Reinhard Kellner im Interview: „Es fehlen 2000 bezahlbare Wohnungen“

Von Heike Haala · 14. Dezember 2023 um 12:00

Zum Jubiläum der Sozialen Initiativen Regensburg spricht Vorsitzender Reinhard Kellner über das soziale Klima in der Stadt, seine härtesten Kämpfe und einen großen Wunsch.

50 Jahre, 35 Vereine, unzählige Regensburger, die hier Hilfe fanden: Könnten Sie kurz erklären, was die Sozialen Initiativen überhaupt sind?

Reinhard Kellner: Die sozialen Initiativen sind ein Dachverband von sozialen Vereinen, die gemeinsam haben, dass sie ehrenamtlich strukturiert sind. Das heißt: Alle Vorstände bei uns sind ehrenamtlich tätig und natürlich auch die meisten Mitarbeiter.

Und was ist das Soziale an den Sozialen Initiativen?

Kellner: Wir gehen da hin, wo die Verbände und teilweise auch die Kirche nicht mehr hingehen: Knast, Obdachlose und so weiter. Was uns als sozial auszeichnet, ist auch, dass wir immer schon die Armutsdebatte in Regensburg geführt haben. Wir haben 1999 angefangen, mit dem Evangelischen Bildungswerk einen Armutsbericht zu erstellen. Inzwischen gibt es den Stadtpass, mit dem 7000 Menschen zum Halbpreis Bus fahren, ins Theater oder ins Westbad können. Zudem waren wir die Mitbegründer des Ausländerbeirats.

Wie ging das 1974 los mit den Sozialen Initiativen und wer von damals ist bei der Party zum 50. noch dabei?

Kellner: Wir haben mit vier Vereinen angefangen. Drei davon sind jetzt noch dabei: der

Arbeitskreis für ausländische Arbeitnehmer, Sozialer Arbeitskreis, der jetzt der Donaustrudel-Herausgeber ist, und die Straffälligenhilfe Kontakt e. V. . Wir haben damit angefangen, dass wir uns stark in die Jugendzentrumsbewegung eingemischt haben: Die Zentren Weingasse, Fantasy, und Arena sind durch unsere Initiative entstanden. 1974 gab es in Regensburg noch kein Jugendzentrum.

Welches waren die größten Kämpfe, die Sie in diesen 50 Jahren im Sinne des Engagements ausfochten?

Kellner: Es gab einen ganz, ganz großen Kampf. Da ging es um die Kürzung der freiwilligen Leistungen der Stadt. Das sollte ein einziges Streichkonzert werden. Da haben wir uns mit vielen anderen Verbänden erfolgreich dagegen gestellt. Das war wichtig, weil diese ehrenamtliche Kultur in Regensburg, die es gerade bei den Freiwilligen gibt, ist schon etwas ganz Wichtiges.

Was schätzen Sie, wie viele Menschen haben die Sozialen Initiativen erreicht?

Kellner: Mehr als Zehntausend in all den Jahren.

Jetzt, zum Jubiläum, ist oft die Rede davon, dass Sie und Ihre Mitstreiter das soziale Klima der Stadt geprägt haben. Nun sagen Sie doch mal: Wie bringt man es zu solchen Lorbeeren?

Kellner: Zum Beispiel mit der Kontakt- und Informationsstelle für Selbsthilfegruppen (Kiss). Wir geben seit 1987 jedes Jahr ein Verzeichnis der Selbsthilfegruppen raus, das bei Ärzten oder Apotheken aufliegt und auf das jeder Zugriff hat. Da sind inzwischen 300 Selbsthilfegruppen, zu denen der Mensch gehen kann, wenn er Depressionen, Alkoholprobleme oder gesundheitliche Probleme hat. Wir haben aber auch mit einer Wärmestube mitgeholfen, dass es am Bahnhof Streetwork gibt. Daraus hat sich der Kontaktladen von Drugstop in der Landshutstraße ergeben. Die Mitarbeiter dort erreichen natürlich nicht alle und es gibt noch Stress am Bahnhof. Aber ich möchte nicht wissen, was dort los wäre, wenn es den Kontaktladen nicht gäbe.

Welche Schicksale oder Begegnungen haben Sie in den vergangenen 50 Jahren besonders berührt?

Kellner: Die gab es etwa beim Frühstückstreff „sozial und offen für alle“ (Sofa). Da sind einsame, ältere, obdachlose Menschen, die sich einmal in der Woche am Montag drei Stunden treffen. Und da habe ich einige Male erlebt, dass Leute – selbst aus Drogen heraus – über kleine Anfänge oder Arbeitsgelegenheiten in eine geförderte Stelle rutschten und die Sucht dann tatsächlich hinter sich gelassen haben.

Irgendwann machen Sie ja auch mal Feierabend: Gelingt es Ihnen, die mitunter heftigen Themen an der Garderobe abzulegen oder schleppen Sie sie den restlichen Tag mit sich herum?

Kellner: Man hat ja eine Ausbildung. Ich bin Diplompädagoge von Beruf, deswegen weiß ich, dass man die Menschen und Probleme nicht zu nah an sich rankommen lassen darf, aber das gelingt nicht immer. Meine Frau weiß davon, ein Lied zu singen. Dann muss ich mich halt erst einmal zu Hause in Ruhe irgendwo hinsetzen und ein wenig reflektieren oder eine gute Musik hören, dann geht es schon. Das habe ich eigentlich immer ganz gut hingekriegt.

Zum Geburtstag darf man sich etwas wünschen. Was wünschen sich die Sozialen Initiativen?

Kellner: 2000 Sozialwohnungen. Es fehlen 2000 bezahlbare Wohnungen. Wir müssen einfach mehr Wohnraum schaffen. Die Stadtbau braucht dafür hier eine Führungsrolle. Meiner Ansicht nach müsste sie von der Stadt mit mehr Geld ausgestattet werden, um Wohnungen zu bauen. Es geht schon seit Jahren darum, dass wir nicht mehr als maximal 100 geförderte Wohnungen pro Jahr schaffen. Wir bräuchten aber mindestens 300 pro Jahr. Außerdem muss die Stadt die Genossenschaftswohnungen nach vorne schieben, indem sie ihnen bei der Grundstücksvergabe Vorteile einräumt. Ich glaube, das ist etwas, was von ganz oben kommen muss.

Welche Projekte prägen das Jubiläumsjahr der Sozialen Initiativen?

Kellner: Das sind die Friedensgespräche auf dem Neupfarrplatz. Wir wollen den Fokus auf den Frieden legen, weil die anderen, finde ich, reden genug von Waffen. Es muss eine Friedensbewegung geben, die da dagegen hält. Wir sind schon mehrmals als Putin-Freunde bezeichnet worden. Ich kann da nur dagegen sagen, dass das Wort Freund überhaupt nicht angebracht ist. Wir sind ihm natürlich sehr kritisch gegenüber, aber wir glauben trotzdem, dass man verhandeln muss.

Und auf was freuen Sie sich in der kommenden Zeit?

Kellner: Das ist unsere Jubiläumsfeier am 18. Dezember und, dass wir uns wieder entschlossen haben, das Gassenfest zu feiern: Es wird von 21. bis 23. Juni steigen.

Das Interview führte Heike Haala

Das Jubiläum

Termin: Die Feier zum Start ins Jubiläumsjahr ist am Montag, 18. Dezember, um 19:30 Uhr im Kolpingshaus.

Laudatio: Journalist Heribert Prantl soll zum Thema "Zukunft gemeinsam gestalten" sprechen. Angekündigt ist eine Themenreise mit Aspekten wie dem Ukrainekrieg, Armut, Frieden oder die Würde des Menschen.

Teilnahme: Wer zu der Feier kommen möchte, ist gebeten, per E-Mail unter Info@soziale-initiativen.de zu reservieren.

Spendenkonto: Soziale Initiativen DE50 7505 0000 0000 039065