-Joseph Bérard in Nizza unter. Vater, Mutter und Schwester wurden im KZ ermordet, Ludwig Herzer floh schwer krank in die Schweiz, wo er 1939 starb, und Mentor Fritz Löhner-Beda wurde 1942 in Auschwitz tot geprügelt.
Joseph Beer gründete eine Familie, brachte sich durch und starb 1987. „Aber von seinen Werken von früher wollte er nichts mehr wissen“, schilderte Tochter Suzanne Beer im April 2023, bei einer Gala zu Ehren ihres Vaters in Regensburg. Die Musik schmerzte ihn wohl. Er verbot alle Aufführungen. Das Publikum wollte von „Polnische Hochzeit“ nicht lassen, die Operette wurde – in Finnland und Schweden etwa – noch bis Ende der 1980er weiter gespielt. Tarnname: „Mazurka“.
Premiere am 16. Dezember
Premiere: „Der Prinz von Schiras“ feiert seine deutsche Erstaufführung am 16. Dezember (19.30 Uhr) im Theater am Bismarckplatz. Die Operette von Joseph Beer (Libretto: Ludwig Herzer und Fritz Löhner-Beda) inszeniert Intendant Sebastian Ritschel.
Besuch: Für Suzanne Beer aus Paris, eine der Töchter des Komponisten, wird es ein besonderer Moment, das einst gefeierte, dann verschollene Werk ihres Vaters erstmals zu erleben.
